„Erstaunlich, wie viel Obst man jetzt auf Büchern findet.“

Ein Interview mit Monika Feth

Mal angenommen, jemand würde eine Biographie über Sie schreiben. Gibt es da eine Sprosse auf Ihrer Karriereleiter, die Sie auf jeden Fall darin sehen wollen?
Meine Bücher markieren einen Weg, auf dem mir jeder einzelne Meter wichtig ist. Ich habe mit Büchern für Erwachsene angefangen. Danach kamen meine Kinderbücher. Dann habe ich angefangen, für Jugendliche zu schreiben, und das hat mich begeistert, weil diese Art des Schreibens wieder ganz anders ist. Bei Kindern muss man immer überlegen: was versteht ein Kind? Wie genau muss man sein? Wie einfach?
Bei Jugendlichen fallen solche Überlegungen weg. Für sie kann ich schreiben wie für Erwachsene, was ich auch tue. Der Begriff „Jugendliche“ interessiert mich eigentlich überhaupt nicht. Ich verstehe nicht, warum viele Buchhändler und Bibliothekare Bücher für 17 Jährige in der Kinderbuchabteilung unterbringen. Das ist doch verrückt! Welcher 17 Jährige will sich denn seine Bücher in der Abteilung für die Kleinen suchen?

Den Erdbeerpflücker gibt es ja auch als Ausgabe für Erwachsene. Gibt es denn da jetzt einen Unterschied, wenn Sie doch grad eben gesagt haben, es gebe keinen?
Nein. Das Buch hat bloß ein anderes Cover bekommen. Doch das ursprüngliche Cover – leckere, verführerisch schöne Erdbeeren auf weißem Grund - blieb das erfolgreiche. Es ist unglaublich oft kopiert worden. Plötzlich kullerte alles mögliche Obst über die Buchdeckel, Erdbeeren, Kirschen, Pfirsiche. Und als alles Obst sozusagen verbraucht war, folgte Gemüse ... Das war schon komisch.

Ist man sehr stolz drauf, wenn man eine Jugendkrimi-Welle sozusagen losgetreten hat?
Man ist vor allem überrascht. Und natürlich erfreut. Ich habe ganz unschuldig meinen ERDBEERPFLÜCKER geschrieben, und war überhaupt nicht auf diesen überwältigenden Erfolg vorbereitet. Aber stolz? Nö. Ich finde es toll. Ich freue mich für euch, dass es jetzt auch Krimis gibt, weil ich finde, das ist einfach ein Gewinn. Es mag nun mal nicht jeder Fantasy ...

Haben Sie von den Büchern, die Sie selber geschrieben habe, auch ein Lieblingsbuch?
Ja.

Ist das der Erdbeerpflücker?
Nein. Ich liebe alle meine Bücher, aber ...

Sollen wir raten? Dann würde ich sagen, Fee.
Ja. FEE ist besonders kostbar. Es ist das einzige Buch, das ich über jemanden geschrieben habe, der wirklich gelebt hat, und das war ein Mädchen aus einem Nachbarort, das mit 20 Jahren an einer äußerst seltenen Krankheit gestorben ist. Sie war schwerstbehindert, konnte nicht mehr sprechen, sich nicht bewegen, nicht mal den Kopf, sie wurde künstlich ernährt – und trotzdem hat sie jeden bezaubert, der ihr begegnete.
Anfangs konnte ich aus dem Buch gar nicht richtig vorlesen, weil mir immer die Tränen kamen. (Monika Feth zieht ihr Jäckchen wieder über. Irgendwie wird einem kalt.)

SO ein Buch schreibt man einmal in seinem Leben. FEE berührt die Zuhörer bei Lesungen ganz tief. Das Buch gibt es nun schon in der dritten Auflage, obwohl es ein so stilles, schwieriges Thema behandelt. Es gibt in diesem Buch aber auch eine wunderschöne Liebesgeschichte. Und eine traumhafte Schottlandreise. Es ist nicht nur traurig. Man kann beim Lesen auch schmunzeln, sich freuen, Sehnsucht empfinden.

Wie fänden Sie's eigentlich, wenn ein Buch von Ihnen mal verfilmt werden würde?
Es sind schon vier Bücher verfilmt worden.

Oh, da haben wir was nicht mitgekriegt!
Drei Bilderbücher für die ‚Sendung mit der Maus’. Und ein Kinderbuch. DIE BLAUEN UND DIE GRAUEN TAGE mit Inge Meisel in einer ihrer letzten Rollen. Sie war 89, als sie die Rolle der altersverwirrten Hauptfigur spielte. Was sie wunderbar gemacht hat.
Ja, und demnächst wird nun endlich der ERDBEERPFLÜCKER verfilmt. Das freut mich wahnsinnig! Ich hoffe, es wird ein Casting geben, denn meine Fans warten sehnsüchtig darauf und begraben mich unter Mails, in denen sie danach fragen.

Okay, kompletter Themenumschwung: Haben Sie eigentlich ein Wundermittel zum Schreiben? So als Beispiel: Schiller brauchte ja immer den Geruch von faulenden Äpfeln in der Nase.
(lacht) Ich glaube, was ich hauptsächlich brauche, ist Stille. Mir geht momentan Lärm auf die Nerven. Früher konnte ich überall und zu jeder Zeit schreiben. Mittlerweile liebe ich die Ruhe. Die Logik in den Krimis verlangt viel Konzentration. Ich erarbeite eine erste Fassung und überarbeite die dann zwei Monate lang. Dabei muss ich über mehrere Wochen komplett alles, jedes noch so winzige Detail im Kopf behalten. Das ist ziemlich anstrengend.
Was ich sonst brauche, ist viel, viel, viel, viel schönen heißen starken grünen Tee.

Steckt viel Monika Feth in Imke Thalheim?
Nein. Sie ist ein völlig anderer Typ. Sie verschafft mir allerdings die Möglichkeit, über meinen Beruf zu schreiben, über Lesereisen und die verrückten Sachen, die einem als Autor unterwegs und überhaupt so passieren. Ihr werdet aber Teile von mir in jeder Figur finden. Geht gar nicht anders, weil ja jede Figur direkt aus meinem Kopf kommt.

Haben Sie einen Lieblingscharakter? Außer Bert Melzig?
Ich liebe Merle. Sie ist so, wie ich früher selbst gern gewesen wäre. Ein Mädchen, das sich alles zutraut, das sich nicht einschüchtern lässt von Menschen und ihren Verboten...
Und ich mag meine Täter. Sehr. Ich muss mich stark in sie hinein versetzen, um zu verstehen, was sie antreibt, und ich komme ihnen sehr nah. Sie sind unglaublich interessant und charismatisch.
Aber auch die „Guten“ in meinen Büchern haben ihre Brüche. Die Merle ist ja nicht nur tough, sie macht auch Sachen, die eigentlich nicht in Ordnung sind. Jette hat ihre eigenen Abgründe. Jeder hat mit einer Vergangenheit zu kämpfen und eine Gegenwart zu meistern. Wenn mir etwas wichtig ist bei meinen Krimis, dann die Erkenntnis, dass jeder Mensch beides in sich trägt, das Gute UND das Böse.

Haben Sie selbst auch Lieblingsautoren?
Oh, da gibt es soooo viele. Ich bin eine Wald- und Wiesenleserin, ich lese alles, was mir in die Finger kommt. Im Moment verschlinge ich vor allem Krimis. Ich liebe Bücher, in denen man sich zu Hause fühlt. In die man eintauchen kann, die man kennt, in denen man sich wohl fühlt. Das genieße ich sehr. Solche Bücher finde ich mittlerweile kaum noch, weil ich immer mehr mit den Augen einer Autorin lese, die neben der Handlung auch das Handwerk der Kollegen wahrnimmt und beurteilt.

Schreiben Sie, bevor Sie so richtig loslegen, erst mal einen Plot, oder setzen Sie sich ran und schauen, was die Figuren aus der ganzen Angelegenheit machen?
Ich entwickle eine Grundgeschichte. Beim TEUFELSENGEL zum Beispiel: Mädchen vermutet Serienmörder und recherchiert. Das ist meine Grundgeschichte. Dann überlege ich mir die Figuren, dann das Milieu, dann das Verbrechen und was dahinter steckt. Wenn ich diesen groben Aufbau habe, fange ich an zu schreiben. Wenn ich schon wüsste, was in der Geschichte vorkommt und wie sie ausgeht - das weiß ich häufig noch 40 Seiten vorher nicht- würde ich vielleicht irgendwann die Lust daran verlieren.
Bei meiner Art zu schreiben, also nur mit losem Konzept, stellen sich mir selbst oft vor Spannung die Nackenhaare auf. Und meine Figuren haben einen größeren Handlungsspielraum. Dadurch werden sie realistischer und wahrhaftiger.

Die typische Frage, die man allen möglichen Autoren stellt: Was bedeutet Bücher schreiben für Sie?
Freiheit.

Vielen Dank für das Interview!!!

Autorin / Autor: feli und jojo - Stand: 4. Januar 2010
 
 
 
 
 

School@GreenEconomy

 
 

Links

Blaue Computermaus
 

Rezensionen schreiben

 

LizzyNet-App

 

Rezensionen

weiße Bücher mit der Aufschrift Rezenionsen
  • Rezensionen
    Buch-, Musik und Filmtipps von und für Mädchen!
 

Informier dich!

 

Kontakt

 

Vernetz dich mit uns