Tief verankert, aber im Vergleich noch moderat

Studie beleuchtet Verschwörungsglauben in Deutschland

Deutschland gilt als gefestigte Demokratie, aber wie weit verbreitet ist dennoch der Verschwörungsglaube? Eine neue Studie des von der Universität Passau koordinierten Horizon-Europe-Verbunds TaCT-FoRSED schaute sich genauer an, wie Deutschland diesbezüglich im europäischen Vergleich abschneidet. Wir erinnern uns: Während der Corona-Pandemie verglichen Demonstrierende das Infektionsschutzgesetz mit dem „Ermächtigungsgesetz“ von 1933. Reichsbürger bestreiten bis heute die Existenz der Bundesrepublik, und die AfD ist seit 2025 zweitstärkste Kraft im Bundestag. Verschwörungserzählungen sind offenbar längst kein Randphänomen mehr. Sie untergraben das Vertrauen in Wahlen, Wissenschaft und Medien – also in genau jene Einrichtungen, auf die eine Demokratie angewiesen ist.

In der Fallstudie „Conspiracism in Comparison: The Case of Germany“ haben die Forschenden untersucht, wie demokratische Strukturen und Verschwörungsdenken einander beeinflussen. Interessanter Befund vorab: Insgesamt gibt es den Autor:innen zufolge keine Hinweise darauf, dass Verschwörungsideologien heute verbreiteter sind als in vergangenen Zeiten. Aber sie sind präsenter: „Auch wenn es nicht zwingend mehr Menschen mit diesen Einstellungen gibt, scheinen Verschwörungsideologien in den vergangenen Jahren politisch und gesellschaftlich wirkmächtiger geworden zu sein“, sagt Dr. Christoph, Politikwissenschaftler an der Universität Passau und Hauptautor der Studie. Das liege insbesondere daran, dass organisierte Gruppen und verschwörungsideologische Mediennetzwerke an Einfluss gewinnen. Sie sind es, die entsprechende Einstellungen aus der Bevölkerung aufgreifen, verstärken und damit Politik und Gesellschaft durchlässiger für Verschwörungsglauben machen.

Die Länderstudie zu Deutschland ergebe ein widersprüchliches Bild: „Landesweite Zahlen, die Deutschland als Land mit moderatem Verschwörungsglauben ausweisen, verdecken Regionen und Milieus, in denen Verschwörungsglaube tief verankert ist. Das erschwert einfache Erklärungsmuster nach dem Motto ‚mehr Demokratie, weniger Verschwörungsdenken‘“, schreibt das Autorenteam.

Die wichtigsten Erkenntnisse im Überblick

Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern scheint Deutschland noch moderat zu sein. In der Europäischen Sozialerhebung (ESS) gaben 12,8 Prozent der Deutschen an zu glauben, dass eine „kleine geheime Gruppe“ alle wichtigen Entscheidungen der Weltpolitik treffe. Das sei der zweitniedrigste Wert in der EU nach Schweden, so Dr. Christoph. Gleichzeitig wisse man aus Erhebungen aber auch, dass zwischen einem Viertel und einem Drittel der Deutschen tendenziell anfällig für diese Denkweise ist.

Die Studie belegt eine hohe Verankerung von Verschwörungsglauben in bestimmten Regionen und Milieus: Unter AfD-Anhänger:innen zeigten 73,5 Prozent eine ausgeprägte Verschwörungsmentalität; Ostdeutschland sei überproportional betroffen. In der Pandemie kam es zur Reaktivierung veralteter Glaubenssätze unter anderem durch eine lange Tradition der Skepsis gegenüber der sogenannten Schulmedizin  – von der Romantik bis zur Zeit des Nationalsozialismus – und hohe Erwartungen an den „Vater Staat“.

Ein weiter Faktor, den die Studie ausmachten, war fehlendes Gefühl politischer Wirksamkeit. In Deutschland hätten Bürger:innen im Vergleich nur wenige Möglichkeiten, politische Entscheidungen direkt mitzubestimmen oder sich daran zu beteiligen. „Dadurch erleben viele Menschen wenig politische Wirksamkeit. Verschwörungsakteure versprechen ihnen ersatzweise eine Art Veto-Macht“, sagt Dr. Christoph. Ein Ausbau direktdemokratischer oder partizipativer Elemente oder ein Fokus auf die traditionell starke Vereinsarbeit könne dem entgegenwirken.

Politisch folgenreich werde Verschwörungsglaube vor allem dann, wenn Parteien und Bewegungen ihn bündeln. Allein auf Medienkompetenz und kritisches Denken Einzelner zu setzen, sei daher „wahrscheinlich unzureichend“. Als Gegengewichte nennt die Studie unabhängige Gerichte, einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk, ein dichtes Netz politischer Bildung und die Erinnerung an das Scheitern der Weimarer Republik.

Neben Deutschland untersuchte das Forschungsteam Bulgarien, Frankreich, Großbritannien, Österreich, Spanien, Slowakei und Tschechien. Inhaltlich reichten die Hauptnarrative in den betrachteten Ländern von Migration bis Gesundheitspolitik. Das Team erhob keine eigenen Umfragen, sondern führte vorhandene Daten zusammen – große Bevölkerungsbefragungen, internationale Demokratie-Indizes und Fachliteratur. Die Studie beschreibt zwar Zusammenhänge, beweist aber keine Ursachen.

Wie gefällt dir der Artikel?

Autorin / Autor: Pressemitteilung / Redaktion; Bild: LizzyNet - Stand: 2. November 2026