Mädchensache - Teil 5

von Marianna Glanovitis

4.  Ein gewagter Diebstahl

„Mir ist etwas aufgefallen“, sagte Thomas, als sie es sich gemütlich gemacht hatten.
„Kurz bevor ihr gekommen seid, ist Lukas an meinem Wohnwagen vorbeigeschlichen. Ich habe mich schon gefragt, was der dort will. Aber ich bin natürlich nicht auf den Gedanken gekommen, ihm zu folgen.“ Er sah sehr verärgert aus.
„Ach, das ist nicht so schlimm“, versuchte Sabine ihn zu beruhigen. „Das kann ja jedem einmal passieren. Nimm’s nicht so schwer, Thomas!“
Lea gab sich alle Mühe, doch trotzdem konnte sie ihre Ratlosigkeit nicht verbergen.
„Ich weiß nicht mehr weiter“, gab sie zu. „Was sollen wir jetzt tun?“
„Tja, das ist hier die Frage“, murmelte Sabine. „Wir wissen zwar ziemlich sicher, dass Lukas der Dieb ist, aber wir wissen nicht, wo er seine Beute versteckt hat. Wenn wir also das Beuteversteck finden würden oder ihn ertappen, wenn er gerade seine Beute versteckt, dann könnten wir beweisen, dass er der Dieb ist. Wir sollten also die Beute suchen. Wer hat einen Vorschlag, wo sie sein könnte?“
„Sie könnte ja unter Lukas’ Wohnwagen versteckt sein“, schlug Lea vor.
„Das könnte sein“, antwortete Sabine. „Ein Versuch kann nicht schaden.“
Also machten sie sich auf den Weg. Langsam und vorsichtig schlichen sie an Lukas’ Wohnwagen heran.
Dann konnten sie aufatmen: Lukas schien nicht da zu sein.
„Glück gehabt“, seufzte Sabine. „Trotzdem sollten zwei Schmiere stehen. Wir wollen ja nicht, dass er uns überrascht, wenn er zurückkommt. Lea und Thomas, macht ihr das, bitte? Wenn er kommt, pfeift einfach dreimal! Dann wissen wir Bescheid.“
Sabine und Sara schlichen sich an den Wohnwagen.
Mit angehaltenem Atem spähten sie darunter. Doch dann erlebten sie eine Enttäuschung. Unter Lukas’ Wohnwagen war nichts, außer ein paar Piniennadeln und Spinnen.
„Tja, das war wohl nichts!“, sagte Sabine, nicht im Geringsten entmutigt. „Hat noch jemand einen Vorschlag?“
Eine geschlagene Stunde lang tauchten sie an den abgelegensten Winkeln, den kleinsten Wäldern und den größten Lichtungen auf, um nach einem möglichen Beuteversteck Ausschau zu halten. Nach und nach wurde auch Sabine immer ratloser.
Sie hatten die Beute nicht gefunden. Nach dieser Enttäuschung setzten sich die Mädchen und Thomas in ihr Geheimversteck und berieten, was nun zu tun sei.
„Alles kann dieser Dieb“, schimpfte Sabine scherzhaft. „Uns entwischen, Armbänder klauen, Uhren klauen… nur die Stereo-Anlage von meinem Vater klauen, das bringt er nicht fertig!“
Thomas sah sie fragend an. Also erklärte Sabine ihm die ganze Sache.
„Unser Vater hat in den Urlaub seine teure Stereo-Anlage mitgenommen. Das Teil läuft den ganzen Tag. Da sie so teuer ist, lässt er sie nicht mehr aus den Augen, sodass wir gar nichts mehr zusammen unternehmen. Und wenn es uns doch einmal gelingt, ihn davon loszureißen, dann ist er motzig, schließt den Wohnwagen mit der Stereo-Anlage darin ab, sogar wenn Lea und ich auf unserem Platz bleiben. Er dreht die Musik so laut, dass wir es hören müssen. Er ist fast so nervig wie Dominik…“
„Apropos, Dominik“, unterbrach Lea sie. „Von dem hören wir ja zurzeit gar nichts mehr! Wo steckt der eigentlich, Sara? Nicht, dass ich mich beklagen will, aber wir haben heute den ganzen Tag noch nichts von ihm gehört. Heckt der etwa eine Dummheit aus?“
„Nein!“, kicherte Sara und zerzauste ihrer Freundin freundschaftlich das lockige, dunkle Haar. „Dominik hat eine Freundin!“
„Was?“ Sabine sah aus, als hätte sie soeben einen Stromschlag bekommen.
Lea grinste. „Ach, deshalb ist er vorhin mit hochrotem Kopf und einer Rose über den Platz gerannt?“
„Ist er wirklich?“, fragte Sabine. „Wer ist denn die Glückliche?“
„Ihr kennt doch dieses hübsche Mädchen vom Stellplatz PM2“, erwiderte Sara. „Die hat er beim Eisessen getroffen. Seither sind sie unzertrennlich. Ich kann aber nicht sagen, ob er mehr an ihr oder am Motorschlauchboot ihres Vaters interessiert ist.“
„Hey!“, meldete sich plötzlich Thomas zu Wort. „Wollen wir jetzt über Dominik reden, oder besprechen, was wir weiter unternehmen wollen?“
„Stimmt, du hast ja Recht“, murmelte Sabine verlegen.
„Aber was sollen wir machen?“, fragte Lea verzweifelt. „Hast du denn noch eine Idee?“
„Diese Diebstähle beunruhigen mich“, meinte Sara und warf ihre langen, dunkelblonden Haare zurück. „Es gefällt mir nicht, dass der Täter einfach so auftaucht und verschwindet und niemand hat ihn bisher gesehen oder gehört!“
„Also, ich hab schon eine Idee“, erwiderte Thomas. „Ich könnte doch heute Nacht bei Lukas Wohnwagen Wache halten. Wenn er weggeht, folge ich ihm unauffällig. Vielleicht ertappe ich ihn ja auf frischer Tat…“
„Super Idee!“, rief Lea. „Und wenn etwas passiert und er hat seinen Wohnwagen nicht verlassen, dann wissen wir, dass er es nicht war.“
Sabine stieß geräuschvoll die Luft aus. Das war mal wieder typisch für ihre Freundin. Sie wollte sich einfach nicht damit abfinden, dass es auch schlechte Menschen gab. Wahrscheinlich hoffte sie immer noch, dass die bestohlenen Menschen nur ihre Sachen verlegt hatten.
„Dann ist das also abgemacht“, sagte Sabine. „Thomas beobachtet heute Nacht den Wohnwagen von Lukas.“


Es geschah um genau 1.47 Uhr. Lea war aufgestanden, weil sie noch etwas trinken wollte. Da sah sie, wie eine maskierte Gestalt, in einer Hand eine Taschenlampe, den Stecker der Stereo-Anlage aus der Steckdose zog.
„He!“, rief sie. „Was machen Sie da?“
Im selben Moment hätte sie sich auf die Zunge beißen können. Schnell knipste sie selbst ihre Taschenlampe an. Die Gestalt wirbelte herum. Nur die Augen konnte Lea durch die Schlitze in der Maske deutlich erkennen. Sie funkelten grün in der Dunkelheit.
Lukas hat grüne Augen, dachte sie. Im nächsten Augenblick war der Dieb verschwunden – und mit ihm Papas geliebte Stereo-Anlage. Lea rannte hinterher, doch schnell hatte sie den Maskierten aus den Augen verloren.
Als sie zum Wohnwagen zurückkam, war auch der Rest der Familie wach – Sabine entrüstet, ihr Vater völlig außer sich und ihre Mutter zornig. Keiner konnte begreifen, dass ausgerechnet ihnen so etwas passieren musste.


Am nächsten Morgen gingen sie sofort zu Thomas.
Ohne Umschweife begannen die Mädchen von der letzten Nacht und dem Diebstahl zu berichten.
„Und?“, fragte Lea zum Schluss. „Hat Lukas seinen Wohnwagen verlassen?“
„Mädchen…“, begann Thomas verlegen. „Es tut mir ja furchtbar leid, euch enttäuschen zu müssen, aber ich war gestern Abend so müde. Ich wollte vor der Nachtwache noch ein bisschen schlafen und habe mir den Wecker auf elf Uhr gestellt, aber ich habe ihn einfach verschlafen. Tut mir ja so leid…“
„Ist gut, Thomas“, beschwichtigte ihn Sabine. „Keiner macht dir deswegen einen Vorwurf. Wir wissen ja, dass es dir nicht sehr gut geht.“
„Das stimmt“, sagte Thomas. „Ich fühle mich nicht sehr gut. Ich glaube, ich muss in die Stadt fahren, um zum Arzt zu gehen. Heute ist es besonders schlimm. Tut mir leid, dass ich euch heute nicht helfen kann.“
„Warum kommst du nicht zu uns?“, fragte Sabine. „Unsere Mutter hat einen Erste-Hilfe-Kasten dabei. Damit kann sie dich sicher sehr gut versorgen.“
„Nein, nein“, sagte Thomas. „Das ist nicht nötig. Vielleicht brauche ich ja eine spezielle Behandlung oder Medizin. Ich gehe lieber zum Arzt.“
„Ist es denn sehr schlimm?“, erkundigte sich Lea mitleidig.
„Armer Thomas“, bemitleidete ihn auch Sara. „Es ist ja so ärgerlich, dass du gerade heute so krank bist. Aber so müssen wir wohl ohne dich zurecht kommen.“

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Autorin / Autor: Marianna Glanovitis - Stand: 15. Juli 2010