Mit der Zange zur Grammatik

Forschung: Werkzeugnutzung und komplexe Grammatik werden im selben Hirnareal verarbeitet. Möglicherweise lässt sich das eine mit dem anderen trainieren.

Mit der Zange einen Bolzen greifen und umplatzieren oder einen verschachtelten Relativsatz verstehen - diese beiden Fertigkeiten haben etwas gemeinsam und rufen im Gehirn ganz ähnliche Aktivierungsmuster hervor. Es scheint, dass komplexe Grammatik und motorische Bewegungsabläufe einander aber auch beeinflussen und Fertigkeiten in der einen Disziplin die Fähigkeiten in der anderen verbessern können. Zu dieser Erkenntnis kommen Forscher_innen um Simon Thibault vom Forschungszentrum INSERM in Lyon.

Die Forscher_innen wollten diesem Zusammenhang auf den Grund gehen, nachdem in vorausgegangenen Studien bereits gezeigt werden konnte, dass Menschen, die geübt in der Werkzeugnutzung sind auch komplexe Grammatikstrukturen besser verstehen können. Offenbar wurden bei bestimmten sprachlichen Aufgaben und dem Hantieren mit einer Zange (komplexe motorische Abläufe) ganz ähnliche Aktivierungen in einer als "Basalganglien" bezeichneten Gehirnregion sichtbar. Wäre es also vielleicht möglich, Grammatik möglichweise auch mit Zange und Schraubenzieher zu trainieren und andersherum die motorische Geschicklichkeit durch Grammatikübungen zu verbessern? Dieser Frage widmeten sich die Forscher_innen in der aktuellen Studie, in der sie Testpersonen vor und nach einem motorischen Training mit einer Zange Aufgaben zum Verständnis komplexer Sätze lösen ließen. Dabei ging es beispielsweise um das Verständnis von Sätzen wie "Der Wissenschaftler, den der Dichter bewundert, schreibt einen Artikel".

In den Versuchen zeigte sich, dass ein motorisches Training dafür sorgte, dass die Beteiligten auch bei besonders schwierigen Satzstrukturen einen besseren Überblick behielten. Andersherum sorgte sprachliche Übung für bessere Ergebnisse bei motorisch schwierigen Aufgaben. Hier mussten kleine Bolzen mit einer Zange in passende Löcher bugsiert werden.

Die Wissenschaftler_innen überlegen nun, wie sie diese Erkenntnisse in die Praxis übertragen können. So könnte sie etwa bei der Unterstützung der Rehabilitation und Wiederherstellung von Sprachfähigkeiten bei Patient_innen mit relativ gut erhaltenen motorischen Fähigkeiten helfen, z. B. bei jungen Menschen mit Sprachentwicklungsstörungen. Die Studienergebnisse geben außerdem Aufschluss über die Geschichte der Menschheit und die Entwicklung von Sprache. "Als unsere Vorfahren begannen, Werkzeuge zu entwickeln und zu benutzen, hat diese Fähigkeit das Gehirn tiefgreifend verändert und kognitive Anforderungen gestellt, die zur Entstehung bestimmter Funktionen wie der Syntax geführt haben könnten", folgert Forscher Claudio Brozzoli.

Ob und wenn ja welche Werkzeug-Übungen nun auch in Schule und Uni-Alltag helfen könnten, um komplexe grammatikalische Strukturen besser zu verstehen, ist noch unklar. Aber probieren geht über studieren! Also schwingt die Zange und gebt euch selbst anspruchsvolle motorische Aufgaben. Denn sicher ist, dass hierbei Hirnbereiche beansprucht und geschult werden, die auch für grammatikalische Strukturen erforderlich sind.

Die Ergebnisse sind im Fachjournal „Science“ erschienen.

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Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung - Stand: 18. November 2021