Wie tolerant ist Fußball wirklich?

Eine Studie zeigt, wie viel Vorurteile gegen Frauen, Schwule und Migranten es an der Fußballbasis noch gibt

Obwohl Fußball für Werte wie Fairness, Toleranz und gegenseitigen Respekt steht und dieser Sport es wie kaum ein anderer schafft, so viele Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft, Kultur oder Glaubensrichtungen zu verbinden, muss er sich bei genauerem Hinsehen den Vorwurf gefallen lassen, dass es gerade in diesem Sport oft zu Ausgrenzungen wegen sexuellen Orientierungen und Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts oder der Nationalität kommt. In der leider immer noch stark männlich geprägten Sportart müssen sich besonders lesbische und schwule SpielerInnen Anfeindungen gefallen lassen oder sie werden ausgegrenzt. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu Homophobie, Rassismus und Sexismus im Fußball, die am 8. Juni vorgestellt wurde.

Kennt ihr einen schwulen Profifußballer?
Gerade bei den Männern scheint Homosexualität ein Tabuthema zu sein. Dabei müsste laut Statistik jeder zehnte Spieler und jede zehnte Spielerin homosexuell sein. Vermutlich aus Angst vor möglichen negativen Reaktionen gibt es aber weder in der Ersten noch in der Zweiten Bundesliga einen Spieler, der sich offen zu seiner Homosexualität bekannt hat. Bei den Bundesligaspielerinnen verhält es sich ähnlich. Zu dem Thema Homophobie im Fußball gibt es vergleichsweise wenig wissenschaftliche Studien. Diese „Lücke“ zu schließen beabsichtigt die Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung, die nicht nur die bislang gewonnenen Einblicke über Homophobie, Rassismus und Sexismus im Fußball analysieren, sondern auch Strategien und Maßnahmen dagegen entwickeln will.

Ein Kaffeeservice für den Europapokal
Die Autorinnen der Studie Prof. Dr. Nina Degele und Caroline Janz M.A. spannen einen Bogen, der bei der diskriminierenden Geschichte des Frauenfußballs beginnt und spüren dabei auch die heute noch gängigen Diskriminierungen über kickende Frauen auf. Wir erfahren zum Beispiel, dass Frauen in England von Anfang an dem "körperbetonten, wilden Volkssport" teilnahmen. In Deutschland war Frauenfußball jedoch nur während des ersten Weltkrieges populär, weil die Männer ja im Krieg waren. Danach passten Frauen und Fußballfelder offenbar nicht mehr so ganz zusammen. 1955 verbot der Deutsche Fußballbund (DFB) den Frauen sogar das Fußballspielen mit der Begündung, der harte Sport "widerspreche der Psyche einer Frau und ihrer Gebärfähigkeit" und sei damit gesundheitsschädigend. Die Frauen spielten trotzdem weiter: bis 1963 in 70 Länderspielen. Seit 1970 dürfen Frauen auch offiziell wieder spielen, allerdings mit Sonderregeln, die einen leichteren Ball und eine kürzere Spielzeit von 2 mal 30 Minuten vorsahen. Trotz der steigenden Anerkennung des Frauenfußballs erreicht er dennoch nicht die Popularität und schon gar nicht die finanzielle Unterstützung, die dem Männerfußball zuteil wird.  Zwar bekommen die Frauen heute nicht mehr ein Kaffeeservice, wie beim Gewinn der Europameisterschaft 1989, dennoch liegt die Siegprämie für die weiblichen WM-Spieler bei 60.000, während Männer 250.000 Euro nach Hause bringen, also mehr als das Vierfache.

"Schwule? Gibt's nicht!"
Im zweiten Themenkomplex Homophobie bescheinigen die Autorinnen Degele und Janz dem DFB zwar, dass er sich in den letzten Jahren offen gegen die Diskrimierung schwuler und lesbischer FußballspielerInnen ausspricht - und das ist nicht zuletzt der steigenden Anzahl schwul-lesbischer Fanclus zu verdanken - in Gruppendiskussionen mit 18 örtlichen Fußballvereinen und Fanclubs fanden die Wissenschaftlerinnen jedoch noch jede Menge Vorbehalte bis hin zu offener Ablehnung. Interessant dabei: während das Lesbisch sein weiblicher Spielerinnen mit mehr oder weniger Achselzucken zur Kenntnis genommen wird, werden schwule Spieler oft als Bedrohung dieses "männlich-kämpferischen" Sports wahrgenommen: "Schwule? Gibt's nicht!" oder "Fußball ist immer noch eine absolute Männersache, eine masku..., eine ... Hetero- Männersache.“ (Zitate aus Gruppendiskussionen)

"Die Jungs sind ziemlich deutsch"
Auch das Thema Rassismus scheint trotz großer Anstrengungen seitens des DFB und vieler großer Fußballvereine nach wie vor nicht vom Tisch - genauer gesagt vom Fußballfeld. Zwar haben viele Vereine Satzungen und Stadienordnungen verfasst, die jegliche Diskrimierung verbieten - auch wegen zunehmend rassistischen und rechtsradikalen Ausbrüchen von Fanclubs in der Vergangenheit - dennoch müssen SpielerInnen mit dunklerer Hautfarbe und /oder mit Migrationshintergrund weiterhin auf der Hut sein. Sind sie gut, dann ist dies ein "gelungenes Beispiel für Integration", wie es so oft während der letzten WM geäußert wurde, aber ihre individuelle Leistung verschwindet hinter einem obskuren Verständnis vermeintlich deutscher Tugenden, befinden die Studienautorinnen. So kommen dann Aussagen zustande wie „Die Jungs sind ziemlich deutsch, täuschen Sie sich da mal nicht, die sind verdammt diszipliniert“ (Schweinsteiger in: Der Stern: „So etwas vergisst man nicht“, 27/2010). "Gern also ethnische Vielfalt und ein Hauch multikulti, aber bitte nicht zuviel: Die Identifikation mit dem deutschen Team und seinen vermeintlichen Tugenden muss gewährleistet bleiben." resümieren Dr. Degele und Caroline Janz .

Fußball verbindet
Da Fußball der beliebteste Breitensport ist und für sich mit dem schönen Slogan wirbt: "Fußball verbindet", würde es angesichts dieser Ergebnisse also nicht schaden, wenn sich alle Beteiligten - sowohl in den Medien, aber auch in den Vereinen - ihrer besonderen Verantwortung bewusst werden und ihre versteckten und natürlich auch offenen Diskriminierungsmechanismen genauer unter die Lupe nehmen. Das schöne Gefühl von Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft kann auch einfach bei einem tollen Fußballspiel zweier Mannschaften gegeneinander entstehen und braucht keine "Stilisierung und Inszenierung der Andersartigkeit von Länderspielgegnern" oder "heterosexuelle Männerbastionen durch Ausschlüsse von Frauen und Schwulen" (Degele und Janz). Das finden wir auch, und damit wünschen wir euch viel Vorfreude auf die Frauen-WM!

Die ganze Studie lesen

Stand: 16. Juni 2011
 
 
 

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