"Wenn ich es nicht tue, tun es die anderen"

Wirtschaftsstudie: Je mehr Händler beteiligt sind, desto geringer wird der moralische Anspruch

Na wie sieht´s aus bei unseren Shopping-Touren? Haben die schrecklichen Bilder vom Textilfabrikeinsturz in Bangladesh, bei dem 1000 ArbeiterInnen starben, unser Gewissen gequält und unsere Lust auf Billig-Klamotten gedrosselt? Kurzfristig vielleicht, aber sobald die Freundinnen wieder losziehen, wird auch das eigene schlechte Gewissen kleiner.

In vielen Umfragen sprechen sich zwar die meisten Menschen gegen Kinderarbeit, Ausbeutung und tierquälerische Fleischproduktion aus. Unsere moralischen Ansprüche scheinen aber wie vom Winde verweht zu werden, wenn wir mit anderen auf Schnäppchen-Jagd gehen. Diesen Mechanismus gibt es nicht nur bei unserem individuellen Verhalten, sondern erst recht in globaleren Zusammenhängen, wie zum Beispiel in der Wirtschaft. Und besonders dann, wenn viele Akteure beteiligt sind. Wirtschaftsfachleute formulieren dies so: "Marktkräfte führen dazu, dass moralische Werte an Bedeutung verlieren."

Die Ökonomen Prof. Dr. Armin Falk von der Universität Bonn und Prof. Dr. Nora Szech von der Universität Bamberg haben zu diesem Thema ein Forschungsprojekt durchgeführt, dass genau diese Tatsache belegt. „Wir haben untersucht, ob Menschen bereit sind, einem Dritten Schaden zuzufügen und damit unmoralisch zu handeln“, sagt Prof. Falk.

In verschiedenen Experimenten wurden mehrere hundert Probanden vor die moralische Entscheidung gestellt, auf einen bestimmten in Aussicht gestellten Geldbetrag zu verzichten und damit das Leben einer Maus zu retten - oder aber stattdessen das Geld zu nehmen und die Maus zu opfern. [siehe Kasten rechts]

Ein Teil der Probanden musste die moralische Entscheidung für das Geld oder die Maus allein (individuell) treffen. Damit wollten die ForscherInnen herausfinden, welche moralischen Standards sie überhaupt hatten.

Die individuelle Bedingung wurde mit zwei Marktbedingungen verglichen, in denen entweder nur ein Käufer und ein Verkäufer oder mehrere Käufer und Verkäufer miteinander handeln konnten. Immer wenn ein Kaufs- oder Verkaufsangebot akzeptiert wurde, kam es zu einem Handel mit der Folge, dass eine Maus starb.

Keine zusätzliche Maus getötet

Bei den Tieren handelte es sich um sogenannte „überzählige Mäuse“ in ausländischen Laboren, die die Forschung nicht mehr braucht; sie wären alle eingeschläfert worden. Durch das Experiment wurde keine zusätzliche Maus getötet, im Gegenteil: Durch die Studie wurden viele hundert Mäuse gerettet, die sonst getötet worden wären. Entschied sich eine Testperson dafür, eine Maus zu retten, wurde die Maus von den Leitern der Studie gekauft. "Die geretteten Mäuse sind gesund und leben nun unter bestmöglichen Laborbedingungen und medizinischer Versorgung weiter", so die Uni Bonn.

Je mehr Beteiligte, desto geringer die moralischen Bedenken

Das Hauptergebnis der Studie ist, dass im Vergleich zur individuellen Entscheidungssituation in beiden Handelssituationen mehr StudienteilnehmerInnen dazu bereit waren, Mäuse für Geld zu töten.

Märkte führen zu einer Verwässerung moralischer Werte
„Wenn mehrere Akteure beteiligt sind, wird es offenbar einfacher, seine moralischen Standards zurückzustellen“, sagt Nora Szech. Sobald also mehrere Käufer und Verkäufer beteiligt sind, zählen die eigenen moralischen Ansprüche weniger. Ein Grund dafür könnte sein, dass Schuldgefühle mit anderen geteilt werden können, und dass man sieht, dass andere auch nicht immer moralisch einwandfrei handeln.

„Wenn ich nicht kaufe oder verkaufe, tut es jemand anderes“
In Märkten mit vielen Käufern und Verkäufern sieht sich der Einzelne zudem weniger moralisch in der Pflicht, weil er sich damit rechtfertigen kann, ohnehin nur einen geringen Einfluss auf das Geschehen zu haben. „Diese Logik ist allgemein eine Eigenschaft von Märkten“, sagt Prof. Falk. Händler verweisen in diesem Zusammenhang gern auf den bewährten Spruch: „Wenn ich nicht kaufe oder verkaufe, tut es jemand anderes."

Bleibt zu hoffen, dass sich Konsumenten und auch Hersteller einfach mal innerlich frei machen von den Gesetzen des Marktes und individuell als Mensch entscheiden, ob sie fairen Löhnen und menschenwürdigen Arbeitsbedingungen eine Chance geben wollen.

Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 13. Mai 2013
 
 
 

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