Upcycling in der Schule muss ein langfristiges Projekt sein

Interview mit der Lehrerin Patricia Montag vom Grünen Campus Malchow

Upcycling-Produkte aus Abfällen

Die Entstehung des Grünen Campus Malchow

Der Grüne Campus Malchow entstand vor 27 Jahren unter Leitung des Schulleiters Tobias Barthl als „Grundschule im Grünen“ am Rande von Berlin-Hohenschönhausen. Von Anfang an sollte hier eine Schule entwickelt werden, die großes Augenmerk auf Natur-bund Umweltschutz legt. So gibt es neben dem schuleigenen Bauernhof „Knirpsenfarm“ des Schul- und Freizeitvereins Malchower Grashüpfer auch sehr, sehr viele Aktionen zum Thema. Ganz aktuell sind das zum Beispiel ein Malwettbewerb zum Thema „Geh zu Fuß zur Schule“ (begleitend zum jährlichen „Geh zu Fuß zur Schule“-Tag am Campus), der Schulflohmarkt, bei dem es ja auch darum geht, vorhandene Dinge weiter zu nutzen, der Tag zum Gesunden Frühstück und vieles mehr.
2011 reichte die Schulleitung eine Bewerbung zur Teilnahme an der Pilotphase Gemeinschaftsschule bei der Senatsverwaltung ein. Die "Grundschule im Grünen" wurde zur Gemeinschaftsschule "Grüner Campus Malchow". Mitte 2018 legte dann der erste Jahrgang mit dem Abschluss des 13. Schuljahres auch das Abitur ab. Inzwischen verteilt sich die große Schülerinnen- und Schülerzahl über fünf nahe beieinander liegende Gebäude.

Was ist das Besondere an Ihrer Schule?
Besonders an dieser Schule ist das Fach Umweltlehre. Mein Kurs „Einfall statt Abfall“ gehört zum Kurssystem in den Jahrgängen 9 und 10. Hier wählen die Schüler_innen  aus einer Vielzahl von Kursangeboten zum Thema Umwelt- und Naturschutz vier Kurse aus, die sie dann jeweils ein halbes Jahr besuchen. Die Kurse werden im Wahlpflichtbereich II erteilt und zählen somit zu den Hauptfächern. Die Themen der Kurse sind sehr spannend. Es geht zum Beispiel um das Thema Wasser, fairen Handel, Erdöl, bedrohte Tierarten, Outdoor-Sport, Umweltpsychologie, Kunst und Natur und natürlich auch um Upcycling. Im Schulalltag wird Umweltschutz gelebt mit Mülltrennung, der Fahrradwerkstatt, dem Upi-Shop für umweltfreundliche Schulmaterialien, Aktionen zum Thema und vielem mehr.

Was unterrichten Sie persönlich?
Meine Fächer sind Deutsch, Geschichte, Kunst, Kreatives Schreiben und Umweltlehre. Der Einsatz wechselt natürlich je nach Bedarf, in diesem Schuljahr habe ich viele kreative Kurse und das ist großartig. Von Anfang an leite ich die Lernwerkstatt für den Bereich der Sekundarstufen I und II.

Schüler_innen am Verkaufsstand

Ihre Schule hat ja mit dem Projekt „Einfall statt Abfall“ beim LizzyNet-Upcyclingwettbewerb den 1. Preis gewonnen. Unter anderem auch deshalb, weil Sie den Zusammenhang Müllproblematik thematisiert haben. Inwiefern können Upcyclingprojekte dazu dienen, das Bewusstsein von Schüler_innen auf Wiederverwertung und langlebige Produkte zu lenken?
Bei all der Leidenschaft für´s Upcycling in meinen Kursen sehe ich das so: Durch einen wiederverwendeten Fahrradschlauch oder eine Tasche aus Verpackungen wird man nicht die Welt retten, aber man sendet eine Botschaft: Bevor du etwas wegwirfst, denk darüber nach, ob es sich weiter- oder wiederverwenden lässt. Es stecken Ideen, Rohstoffe und Energie darin, die man vielleicht noch nutzen kann. Die Menschen verhalten sich in ihrem Plastik- und Verpackungswahn so, als hätten sie noch einen anderen Planeten in Reserve. Innerhalb von vergleichsweise kürzester Zeit droht die Erde an Plastik zu ersticken. Auch wenn wir in Deutschland Recycling-Weltmeister sind, werden doch für Lebensmittel zum Beispiel keine recycelten Kunststoffe benutzt, sondern neue produziert - und das ist Wahnsinn. Unsere Kinder haben ein Recht auf einen gesunden Planeten. In den letzten Jahren glaube ich aber wahrzunehmen, dass ein Umdenken und Besser-Handeln stattfindet. Die Politik ist weiter gefordert, Menschen und Organisationen zu unterstützen, die sich für Umwelt und Naturschutz einsetzen, und diejenigen auszubremsen, die mit ihrem Verhalten uns allen schaden.

Wie binden Sie Upcycling konkret in den Unterrichtsalltag ein?
Ich kann natürlich nicht für alle Fächer sprechen, weiß aber, dass es auch in den Bereichen Bildende Kunst und Wirtschaft Arbeit Technik Upcycling-Projekte gibt. Im WAT Praxiskurs zum Beispiel führe ich gerade ein Projekt „Mach was draus“ durch, bei dem ein großer Posten alter Jeans aus einem Firmenkonkurs ein zweites Leben bekommen soll.

Dokumentationen Upcycling bzw. Precycling

Welche Empfehlungen geben Sie Lehrkräften an anderen Schulen, wie sie Upcycling in den Unterricht einbauen können?
Bei den praxisorientierten Fächern ist das ja mehr als einfach, aber ich denke, dass es auch darüberhinaus Möglichkeiten gibt, Upcycling bzw. Precycling, also Müllvermeidung, zu thematisieren. In meiner Lernwerkstatt untersuchen zum Beispiel Jugendliche, welche Produkte im Supermarkt unnütze Verpackungen besitzen (und schreiben diese Unternehmen an), wie viel Papier durch Werbung im Briefkasten landet, wie viel Verpackungsmüll in einer Fastfood-Filiale am Tag, im Monat, im Jahr anfällt.
In Deutsch zum Beispiel bringe ich die Themen Umwelt- und Naturschutz und Upcycling sehr gern ins Spiel. In den Unterrichtseinheiten Debattieren und Argumentieren passt das hervorragend und auch aus den Heften des Naturschutzbundes und ähnlicher Organisationen habe ich schon Texte für Grammatikaufgaben als Quellen benutzt. So werden die Schüler_innen so ganz nebenbei mit Informationen zum Thema versorgt und auf Organisationen und ihre Veröffentlichungen aufmerksam gemacht.
Im übrigen hat sich das Fach Umweltlehre auch zu einem beliebten Prüfungsfach für die Präsentationsprüfungen zum Mittleren Schulabschluss am Ende der zehnten Klasse entwickelt.

Gibt es auch fächerübergreifende Kooperationen?
Ja, die gibt es, zum Beispiel zwischen einzelnen Umweltlehre-Kursen, aber es sind noch viel zu wenige.

Wann ist Upcycling ein gelungenes Projekt und nicht nur „Basteleinheit“ oder „Eintagsfliege“?
Dass bei uns das Upcycling „angekommen“, also zur Gewohnheit und Teil des Schulalltags geworden ist, merke ich zum Beispiel daran, dass sehr viel Verpackungsmaterial wie selbstverständlich in der Lernwerkstatt abgegeben wird. Auch ausrangierte Bekleidung wie Jeans oder T-Shirts werden nach Rücksprache in die Werkstatt gebracht, und wir machen dann etwas Neues daraus.
Mittlerweile ist auch der Verkauf unserer Produkte beim Schulfest im Sommer, zum Tag der Offenen Tür im Winter und auch kurz vor Weihnachten schon etabliert. Mit einem Teil des Erlöses kaufen wir Material für neue Projekte, der Rest geht an den Schulverein zur Unterstützung verschiedener Projekte.

Und auch Kurioses ist dabei: Aus dem Kinderswimmingpool, den Eltern mitbrachten, entstand eine sehr praktische Strandtasche.
Wir mussten aber auch unsere Grenzen erkennen: Aus dem Lederbezug eines Sofas ist leider nur eine kleine Geldbörse entstanden, das Nähen war ohne die professionellen Werkzeuge einfach zu schwer. Und zu einem alten Feuerwehrschlauch fällt mir zurzeit auch noch nichts Realisierbares ein.

Der Gewinn des Upcycling-Wettbewerbs bei LizzyNet war für uns ganz besonders erfreulich, weil wir dafür nichts anders gemacht haben, als wir es ohnehin tagtäglich tun. Wir haben nur die Produkte fotografiert und beschrieben. Einzelaktionen bewirken nicht sehr viel, sie sind ein Anfang, aber langfristige Wirkungen erzielt man nur, wenn die Ergebnisse überzeugen und das Denken und Handeln der Teilnehmenden verändert.

Vielen Dank für das Interview!

Mehr über die Thematik lest ihr hier

Autorin / Autor: Redaktion/ Patricia Montag - Stand: 2. Oktober 2018
 
 
 

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