Wir-Gefühl statt Angst

Studie: Muslime in Deutschland eng mit Staat und Gesellschaft verbunden

Bild: LizzyNet

Nach dem schrecklichen Attentat auf das Pariser Satiremagazin Charlie Hebdo am 7. Januar, bei dem Terroristen zwölf Menschen ermordeten, wird in vielen Bevölkerungskreisen die Angst vor oder sogar Hass auf Menschen mit muslimischem Glauben zunehmen - auch wenn PolitikerInnen und VertreterInnen aller Glaubensrichtungen, insbesondere der muslimischen Verbände, nicht müde werden richtigzustellen, dass dieser Terrorakt nichts mit dem Islam zu tun hat. Daher ist es sehr klug, wenn gerade jetzt die Bertelsmann Stiftung ihren jährlichen Religionsmonitor veröffentlicht, in dem klar gestellt wird, dass die hier lebenden Muslime sich in ihren Einstellungen und Lebensweisen stark an den Werten in der Bundesrepublik orientieren und dass die meisten der vier Millionen Muslime in Deutschland zu diesem Land gehören und seine Werte wie Demokratie und Meinungsvielfalt unterstützen und leben. Sogar von den hochreligiösen Muslimen halten 90 Prozent die Demokratie für eine gute Regierungsform. Und auch die den Muslimen oft unterstellte Abschottung ist unrichtig: Neun von zehn Muslimen haben in ihrer Freizeit Kontakte zu Nicht-Muslimen, und jede/r zweite hat sogar mindestens genauso viele Kontakte außerhalb seiner Religionsgemeinschaft wie mit Muslimen (was man von Angehörigen des christlichen Glaubens übrigens nicht behaupten kann). 

Muslime in Deutschland zeigen sich laut der repräsentativen Bevölkerungsumfrage zugleich fromm und liberal. 63 Prozent der Muslime, die von sich sagen, sie seien ziemlich oder sehr religiös, überdenken regelmäßig ihre religiöse Einstellung. Sogar hochreligiöse Muslime hinterfragen immerhin noch zu 40 Prozent, ob ihre Glaubenssätze noch stimmig sind. Demokratie und Pluralität ist den allermeisten mindestens genauso wichtig, wie Angehörigen anderer Religionen. So stimmen zum Beispiel rund 60 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime einer Heirat unter homosexuellen Paaren zu.

Negative Vorurteile gegenüber dem Islam nehmen zu
Leider nimmt das die Mehrheitsbevölkerung aber kaum wahr. Die Verbundenheit der Muslime mit Deutschlands gesellschaftlichen Werten trägt offenbar nicht dazu bei, dass sich negative Vorurteile gegenüber dem Islam abbauen. Im Gegenteil: Nach einer aktuellen repräsentativen Umfrage im Auftrag der Bertelsmann Stiftung empfinden 57 Prozent der nicht-muslimischen Befragten den Islam als Bedrohung. "Für Muslime ist Deutschland inzwischen Heimat. Sie sehen sich aber mit einem Negativ-Image konfrontiert, das anscheinend durch eine Minderheit von radikalen Islamisten geprägt wird", sagt Yasemin El-Menouar, Islam-Expertin der Bertelsmann Stiftung.

So äußern 61 Prozent der Befragten die Meinung, der Islam passe nicht in die westliche Welt. 40 Prozent der Befragten fühlen sich zudem durch Muslime wie Fremde im eigenen Land. Jeder Vierte will Muslimen sogar die Zuwanderung nach Deutschland verbieten. Leider finden sich diese Einschätzungen keineswegs nur am Rand der Gesellschaft. Das Islambild der Deutschen wird auch weder durch die politische Orientierung, das Bildungsniveau noch den Sozialstatus beeinflusst. Entscheidender sind das Alter und der persönliche Kontakt zu Muslimen. So fühlen sich Ältere (61 %) eher durch den Islam bedroht als Jüngere (39 %). Außerdem ist paradoxerweise die Ablehnung am stärksten dort, wo die wenigsten Muslime leben, zum Beispiel in Thüringen und Sachsen (70 %). Aber auch in Nordrhein-Westfalen, wo ein Drittel der deutschen Muslime wohnt, fühlen sich 46 Prozent der Nichtmuslime bedroht. "Darin zeigt sich nicht nur Angst, sondern eine deutliche Ablehnung", so Yasemin El-Menouar in einem Interview mit der Deutschen Welle. "Leider werden in vielen Diskussionen Themen, die sich um die Integration von Muslimen hier in Deutschland drehen, mit Phänomenen wie IS oder Al-Qaida vermischt. Das ist schon eine bedenkliche Entwicklung, wenn so eine kleine Minderheit von Extremisten das Bild einer ganzen Glaubensgemeinschaft prägt", erklärt El-Menouar weiter.

Obwohl die große Mehrheit von 85 Prozent der Deutschen sagt, sie stehe anderen Religionen sehr tolerant gegenüber, scheinen sie dies für den Islam nicht zu empfinden. Trotz des immer besser gelingenden Zusammenlebens der Religionen in Deutschland bestehe die Gefahr einer breit durch die Bevölkerung gehenden Islamfeindlichkeit, sagt Yasemin El-Menouar: "Es gibt vieles in Deutschland, was Muslime und Nicht-Muslime verbindet. Daraus kann ein Wir-Gefühl wachsen. Aber dafür bedarf es einer stärkeren Anerkennung und Wertschätzung der Muslime und ihrer Religion."

Ein "Wir-Gefühl" zu entwickeln beziehungsweise zu erhalten ist besonders nach dem Attentat am 7. Januar in Paris und nach den ansteigenden Anhängerzahlen der sogenannten "PEGIDA"-Bewegung die größte Herausforderung für unsere Gesellschaft. Dies muss uns gelingen, wenn Europa nicht zur "'Munitionsfabrik' von Pegida, Front National und Salafisten" werden will, wie der Journalist Gabor Steingart so treffend kommentierte.

Zur Studie
Der Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung untersucht regelmäßig repräsentativ und international vergleichend die Bedeutung von Religion für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in religiös und kulturell vielfältigen Gesellschaften. Er basiert auf repräsentativen Bevölkerungsumfragen in verschiedenen Ländern. Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung haben fünf Wissenschaftler anhand dieser Daten analysiert, wie Muslime in Deutschland leben und wie der Islam von der Mehrheit wahrgenommen wird. Autoren dieser "Sonderauswertung Islam" sind Prof. Dirk Halm und Dr. Martina Sauer vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI), Prof. Kai Hafez und Sabrina Schmidt von der Unversität Erfurt sowie Prof. Richard Traunmüller (Universität Frankfurt). Hierfür nutzten sie die Daten des Religionsmonitors 2013. Um diese Daten mit dem aktuellen Meinungsbild der Bundesbürger vergleichen zu können, befragte TNS Emnid im Auftrag der Bertelsmann Stiftung Ende November 2014 erneut die Einstellungen der deutschen Bevölkerung zum Islam.

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Autorin / Autor: Redaktion /Pressemitteilung - Stand: 8. Januar 2015
 
 
 

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