Wie Medien Angst schüren

Willkommenskultur war gestern. Mittlerweile berichten deutsche Leitmedien viel häufiger im Kontext von Gewaltdelikten über Flüchtlinge. Dies belegt eine aktuelle Inhaltsanalyse von Professor Dr. Thomas Hestermann von der Hochschule Macromedia.

Die Zeiten, in denen Flüchtlinge von winkenden Menschen an den Bahnhöfen mit Teddybären und Blumen begrüßt wurden, scheinen vorbei zu sein. Die deutschen Leitmedien haben sich inzwischen eher auf das Feindbild Flüchtling eingeschossen, denn wie eine aktuelle Inhaltsanalyse von Professor Dr. Thomas Hestermann von der Hochschule Macromedia belegt, berichten sie nun viel häufiger im Kontext von Gewaltdelikten über Flüchtlinge. In Zusammenarbeit mit der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen und dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen hat der Medienwissenschaftler die Berichterstattung von Bild-Zeitung, Frankfurter Allgemeiner Zeitung, Süddeutscher Zeitung und taz sowie acht deutschen Fernsehsendern im Zeitraum Januar bis April 2017 untersucht.

Wendepunkt Kölner Silvesternacht
Den Zeitpunkt der Veränderung macht der Wissenschaftler an der Kölner Silvesternacht 2015/16 fest. Seitdem habe sich der mediale Blick auf Flüchtlinge und Zuwanderer_innen deutlich verändert: Immer öfter geraten sie als mutmaßliche Gewalttäter in den Fokus der Berichterstattung. Andererseits werde die wachsende Gewalt, die sich gegen sie richtet kaum thematisiert. „Die deutschen Medien haben den gewalttätigen Einwanderer als Angstfigur neu entdeckt“, resümiert Thomas Hestermann, Journalismus-Professor an der Hochschule Macromedia und wissenschaftlicher Leiter der Studie: „Wie deutsche Zeitungen und das Fernsehen über Eingewanderte und Geflüchtete berichten“ (2017).

Wenig Berichte über Migrant_innen als Opfer
Die Zahlen sind erschreckend: Im Jahr 2017 berichteten deutsche Fernsehsender vier Mal so häufig über Gewalt nichtdeutscher Tatverdächtiger wie noch im Jahr 2014, und das, obwohl der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger in der Kriminalstatistik innerhalb von drei Jahren lediglich um ein Drittel anstieg. Im Gegensatz dazu widmet das Fernsehen den nichtdeutschen Opfern von Gewalttaten im Jahr 2017 nur halb so viele Berichte wie 2014 – obwohl deren Zahl ebenfalls angestiegen ist, wie die Statistik des Bundeskriminalamtes zeigt. „Das führt zu einem verzerrten Bild und kann Vorurteile in der Bevölkerung anheizen“, macht der Medienwissenschaftler die soziale Brisanz seiner Erkenntnisse deutlich.

Bild-Zeitung schürt an meisten Ressentiments
Besonders die Bild-Zeitung, aber auch andere deutsche Tageszeitungen berichteten zwischen Januar und April 2017 über Ausländer_innen häufig im Kontext von Kriminalität. So erwähnt die Bild-Zeitung Migrant_innen vor allem dann, wenn sie einer Straftat verdächtigt werden – das war in 64,3 Prozent der Berichte der Fall, so die Studie. Die Süddeutsche Zeitung (39,5 Prozent) und Frankfurter Allgemeine Zeitung (38,2 Prozent) hielten sich zwar etwas mehr zurück und thematisieren seltener Kriminalität, aber auch sie schürten relativ häufig Ressentiments gegen Bürger_innen mit Migrationshintergrund. Einzig in der taz ging es mit 18,6 Prozent der Artikel über Nichtdeutsche deutlich weniger um Straftaten. Insgesamt hatte Prof. Dr. Thomas Hestermann 283 Artikel aus den Monaten Januar bis April 2017 aus Süddeutscher Zeitung, Frankfurter Allgemeiner Zeitung, Bild und taz ausgewertet.

Thomas Hestermann leitet seit zehn Jahren das Forschungsprojekt zur TV-Berichterstattung über Gewaltkriminalität in Zusammenarbeit der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen und dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. Dessen vierte Analysewelle wurde um die Inhaltsanalyse von Zeitungen und den Fokus auf die Berichterstattung über Einwanderer und Flüchtlinge erweitert. Ein Bericht zur Studie erscheint im Medienmagazin journalist in der Augustausgabe (2.8.17).

Quelle:

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 2. August 2017
 
 
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