Wenn die hingehen, geh ich auch

Studie über die Demonstrationsbereitschaft linker und rechter Gruppen

Was motiviert Menschen, für ihre Einstellung auf die Straße zu gehen? Wann gehen eher links orientierte Leute demonstieren, wann eher rechts gerichtete? Offensichtlich hängt es von der erwarteten Anzahl von Teilnehmer_innen einer Kundgebung ab. Gegendemonstrationen hingegen motivieren Demonstrierende nicht, stärker zu protestieren. Das zeigt eine aktuelle Studie eines interdisziplinären Teams aus Politik- und Wirtschaftswissenschaftlern um Professor Dr. Christopher Roth am Exzellenzcluster ECONtribute an der Universität zu Köln. Die Studie widerlegt damit das in den Medien oft vermittelte Bild sich gegenseitig anstachelnder Gruppierungen bei Demonstrationen.

Wechselwirkung zwischen Kundgebung und Gegenkundgebung
Wann immer Gruppierungen wie die sogenannten Querdenker, „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida), oder Anhänger_innen der Alternative für Deutschland (AfD) eine Demonstration anmelden, kündigt die Gegenseite rasch ebenfalls eine Demonstration an. In diesem Zusammenhang interessierte Roth und sein Team die Wechselwirkung zwischen Kundgebung und Gegenkundgebung. Anhand zweier von der AfD angemeldeter Demonstrationen und entsprechender Gegendemonstrationen untersuchten sie, wie sich Demonstrierende als Reaktion auf unterschiedlich hohe Teilnahmezahlen der eigenen sowie der gegnerischen Veranstaltung verhielten. „Menschen reagieren je nach politischem Lager unterschiedlich“, sagt Roth. „Die eigene Bereitschaft zu demonstrieren hängt dabei jedoch nicht davon ab, wie viele Menschen der Gegenseite auf die Straße ziehen.“ Politikwissenschaftler_innen gingen bisher oft davon aus, dass die Bereitschaft einer Gruppe zu einer Demo zu gehen immer steigt, wenn die Anzahl der Gegendemonstranten zunimmt und sinkt, wenn eh schon viele aus der eigenen Gruppe demonstrieren - und zwar unabhängig von der politischen Orientierung. Die Ergebnisse zeigen aber, dass sich die Demonstrationsbereitschaft von linken und rechten Gruppen unterscheidet. 

Höhere Teilnehmendenzahlen locken linke, geringe locken rechte auf die Straße
Grundlage der Untersuchung waren zwei Kundgebungen im Mai 2018 und 2019 mit 30.000, beziehungsweise 5.000 Demonstrierenden. Um mehr über die Teilnahmebereitschaft der Menschen herauszufinden, rekrutierten die Wissenschaftler_innen mittels Werbeanzeigen auf Facebook anhand der politischen Orientierung und des Wohnortes insgesamt 1.464 Studienteilnehmende. Sie konfrontierten die Befragten mit unterschiedlich hohen Prognosen zur Teilnahmezahl der eigenen sowie der Gegendemonstration, um anschließend abzufragen, wie motiviert sie sind, zur Demo zu gehen.
Die Ergebnisse: Bei politisch linken Aktivist_innen lag die Bereitschaft zur Demo zu gehen um 5,8 Prozent höher, wenn sie mit einer hohen Teilnahmezahl in der eigenen Gruppe rechneten. Bei rechten Aktivist_innen sank dagegen die Wahrscheinlichkeit bei einer größeren Anzahl Demonstrierender um 6,1 Prozentpunkte. Sie gehen den Ergebnissen zufolge also eher auf die Straße, wenn sie mit wenigen Teilnehmenden aus dem eigenen „Lager“ rechnen.

Spaßfaktor könnte für linksgerichtete Demonstrant_innen wichtiger sein
„Die Ergebnisse helfen dabei zu verstehen, wie auch Randgruppen systematisch Macht erlangen können“, sagt Roth. Dass geringe erwartete Teilnehmerzahlen Anhänger_innen rechter Gruppen eher zu einer Teilnahme anspornen, erkläre, warum Randgruppen wie etwa Pegida nie ganz aussterben.
Ein weiterer Grund für die unterschiedlichen Ergebnisse könne darin liegen, dass die eher dem linken Spektrum zuzuordnenden Aktivist_innen besser untereinander vernetzt seien und die Veranstaltung eher genießen. Demnach könnten auch soziale Motive und der „Spaßfaktor“ eine Rolle bei der eigenen Demonstrationsbereitschaft spielen. Wie viele Menschen an der Gegendemonstration teilnehmen, spielte für beide Gruppen keine Rolle.

Die Studie erscheint demnächst im renommierten Journal American Political Science Review und ist Teil einer Reihe von Publikationen von Roth und seinem Team zur strategischen Interaktion im politischen Aktivismus.

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 27. September 2021