Von wegen natürlich und erntefrisch

TU Berlin: Die Banane käme unter natürlichen Umständen nie so bei uns an, wie sie es tut. Sie ist in Wirklichkeit mehr "Biofakt" als Naturprodukt

Sie gehört zu den beliebtesten Früchten in Deutschland. Die gute alte Banane. Ob man sie nun liebt oder eher verschmäht, für die meisten Menschen ist sie ein Naturprodukt. Sie wächst an einer Staude, wird geerntet und gegessen und scheint damit genauso natürlich wie der Apfel in Omas Garten. Die Wissenschaftlerinnen Julia Fülling und Linda Hering von der Technischen Universität Berlin beschreiben die Banane ganz anders: Als „Biofakt", als "Wunder der Logistik", das nur in seiner jetzigen Form existieren kann, weil der Mensch in jedem Entwicklungsstadium der Banane seine Finger drin hat. Die Banane sei „nach den Wünschen des Menschen technisch gestaltete Natur […], ein Biofakt“, wie die Wissenschaftlerin Hering das gelbe Wunder zusammenfasst. Der Begriff Biofakt leitet sich aus dem Lateinischen bios für Leben und facere für machen ab. Die Banane habe zwar noch einen lebendigen Kern, dass sie aber überhaupt in diesem Zustand – gelb und fest und nicht verfault – in unserem Supermarkt landet, ist das Ergebnis von vielfacher technischer Einflussnahme, die nahezu jeden Produktionsschritt begleitet.

Haltbar, makellos und mindestens 14 cm lang
Weil Bananen hier gerne gegessen werden, aufgrund der klimatischen Bedingungen in Europa aber nicht gedeihen, werden sie vor allem in Mittelamerika und in der Karibik angebaut. Welche Banane angebaut wird, hängt nicht allein von den Bedingungen vor Ort ab, sondern auch davon, welchen Kund_innen sie anschließend schmackhaft gemacht werden soll: sie muss lange haltbar und stets makellos sein, sie muss Monokultur ertragen, sie muss bestimmten Verordnungen im Bestimmungsland entsprechen (so soll eine in die EU eingeführte Banane mindestens 14 Zentimeter lang und mindestens 2,7 Zentimeter dick sein), sie soll gleichzeitig möglichst nachhaltig und fair angebaut worden sein, dabei aber bitte schön billig bleiben.

Diese komplexen Anforderungen haben dazu geführt, dass fast nur noch eine einzige Sorte Bananen angebaut wird, die Cavendish-Banane, eine vom Menschen gezüchtete Sorte, die gegen einen bestimmten Pilz resistent ist.

Während der Kühlung ständig entlüften, dann gezielt reifen lassen
Auf ihrem Weg zu uns muss die Banane 14 Tage in Kühlcontainern ihre Reise über den Atlantik bestreiten. Damit die grün geernteten Bananen nicht zu schnell reif und braun werden, muss in den Kühlcontainern ständig die Luft gewechselt werden, denn die Bananen geben das Reifegas Ethylen ab. Nach ihrer Weltreise werden sie im niederländischen Vlissingen, dem nordeuropäischen Umschlagplatz für Bananen, in die Reifezentren in ihren Bestimmungsländern verteilt. Dort wird dann jeweils die bestellte Menge mit dem Reifegas Ethylen „angegast“, damit sie ihre verkaufsfertige gelbe Farbe erhalten.

Logistische Spitzenleistung
In dem Produktionsprozess der Banane finden sich also ein Haufen logistischer, wissenschaftlicher und kommunikationstechnologischer Spitzenleistungen, ohne die die Banane niemals so „erntefrisch“ in unserem Müsli landen würde.

Kritik an Gütesiegeln
Im Supermarkt erfahren wir von all dem nichts. Kein Wort von Logistik, Kühlzentren, Angasung, Pestiziden, Monokultur und schwindenden Ökosystemen.
Die Banane wird uns stattdessen als Naturprodukt angepriesen, stellen die Autor_innen fest, und bestenfalls erführen wir etwas über besondere Trinkwasserprojekte oder das verbesserte Leben der Bauern in den Anbaugebieten, wenn es sich um „faire“ Bananen handelt.

Die Forscherinnen konnten in ihrer Studie herausarbeiten, wie alles ineinanderwirkt: die Verderblichkeit des Produkts und der daraus resultierende Logistikaufwand (Kühlketten, angasen), schwindende Sortenvielfalt, Monokultur, Preisdruck – all das stehe einer nachhaltigen Entwicklung entgegen. Gütesiegel würden hier zu Animateuren des Verkaufs, kritisieren die Wissenschaftler_innen.

Wenn ihr das nächste Mal zur Banane greift, habt ihr vielleicht die Bilder von Monokultur, Kühlcontainern und Angasungsanlagen im Kopf und überlegt, ob ihr nicht doch lieber zum heimischen und saisonalen Obst oder einfach auch mal zur braunen Banane greift. Sie hat so einen langen Weg hinter sich und ist viel zu kostbar, um in der Tonne zu landen.

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Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung - Stand: 19. März 2021