Wer arbeitet denn da?

Studie legt nahe: Geschlechterverteilung entscheidend für das Berufsinteresse von Frauen

Warum sind Frauen in vielen Berufsfeldern wie Politik, Technik, Wissenschaft und im akademischen Bereich nach wie vor in der Minderheit, obwohl sie gut qualifiziert sind und dringend gebraucht werden? Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass Frauen es vorziehen, in Bereichen zu arbeiten, in denen Frauen stärker vertreten sind – so das Ergebnis einer neuen Studie von Psycholog:innen der Emory University. Die Untersuchung umfasste die Auswertung einer Reihe von Fragebogenstudien, darunter auch einige mit hypothetischen Stellenanzeigen. Die Ergebnisse zeigten: Frauen zeigten eher Interesse an Stellen, die auch von Frauen repräsentiert wurden. Sogar dann, wenn die in den Anzeigen genannten erforderlichen Fähigkeiten stereotypisch mit Männern assoziiert wurden.

„Manche Menschen halten die geschlechtliche Repräsentation vielleicht für weitgehend symbolisch – dass es für Frauen einfach schön ist, sich in einem Bereich vertreten zu sehen“, sagt Stella Lourenco, Professorin für Psychologie an der Emory University und Erstautorin der Studie. „Wir haben jedoch festgestellt, dass die geschlechtliche Repräsentation weitreichendere Konsequenzen hat. Sie ist möglicherweise ein Hauptgrund dafür, dass Frauen überhaupt erst entscheiden, ob sie einen bestimmten Beruf ergreifen.“

Frauen haben sich in vielen Bereichen, in denen sie früher nur selten vertreten waren, beruflich etabliert. Und doch bestehen in vielen wichtigen Sektoren nach wie vor große Ungleichheiten bei der geschlechtlichen Vertretung. Untersuchungen haben gezeigt, dass eine Reihe von Faktoren für dieses Phänomen verantwortlich sein dürften.

„Brillanz“ vs. „Engagement“

Aktuelle Forschungsergebnisse stützen beispielsweise die Theorie der sogenannten fachspezifischen Kompetenzvorstellungen. Dabei wird davon ausgegangen, dass wenn nur wenige Frauen in einem Berufen arbeiten, es dafür spricht, dass dort Brillianz oder angeborene Begabung gefragt ist, die meist nur Männern zugeschrieben wird. In diesem Szenario könnten sich Frauen in Fachbereichen, in denen vermeintlich Brillanz im Vordergrund steht – wie Philosophie, Wirtschaftswissenschaften sowie Naturwissenschaften, Technik, Ingenieurwesen und Mathematik –, unwillkommen fühlen.
Umgekehrt gehen diese Kompetenzvorstellungen davon aus, dass sich Frauen in Bereichen wie Pädagogik und Pflege willkommener fühlen - ein Stereotyp, wonach Frauen besser für Bereiche geeignet sind, die eher Engagement und Fleiß als Brillanz erfordern.

Die Forschung hat sich auch mit den potenziellen Auswirkungen der sogenannten „Kultur des Männlichkeitswettbewerbs“ auf die Berufswahl von Frauen befasst. Der Begriff bezieht sich auf technische Bereiche, in denen stereotypisch männliche Eigenschaften wie Aggressivität, Durchsetzungsstärke, Unabhängigkeit, Ehrgeiz und Wettbewerbsorientierung als besonders wichtig angesehen werden.
„Wir wollten herausfinden, inwieweit die aktuelle Geschlechterverteilung für die bevorzugten Berufe von Frauen von Bedeutung ist“, sagt Lourenco. „ Ist sie wichtiger als die Vorstellungen darüber, was es braucht, um in einem bestimmten Bereich erfolgreich zu sein, und die damit verbundene Arbeitskultur?“

Tief verwurzelte Überzeugungen

Die Forschenden rekrutierten insgesamt 1.680 Erwachsene im Alter von 18 bis 64 Jahren, darunter 851 Frauen und 829 Männer.
In der ersten Studie wurde einer Gruppe ein Beruf vorgelegt, und sie wurden gebeten, das Geschlechterverhältnis in diesem Beruf einzuschätzen. Die Ergebnisse zeigten, dass die durchschnittlichen Schätzungen der Teilnehmer:innen in 60 verschiedenen Berufsfeldern signifikant mit der tatsächlichen Geschlechterverteilung zusammenhängen.

Um ihre tiefsitzenden Überzeugungen zu diesen Bereichen zu erfassen, sollten die Testpersonen Aussagen auf einer Skala von „stimme überhaupt nicht zu“ bis „stimme voll und ganz zu“ bewerten:

„Dieser Beruf erfordert eine besondere Begabung, die man einfach nicht lernen kann.“
„Mit der entsprechenden Ausbildung und den richtigen Ressourcen hätte ich das Gefühl, in diesen Beruf zu passen.“
„In diesem Beruf ist der Verlust des einen der Gewinn des anderen.“
Außerdem wurden sie gebeten, auf einer Skala von „überhaupt nicht ähnlich“ bis „sehr ähnlich“ auf folgende Frage zu antworten:
„Wie ähnlich sind Sie Ihrer Meinung nach den anderen Menschen, die diesen Beruf ausüben?“

Die Analyse der Ergebnisse bestätigte weitgehend frühere Forschungsergebnisse, wonach Vorstellungen von Brillanz, Engagement und der Arbeitskultur das Interesse der Menschen an verschiedenen Berufen beeinflussen. Frauen zeigten eine Vorliebe für Berufe, die mit Engagement verbunden sind, während Männer Berufe bevorzugten, bei denen Brillanz und Wettbewerb im Vordergrund stehen.
Die Ergebnisse erweiterten die bisherigen Erkenntnisse außerdem: Je höher der erwartete Frauenanteil war, desto stärker war das erwartete Zugehörigkeitsgefühl der Frauen.

Zugehörigkeitsgefühl

In einer separaten Studie wurden den Teilnehmenden hypothetische Stellenanzeigen vorgelegt, die entweder die Notwendigkeit von Brillanz oder von Engagement in der jeweiligen Rolle betonten. Die Anzeigen enthielten zudem Informationen über das Geschlechterverhältnis in der jeweiligen Position. Die Teilnehmenden sollten ihr Interesse an einer Bewerbung für jede Position sowie ihr erwartetes Zugehörigkeitsgefühl bewerten, falls sie die Stelle erhalten würden.

Auffallend war, dass die  weiblichen Teilnehmerinnen sich sogar zugehöriger empfanden bei einem Berufsfeld, das von Brillanz geprägt war (also typisch männlich) als bei einem Beruf, bei dem Engagement im Vordergrund stand, der aber mehrheitlich von Männern ausgeübt wurde.
Auf die Bewertungen der Männer hinsichtlich des Zugehörigkeitsgefühls hatten alle diese Faktoren überhaupt keinen Einfluss.

In einer weiteren Studie untersuchten die Forschenden quantitativ, wie die Männer-/Frauenverteilung  das Interesse und das Zugehörigkeitsgefühl in Bezug auf eine zukünftige Beschäftigung beeinflussen kann. Wieder wurden hypothetische Stellenanzeigen vorgelegt, in denen das Verhältnis von männlichen zu weiblichen Kolleg:innen angegeben war. Das Ergebnis: Je höher der Frauenanteil in den typischen "Frauenberufen" war, desto stärker war das Zugehörigkeitsgefühl der Frauen. Auch Männer äußerten ein größeres erwartetes Zugehörigkeitsgefühl für Berufe, in denen ihr Geschlecht in der Mehrheit war, obwohl sie je nach Geschlechterverhältnis weniger Schwankungen beim erwarteten Zugehörigkeitsgefühl zeigten.

Ein sich selbst verstärkender Kreislauf

In allen Studien maßen die Frauen in ihren Antworten der Sichtbarkeit von Frauen durchweg einen höheren Stellenwert bei als anderen Variablen in den Stellenanzeigen. „Eine Hypothese lautet, dass die Geschlechterverteilung ein Indikator für das Arbeitsklima sein könnte“, sagt Lourenco und verweist dabei auf Erwartungen hinsichtlich Unterstützung, Inklusion und Wettbewerbsfähigkeit.
So könnten Frauen beispielsweise der Ansicht sein, dass Bereiche, in denen weniger Frauen vertreten sind, eher durch eine männlich stereotype, wettbewerbsorientierte Kultur geprägt sind.

„Die Geschlechterverteilung wird oft einfach als Folge der Entscheidung von Frauen dargestellt, nicht in einem bestimmten Bereich zu arbeiten“, fügt Lourenco hinzu. „Unsere Arbeit legt nahe, dass die Geschlechterverteilung auch eine wichtige zugrunde liegende Ursache dafür ist, dass sich weniger Frauen für eine Tätigkeit in bestimmten Bereichen entscheiden. Es handelt sich wirklich um einen sich selbst verstärkenden Kreislauf. Die heutige Geschlechterverteilung spielt wahrscheinlich eine Rolle bei der Gestaltung der Geschlechterverteilung von morgen.“

Die Arbeit wurde von der Templeton World Charity Foundation finanziert.

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Autorin / Autor: Pressemitteilung / Redaktion; Bild: LizzyNet - Stand: 22. September 2026