ANDERS SEIN = ALLEIN SEIN?

Der junge Dämon kauerte sich hinter einen Müllcontainer und sah in ein Fenster gegenüber. Man konnte einen Weihnachtsbaum erkennen.

Verloren. Verloren in dieser Welt, in dieser Stadt, in dieser Gasse. So allein...
Es war eine Woche vor Heiligabend, als ein kleiner Junge, mit gebogenen Hörnern auf dem Kopf und Fledermausflügeln, zitternd durch den hohen Schnee stapfte. Er hatte einen weiten Weg hinter sich.
Seine „Verwandten“ hatten ihn gejagt. Er würde den Ruf aller Dämonen zerstören, meinten sie. Und das alles nur, weil er niemanden verletzen wollte! War das denn so falsch?
Der junge Dämon kauerte sich hinter einen Müllcontainer und sah in ein Fenster gegenüber. Man konnte einen Weihnachtsbaum erkennen.
Vor ein paar Tagen wäre sein 13. Geburtstag gewesen. Aber wen interessierte das?
War man anders, wurde man nicht akzeptiert und schlimmstenfalls sogar...
Er wollte nicht darüber nachdenken. Auf jedenfall konnte er nicht mehr zurück!
Er konnte durch das Fenster sehen, wie eine Mutter ihr Kind umarmte. Er seufzte.
Plötzlich hörte er Schritte. Hatte man ihn etwa gefunden?
Ein Mädchen summte vor sich hin und schmiss kraftvoll eine Mülltüte in den Container. Es hatte lange blonde Haare und wache blaue Augen. Sie trug ein weißes langes Kleid und sah sehr hübsch aus.
Verwundert musterte sie den Jungen. „Ja, wieso sitzt du hier denn so allein  rum?“ Sie setzte sich neben ihn in den Schnee. Der Junge sah wieder sehnsüchtig zu dem Fenster.
„Hmh...“ , machte sie und holte aus ihrer Jackentasche eine Tafel Schokolade. Der junge Dämon streckte ihr sofort seine Hand entgegen. „Aach, du willst etwas von der Schokolade, hm?“
„Ich bin Alexandra. Aber nenn mich Alex.“ Erwartungsvoll blickte sie den kleinen Dämon an. Doch dieser sagte nichts. „Jetzt sag mir doch mal deinen Namen. Sonst nehm’ ich dir die Schokolade wieder weg.“, drohte sie.
„Ich heiße Jayroson-Namun-Tokra.“ Verblüfft starrte Alex ihn an und fing an zu lachen.
„Haha... was für ein...haha... beschissener Name!“ Der Junge wurde ganz rot vor Scham und sah zu Boden. „Ich nenn dich Jay, ist das okay?“, fragte Alexandra und stand auf.
„Ähm ja. Sag mal wieso bist du gar nicht verwundert, dass ich... dass ich so aussehe?“ Wieder fing Alex an zu lachen.
„Och, kleiner Dämon, hast du denn nicht erkannt, was ich bin?“
Als Jay genauer hinsah, erkannte er nun große weiße Schwanenflügel und einen Heiligenschein über ihrem Kopf. Er zuckte zusammen.
„Du bist ein Engel? Dann sind wir Feinde!“ „Ach so ein Unsinn! Solange du dich nicht wie ein Dämon benimmst, bist du für mich auch keiner!“ Jay entspannte sich.
„Obwohl ich ja eigentlich ein Guardian  bin und dafür sorgen muss, dass die Dämonen in der Dämonenwelt bleiben...“ Der Engel sah zu dem überraschten Dämon und sagte wie ertappt: „Na gut, ich WAR einer! Erst war ich ein Wachengel, oben im Himmel, doch da war ich allen zu nervig. Und als Guardian... na ja. Darin war ich auch nicht so gut.“, sie kratzte sich am Kopf, „ und jetzt muss ich dem Weihnachtsmann helfen. Wie ein Elf! Hallo? Nur weil ich ein bisschen anders bin und ein wenig mehr fluche als Engel es normalerweise tun!“
„Fluchen Engel überhaupt?“
„Ich bin halt wie ich bin und Ende! Uhh, es ist verdammt kalt und was ist? Engel müssen trotzdem diese dünnen Kleider tragen! Ich will Hosen!“
Alex schmollte und Jay lächelte. Auf einmal wurde Alex von einem Schneeball getroffen. Sie machte ein wütende Grimasse und drehte sich blitzschnell zu einer Gruppe Jungs um, die scheinheilig ein Weihnachtslied pfiffen.
„Schon wieder ihr? Na wartet, ihr kleinen Rotzbengel!“ Sie machte Schneebälle und warf nach den frechen Jungs, sodass sie lachend und teilweise schreiend davon rannten.
„Wenn ihr mich noch mal nervt dann mach ich euch fertig!“
Jay musste anfangen zu lachen. Das war einfach zu komisch: Ein wütender Engel der fluchte und lieber Hosen als Kleider tragen wollte!
Dann landete ein Schneeball direkt in Jays Gesicht. Alex streckte ihm die Zunge raus.
„Bäh!“ Jay wischte sich den Schnee aus dem Gesicht und sagte: „Hey! Das wirst du mir büßen!“
Ein paar Stunden später ließen sich beide erschöpft zu Boden fallen. „Ich habe noch nie... so viel Spaß gehabt!“, meinte Jay glücklich, „und so einen verrückten Engel wie dich habe ich auch noch nie gesehen!“
„Hey, ich bin nicht verrückt!“, protestierte Alex außer Atem.
Jay sagte: „Es wäre schön wenn es immer so bleiben könnte...“
„Warum sollte es nicht?“, fragte das Mädchen verwundert.
„Na, ich bin ein Dämon und du bist ein Engel!“
„Was soll’s! Ich könnte Hilfe in der Weihnachtswerkstatt gebrauchen... Willst du mitkommen?“ Der kleine Dämon starrte sie mit offenem Mund an.
„G...Ginge das denn?“
„Ja aber klar doch! Wollen wir mal sehen wie wir dich von der schwarzen Liste runterkriegen. Damit du auch schön Geschenke zu Weihnachten bekommst, was?“
Jay lächelte. Was brauchte er jetzt noch Geschenke?

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Autorin / Autor: Kristina - Stand: 8. Dezember 2008