Auf der Spur der Todes - Ein Interview mit Mark Benecke

Mark Benecke ist der wohl bekannteste, internationale Kriminalbiologe. Nun hat er LizzyPress-Reporterin schwesterhase ein Interview ermöglicht...

Mark Benecke ist der wohl bekannteste internationale Kriminalbiologe. Er wurde 1970 geboren und hat an der Uni Köln Psychologie, Biologie und Zoologie studiert. Einer seiner berühmtesten Fälle ist die Untersuchung von Hitlers Schädel. Neben seiner "normalen" Arbeit als Kriminalbiologe schreibt er Bücher, hält Vorlesungen, ist Tierschüutzer (und Vegetarier!) und ist Spitzenkandidat der Partei "Die Partei". Nachdem ich einige seiner Bücher gelesen habe und auch in einer Vorlesung war, habe ich ihn nun nach einem Interview gefragt - Und schwupps! Da war schon die Antwort Mail!

Was genau machen Sie?
Ich gehe mit den Ermittlern zum Tatort und suche nach Insekten, die sich auf der Leiche angesiedelt haben. Aus der Größe und dem Entwicklungsstadium kann man zum Beispiel schließen, wie lange die Leiche schon liegt. Oder man findet in den Larven Gifte, die in der Leiche selbst schon nicht mehr nachweisbar sind. Ein anderes wichtiges Gebiet ist die Vernachlässigung von alten Leuten und Kleinkindern. Es gibt Insekten, die gehen nur auf Kot und Urin. Und wenn wir die in einer Windel finden, lässt sich manchmal errechnen, wie lange jemand vernachlässigt wurde.

Woran liegt es, dass Sie so viele ungewöhnliche Fälle bekommen?
Zum einen liegt es daran, dass ich auch Fälle übernehme, die andere einfach nicht machen wollen, weil sie unbezahlt, ekelig, mit total ätzenden Reisen an Orte, die die meisten für zu gefährlich oder chaotisch halten, verbunden oder sonstwas sind. Außerdem kann ich manche Dinge besser verkraften, weil ich über eine Leiche nicht als Individuum nachdenke. Es ist nun mal mein Job, die Spuren anzuschauen, nicht das Schicksal der Menschen. Einige fragen sich bestimmt, wie ich solche Dinge bewältige. Man muss einfach hinter das Schreckliche schauen und das sehen, was wirklich passiert ist. Die Welt ist nun mal, wie sie ist. Wenn man das begriffen hat, ist es auch möglich, objektiv an die Sache heranzugehen.

Wie kam es dazu, dass Sie Hitlers Schädel untersuchen durften?
Das erlaubte mir ein merkwürdiger Zufall. Der Schädel lagerte im Moskauer Staatsarchiv und die Zähne beim FSB (ehemals KGB, der Geheimdienst der Sowjet-Union). Ich war der Einzige, der zu beidem gleichzeitig mehrere Tage Zugang hatte und hoch auflösende Farbfotos anfertigen durfte.

Was war früher Ihr Traumberuf?
Ich wollte Koch werden. Auch die paar Tage, die ich im Jahr zu Hause bin, bin ich gerne in der Küche. Ich koche und rühre aber nur sehr schlichte Sachen zusammen, ich hasse Klimbim und Haute-Volée-Getue. Leidtragende ist meine Frau, wie gestern bei einem sehr schlichten Süppchen aus Möhren und Lauch, das sie für "verbesserbar" hielt. Nun ja. Mein Hauptgewürz ist Senf, wir haben ohne Scheiß locker fünfzehn Sorten im Kühlschrank, die ich von überall unterwegs ranschleppe.

Wie kommt man zu so einem Beruf?
Zufall - da bin ich reingeschlittert. Ich habe als Biologe in der Rechtsmedizin promoviert, und so bin ich dazu gekommen. Ich wollte etwas über genetische Fingerabdrücke lernen, und das ging damals nur in der Rechtsmedizin. Und dann waren da unten die Leichen im Keller - mit den Insekten drauf. Die Leichen fand ich aber nicht so wichtig. Der Vorteil war, dass die ganzen Tiere im Keller waren und sich niemand so richtig dafür interessierte. Ich hatte vorher mit Tintenfischen gearbeitet - das sind auch wirbellose Tiere, und so kam ich dazu.

Kann man denn bei der Arbeit mit den Insekten ausblenden, dass die Tiere auf einem toten Menschen rumkrabbeln?
Das braucht man nicht auszublenden, weil das gar nicht eingeblendet ist. Das spielt überhaupt keine Rolle.

Stoßen Sie denn dabei manchmal an Ihre Grenzen? Gibt es Fälle, die selbst Ihnen mit Ihrer Routine an die Nieren gehen?
Nein. Es gibt aber auch keine Routine - man muss jeden Fall einzeln ganz intensiv bearbeiten. Zeit ist meistens die Grenze: Oft hat man nicht genug Zeit. Man muss sich auch ständig mit den Kollegen abstimmen. Ich bin ja nicht Superman, der alles alleine erledigt.

Haben Sie denn nicht öfter Albträume mit verwesten Leichen? Schließlich sind Sie täglich damit konfrontiert?
Nein. Mich interessieren die Spuren auf einer Leiche, nicht die Leiche selbst. Mit verwesten Leichen zu arbeiten, gehört zu meinem Job. Haben Sie als Journalistin etwa Albträume, in denen Druckerschwärze, Papier oder Buchstaben vorkommen?

Denken sie manchmal darüber nach, wer da vor ihnen liegt?
Denken ist nicht mein Job, sondern Spuren suchen. Und ja: das mache ich, und wenn sie vor mir liegen, dann hoffe ich, dass ich sie auch wahrnehme. Ist aber nicht immer einfach, denn die ganze Welt ist ja voller Spuren (Staub, Urin, Kot, Sperma, Haare, Fasern, Blut, Zigarettenkippen usw.).

Empfinden Sie noch Ekel gegenüber der Leiche? Oder gar nicht mehr? Oder nur gegenüber von anderen Sachen?
Ich finde Fleisch essen recht ekelig. Das sind ja nun mal Leichenteile.

Kommen Sie manchmal mit den Angehörigen der Todesopfer in Kontakt?
Ja, bei Fall-Besprechungen, wir arbeiten ja für JEDEN. Das ist für mich sehr interessant, weil die Angehörigen manchmal sehr gute Ermittlungs-Ideen haben, die aber rechtlich oder bei der Polizei nicht umgesetzt werden können.

Was ist für Sie der Sinn des Lebens?
Leben!

Und noch eine letzte Frage:
Glauben sie an ein Leben nach dem Tod bzw. Wiedergeburt?


Tot ist tot. Glaubs mir ;) ;) ;)

Vielen Dank, Herr Benecke!

Autorin / Autor: schwesterhase - Stand: 19. Januar 2011