Genießt euren Körper!

Interview mit Karin Lübbert (Psychologische Psychotherapeutin, Praxis Löwenherz, Hamburg)

Sie haben täglich mit Jugendlichen und deren Problemen zu tun. Was beschäftigt Mädchen heute besonders?

Karin Lübbert: Die Meinung der peer group – die Gruppe der Gleichaltrigen – ist für Jugendliche von enormer Bedeutung. So beschäftigt sie der Streit mit einer Freundin oder eine abwertende Äußerung von anderen Gleichaltrigen enorm und wirkt besonders kränkend. Daneben spielt das Äußere eine große Rolle – zum Beispiel wird viel Zeit in Klamotten-Auswahl und Styling gesteckt. Auch in diesem Punkt vergleichen sich die Mädchen untereinander oder aber mit Vorbildern aus dem Fernsehen. Außerdem spielen familiäre Konflikte, die mit dem Erwachsenwerden einhergehen, eine große Rolle.

Die Pubertät ist eine Zeit, in der viel Unsicherheit herrscht. Wie können Mädchen ihr Selbstbewusstsein stärken?

Karin Lübbert: Wichtig ist: Sich auf eigene Stärken und Fähigkeiten besinnen. Denn die sind ganz andere als die, die ihr an der Freundin so beneidet oder die Jugendliche im Fernsehen haben! Dabei hilft: Hobbys, Interessen, Sportarten, Freundschaften pflegen und vertiefen – einfach Dinge machen, die gut tun und gefallen.

Können Sie eine Methode empfehlen, die hilft, sich selbst mehr zu lieben und ein positives Körperbild zu entwickeln?

Karin Lübbert: Eine gute Methode ist zu lernen, bewusster auf die positiven eigenen Seiten zu schauen und ihnen Zeit zu schenken: Cremt und pflegt zum Beispiel einmal eure schönen Beine, Hände oder Fingernägel, die euch neben eurem vermeintlich „Hässlichem“ eigentlich ganz gut an euch gefallen, genüsslich ein.

Was würden Sie Mädchen raten, die unzufrieden mit ihrem Körper sind?

Karin Lübbert: Auch hier können Mädchen sich ganz bewusst mit ihren positiven Seiten beschäftigen: Wenn die Nase als hässlich und krumm empfunden wird, schaut euch zum Beispiel euren schönen langen Hals ruhig mal länger im Spiegel an! Außerdem: Unternehmt Dinge, bei denen ihr euch in eurem Körper wohl fühlt und genießt es, euren Körper zu bewegen und ihn bewusst zu erleben, zum Beispiel durch Sportarten wie Tanzen.

Makellose Körper mit langen Beinen, glänzendem Haar und flachem Bauch – ist es realistisch, was Mädchen in den Medien sehen?

Karin Lübbert: Definitiv nein! Das von den Medien vorgegebene Schönheitsideal entspricht absolut nicht der Realität. Dazu reicht es mit offenem Blick herumzugehen und sich anzusehen, wie viele Mädchen tatsächlich ganz natürlich –  also ohne Tricks und Hilfen – diesen Idealen entsprechen: sehr wenige.

Immer mehr Mädchen leiden immer früher an Ess-Störungen. Woran glauben Sie liegt das?

Karin Lübbert: Ein Grund ist sicherlich die stärkere Präsenz von unrealistischen Vorbildern in den Medien und die zunehmende Bedeutung von makelloser Schönheit und Jugendlichkeit. Weitere Gründe können der zunehmende Stress in der Schule oder aber familiäre Probleme wie Arbeitslosigkeit in der Familie, Trennung der Eltern, psychische Erkrankung der Eltern oder jobbedingte häufige Umzüge sein.

Ess-Störung, was ist das eigentlich?
Karin Lübbert: Es gibt verschiedene Formen von Ess-Störungen: Das heißt, nicht nur stark untergewichtige Mädchen (über 15 % des für das Alter normalen Gewichtes) können unter Ess-Störungen leiden. Es gibt auch die Anorexia, die Bulimie, das Binge Eating und die Adipositas.

Welche Anzeichen deuten auf eine Ess-Störung hin?

Karin Lübbert: Das wichtigste Anzeichen ist der gestörte Umgang mit Essen. Gestört bedeutet: Wenn ein dauerhafter Gewichtsverlust oder ein Erbrechen herbeigeführt wird, wenn ständig Kalorien gezählt und „Dickmacher“ vermieden werden. Aber auch ein übertriebenes Ausmaß an Sport kann ein Anzeichen sein. Aufhorchen sollte man ebenfalls bei einer gestörten Selbstwahrnehmung, bei der sich Betroffene als zu dick sehen – obwohl dies deutlich von der Realität abweicht. Bei der Adipositas und dem Binge Eating hingegen werden Frustrationen, Einsamkeit, Langeweile oder das Gefühl von innerer Leere durch Essen versucht zu bewältigen – für viele Betroffene ist Essen dann die einzige bekannte Form, sich etwas Gutes zu tun.“

An wen können sich Mädchen wenden, wenn sie psychologische Beratung suchen?

Karin Lübbert: Gute Informationen findet ihr unter www.bzga-essstoerungen.de. Dort werden auch Beratungsstellen aufgeführt, Materialien können bestellt werden und es gibt eine Telefonberatung.

Braucht man eine Einwilligung der Eltern, um psychologische Hilfe in Anspruch nehmen zu können?

Karin Lübbert: Jugendliche nach Vollendung des 15. Lebensjahres können auch ohne die ausdrückliche Einwilligung der Eltern und ohne deren Wissen selbst eine Therapeutin/einen Therapeuten ihrer Wahl aufsuchen. Ab dem Alter von 14 Jahren ist die Weitergabe von Informationen und Geheimnissen an Eltern oder Dritte nur mit ihrer ausdrücklichen Genehmigung zulässig. Zudem gilt unabhängig vom Alter: Wenn eine Gefährdung des Kindeswohles vorliegt, muss der Therapeut/die Therapeutin den Eltern gegenüber schweigen.

Mädchen wollen oft ihre Ruhe haben und verschließen sich. Wo liegt die Grenze zu einer Depression?

Karin Lübbert: Viele depressive Symptome sind in der normalen jugendlichen Entwicklung zu sehen: zu Tode betrübt, gereizt, verschlossen, gelangweilt oder grüblerisch, oft mit sich und der Welt unzufrieden. Die Grenzen zwischen normaler Entwicklung und depressiver Symptomatik sind fließend – und deshalb ist es auch so schwierig, eine eindeutige Diagnose zu stellen. Alarmzeichen sind: Der Rückzug von Hobbys, ein extremer Leistungsabfall in der Schule, extreme Veränderungen in Verhalten und Aussehen, Weglaufen von Zuhause, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Selbstisolierung von Familie und/oder Gleichaltrigen. Wichtig ist zu verstehen: Depressionen sind kein Zeichen persönlichen Versagens, mit schwierigen Lebensumständen umzugehen, sondern eine Erkrankung. Wenn also nach einem vertrauensvollen Gespräch mit den Eltern der Verdacht auf eine depressive Erkrankung bestehen bleibt, sollten sich Betroffene nicht scheuen, professionelle Hilfe zu suchen.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre eigene Pubertät?

Karin Lübbert: Eine anstrengende Zeit, da ich noch nicht genau wusste, wer ich war und was ich gut fand. Zum Glück hatte ich einen stabilen Freundeskreis, der absolut loyal war.

Vielen Dank für das Interview!

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Autorin / Autor: Sabine Melchior/ Karin Lübbert - Stand: 4. August 2009
 
 

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