Von Ethnosozialisten und Heimatschützerinnen

Die AfD wurde auch von Jugendlichen gewählt, die sich zum Beispiel der Identitären Bewegung zugehörig fühlen

Der Schock am Wahlabend nach der Bundestagswahl 2017 sitzt immer noch tief und wird wohl auch die nächsten vier Jahre nicht so schnell verblassen: Zum ersten Mal seit Ende des faschistischen Hitlerregimes wurde mit der AfD wieder eine rechtspopulistische bis rechtsradikale Partei in den deutschen Bundestag gewählt, die offen rassistische und völkische Positionen vertritt. Bei der Frage, wer diese Partei gewählt hat, ist man versucht, sich ururalte "Ewiggestrige" vorzustellen, die nicht wahrhaben wollen, dass "Blut-und Boden-Ideologien" ausgedient haben und sich unsere Gesellschaft zum Glück zu einem offenen, multikulturellen und modernen Staat entwickelt hat. Doch es sind gerade nicht die "Alten", sondern die in den mittleren Jahren, die sich besonders von den aggressiven und teils menschenverachtenden Wahlversprechen der AfD angezogen fühlten: laut infratest dimap gaben 16 Prozent der 35 bis 44 Jährigen ihre Stimmen den Rechtspopulisten, und bei den 25- bis 34-Jährigen holten sie 15 Prozent. Von denjenigen, die 70 und älter sind, gab es nur noch 7 Prozent der Stimmen.

10 Prozent der Erst- und Jungwähler_innen wählten AfD
Verstörend ist allerdings, dass auch jede_r Zehnte der Erst- und Jungwähler_innen zwischen 18 und 24 Jahren ihr Kreuz bei der AfD machte. Im Westen stimmten 7 Prozent von ihnen, im Osten 17 Prozent für die Rechtsaußenpartei. Wie bitte? Junge Männer und Frauen, die nichts anderes kennen als ein weltoffenes Deutschland, in dem schon immer Menschen unterschiedlicher Kulturen leben? Die von Klein auf in der Welt herumreisen? Die eher den Geschmack von Döner und Sushi kennen als den von Sauerkraut mit Eisbein? Wie kann das sein, dass sie eine Partei gut finden, die Jagd auf Anders-Aussehende, -Denkende , -Lebende machen, zu einem antiquierten Frauen- und Familienbild zurückkehren und sogar die Strafmündigkeit auf 12 Jahre herabsetzen will?

Rechtsextreme Jugendliche sind kein Novum und gab es immer schon, aber die hässliche Fratze des typischen Neonazis, der glatzköpfig Baseballschläger schwingt, hat ein hippes, zeitgemäßeres und auf Jugendliche anziehender wirkendes Gesicht gefunden, das sich zum Beispiel in der wachsenden Identitären Bewegung zeigt. Zwar distanzieren sich ihre Anhänger_innen von faschistischen oder rassistischen Strömungen, aber laut ihrer Selbstbeschreibung "klagen sie jene Politik an, die geleitet von falschen ideologischen Vorstellungen die Völker und Kulturen Europas zerstört". Sie sprechen von "Massenmigration, Bevölkerungsaustausch und One-World-Propaganda" (Zitat aus ihrer Homepage) und übernehmen damit dann doch wieder das Vokabular und Gedanken von Ultrarechten. Ihre Forderungen wie zum Beispiel nach dem "Erhalt der ethnokulturellen Identität" begründen sie mit harmlos klingenden Botschaften, wie "die Vielfalt der Völker erhalten“, was letztlich nichts anderes bedeutet als die Ablehnung multikultureller Gesellschaften, die von Rechtsradikalen mit dem im Nationalsozialismus oft verwendeten Begriff "Mischvölker" bezeichnet werden.

Aktionen
Bereits seit August 2016 wird die Identitäre Bewegung (IB) vom Verfassungsschutz beobachtet, weil sie unter Verdacht steht, sich gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu richten. Besonders aktiv war die "IB" bis vor einiger Zeit hauptsächlich in Frankreich und Österreich; dort machte sie Schlagzeilen, als sie in Wien ein Theaterstück von Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek stürmten, bei dem Flüchtlinge mitwirkten. Über soziale Netzwerke schwappte die Bewegung dann auch nach Deutschland, wo sie inzwischen ebenfalls Straßenaktionen und Flashmobs gegen Flüchtlinge, Migration und den Islam veranstaltet. Über Facebook, youtube, instagram und co. richtet sie sich besonders an Jugendliche und junge Erwachsene und ruft sie auf, Teil ihrer Bewegung zu werden, als handele es sich um eine Popkultur. Über 62.000 Likes haben sie bereits auf Facebook, auch auf Instagram gibt es etliche Gruppen. Auf den ersten Blick ganz sympatisch wirkende junge Frauen, mit blonden geflochtenen Zöpfen und Piercing schauen dort lächelnd in die Kamera und posten Sätze wie: "Habt einen schönen Tag. Und denkt daran, nur derjenige der jeden Tag was für Familie, Volk und Vaterland tut, verdient es abends ruhig zu schlafen." Ihre (Bild-)Ansprache ist breitgefächert und spricht den kriegerisch-rebellisch gesinnten jungen Mann, der seine "Heimat verteidigen will" genau so an, wie das romantische oder auch das ganz coole Mädchen, das für die "Festung Europa" ist und diesen Slogan wahlweise auf der Jutetasche oder auf dem Hoodie zur Schau stellt. Ihre Straßenauftritte gleichen Aktionen, die man sonst nur von Greenpeace und Co. kennt: Sie entern Gebäude, Brücken oder Mahnmahle und hängen dort Banner mit patriotischen Sprüchen auf, sie mischen sich aber auch schonmal mit ihren Schwarz-gelben Fahnen, die ihr Wahrzeichen Lamda tragen, unter einen Trachten- und Schützenzug, um ihm "ein wahrhaft patriotisches Ansinnen" zu verleihen.

Was Jugendforscher_innen sagen
Am Anfang sei die Identitäre Bewegung in Deutschland "keine politische Bewegung im eigentlichen Sinne der Sozialforschung, ja nicht einmal ein nennenswerter politischer Faktor" gewesen, erklärt Rechtsextremismusforscher Alexander Häusler von der Hochschule Düsseldorf in einem Interview auf welt.de vom 16.06.2017. Ihre Aktivitäten hätten vorrangig im Netz als auf der Straße stattgefunden. Mit dem Erstarken von Pegida und der AfD seien auch sie sichtbarer geworden und agierten besonders in ostdeutschen Unistädten wie Halle, Greifswald oder Dresden - wobei die Mehrheit der politischen Kader aus dem Westen komme, so Häusler.
Das gefährliche an dieser Gruppierung ist, dass sie äußerlich kaum als Nazifreunde zu erkennen sind. Sie tragen keine - für die Szene sonst typische - Kleidung wie Bomberjacke oder Springerstiefel, sie präsentieren sich als Veganer und Naturfreund_innen oder machen sich stark für "heimische Produkte" - auf ihren Treffen konsumieren sie zum Beispiel oft ganz stolz Fritz-Cola. Gleichzeitig vertreten sie aber alte NPD-Parolen wie “Deutschland den Deutschen” - nur dass sie diese gekonnt verpacken und sich als urbane Jugendbewegung von rechts präsentieren.

Was aber macht Jugendliche empfänglich für diese rechtsradikale Gesinnung? Eine Erklärung gibt Heval Demirdögen in dem Blog-Artikel "Gegen den rechten Strom", er ist Leiter des Projektes LEUCHTLINIE, einer Anlaufstelle für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Baden-Württemberg: "Zur Jugendphase gehört Identitätsfindung, in dieser Zeit steht ja noch Vieles in Frage: Wer bin ich und wo ist mein Platz in der Gesellschaft? Eine eindeutige Zugehörigkeit zu einer Gruppe erleichtert die Identitätsbildung und das Selbstwertgefühl ungemein. Die rechte Szene bietet Sicherheit, Struktur und ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Die immer komplexer werdende Welt wird durch ein starres Weltbild scheinbar vereinfacht, genauso die Erklärungsmuster für Probleme und schwierige Situationen im Leben der Jugendlichen und ihrer Familien: Schuld ist immer jemand anders, vor allem diejenigen, die nicht als gleichwertig angesehen werden." Für Jungs spiele oft auch das Rollenangebot und das Bild „wahrer Männlichkeit“ eine wichtige Rolle: ein offensiv zur Schau getragenes Machogehabe, mit dem sich gegenseitig wie nach außen Härte, Stärke und die Verachtung von Schwäche und Weichheit demonstriert werde, fügt er hinzu.

Im Grunde hätten politisch und religiös motivierte Extremist_innen sogar viele Gemeinsamkeiten, obwohl es sich so gegensätzlich und grundverschieden anhöre. Angehörige beider Ströumungen "sind extrem in ihren Ansichten, nicht tolerant gegenüber anderen Meinungen oder Lebensweisen und bereit, ihre Anschauung auch mit aggressiven Mitteln zu verteidigen." Außerdem nutzten sie ähnliche Mittel, um Anhänger_innen zu bekommen. Prinzipiell gälten für religiös radikalisierte Jugendliche dieselben Beobachtungen wie oben angeführt. Zusätzlich spiele in der Peergroup das Thema Religion eine Rolle, oft in Zusammenhang mit dem Wunsch nach einer „besseren Welt“, so Demirdögen.

Gegenstrategien
Was könnt ihr tun, wenn euch nationalistische oder rassistische Sprüche, Kommentare, Videos oder Instagram-Posts auffallen, oder eure Freund_innen plötzlich anfangen, über die Notwendigkeit der "Verteidigung Europas und des Abendlandes" zu reden? Es gibt leider kein Allheilmittel, das universal einsetzbar ist, aber wenn es euch möglich ist, mit eurer Freundin zu reden, versucht sie mit Argumenten dazu zu bringen, diese Positionen zu überdenken. Wenn ihr merkt, dass eure Freund_innen solche Sprüche in den Sozialen Netzwerken teilen, sprecht sie zunächst in einer Privatnachricht an, bevor ihr eine öffentliche Diskussion beginnt, so habt ihr die Chance, noch in eine fruchtbare Diskussion zu kommen, anstatt gleich eine Schlammschlacht zu beginnen, die niemandem hilft.

Wenn ihr euch dagegen mit einer ganzen Gruppe von zum Beispiel "Identitären" konfrontiert seht, die an eurer Schule eine Diskussionsveranstaltung planen, dann versucht mit allen Mitteln, diese Veranstaltung zu verhindern. Lasst euch nicht von dem Argument ködern, das sei ein Verstoß gegen die freie Meinungsäußerung! Ihr könnt damit argumentieren, dass ihr keine Veranstaltung von Gruppen in eurer Schule wollt, die menschenfeindliche Positionen äußern oder die für ihre Kontakte zu extrem rechten Organisationen bekannt sind.

Und noch einen Tipp zum Schluss: Wenn ihr merkt, dass euch das eine oder andere Argument der Identitären Bewegung doch gefällt, weil es euer Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Identität anspricht, dann macht euch klar, dass solchen Bewegungen nicht daran gelegen ist, "unser Land" zu schützen oder die "Heimat" zu stärken, sondern dass sie spalten und zerstören wollen, indem sie ein "Wir" und "Ihr" aufbauen, das entlang von angeblich "ethnischen" oder "religiösen" Kategorien verläuft. Das ist keine coole Subkultur und hat auch nichts mit Stolz zu tun. Ihr seid rein zufällig hier geboren und aufgewachsen - in Reichtum, Sicherheit, Frieden. Dafür kann man dankbar sein. Und wenn ihr dann trotzdem noch stolz sein wollt, dann versucht mal, stolz zu sein auf ein Land, in dem Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben, Religionen, Bräuchen und Sprachen miteinander in Frieden und Freiheit leben und sich gegenseitig respektieren. Stolz sein könntet ihr auch auf ein Land, das aus seiner faschistischen Vergangenheit gelernt hat und Rassismus und Antisemitismus ächtet, das flüchtende Menschen in Not aufnimmt und das in Zeiten zunehmender diktatorischer Regimes weltweit gegen den Strom schwimmt und sich nicht aufhalten lässt, sich für Menschlichkeit weltweit einzusetzen.

Hier findet ihr Argumentationshilfen und -trainings gegen rassistische und sexistische Provokationen

Quellen und mehr Infos dazu im Netz:

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Autorin / Autor: Kalliope Bunt - Stand: 10. Oktober 2017
 
 
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