Unwort des Jahres: Klimaterroristen

Jury: Der Begriff diskreditiere Aktivist:innen und deren berechtigten Protest und setze diesen mit Gewalt und Staatsfeindlichkeit gleich

Das Unwort des Jahres 2022 wurde am 10. Januar gekürt: unter insgesamt 1476 Einsendungen mit 497 verschiedenen Ausdrücken wählte die Jury das Wort *Klimaterrorist(en)*.

Zur Begründung erklärte die fünfköpfige Jury, die jährlich mit dieser Aktion ein kritisches Auge auf die Verwendung von Sprache wirft: "Mit dem Ausdruck Klimaterroristen wird im öffentlich-politischen Diskurs pauschal Bezug auf Akteur:innen genommen, die sich für die Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen und die Erreichung der Ziele des Pariser Klimaabkommens einsetzen. Der Ausdruck wurde im öffentlichen Diskurs gebraucht, um Aktivist:innen und deren Protest zu diskreditieren."

Der Begriff setze Klimaaktivist:innen mit Terrorist:innen gleich und kriminalisiere und diffamiere sie dadurch, so die Sprachwissenschaftler:innen. Unter Terrorismus sei das systematische Ausüben und Verbreiten von Angst und Schrecken durch radikale physische Gewalt zu verstehen. Um ihre Ziele durchzusetzen, nähmen Terrorist:innen dabei Zerstörung, Tod und Mord in Kauf. Durch die Gleichsetzung des klima-aktivistischen Protests mit Terrorismus würden gewaltlose Protestformen zivilen Ungehorsams und demokratischen Widerstands in den Kontext von Gewalt und Staatsfeindlichkeit gestellt.

Der Begriff verschiebe außerdem den Fokus der Debatte von den berechtigten inhaltlichen Forderungen der Gruppe hin zum Umgang mit Protestierenden (z.B. Präventivhaft). "Die Forderungen der Klimaaktivist:innen, die Klimakrise durch wirksame politische Maßnahmen zu bewältigen, treten im öffentlichen Diskurs dabei ebenso in den Hintergrund wie die globale Bedrohung durch den Klimawandel. Im Vordergrund steht stattdessen die Frage nach politischen und juristischen Handlungsmöglichkeiten gegen zivilgesellschaftliche Akteur:innen", heißt es in der Pressemitteilung. Die Jury fand in dem Zusammenhang weitere Ausdrücke, die "unwortverdächtig" waren: Klimaterrorismus, Ökoterrorismus oder Klima-RAF.

Auf Platz 2 der perfiden Wörter landete 2022 erneut der Begriff *Sozialtourismus*, der bereits 2013 zum Unwort des Jahres gekürt worden war. Einige Politiker:innen und Medien hatten damals mit dem Begriff gezielt Stimmung gegen unerwünschte Zuwanderung, insbesondere aus Osteuropa, gemacht. Die Jury entschied sich in diesem Jahr aus aktuellem Anlass, ihn auf Platz 2 zu setzen, da "Sozialtourismus" von Friedrich Merz zur Bezeichnung von Menschen aus der Ukraine, die Zuflucht vor dem Krieg suchen, verwendet wurde. Für die Unwort-Jury ganz klar eine Diskriminierung derjenigen Menschen, die vor dem Krieg auf der Flucht sind und in Deutschland Schutz suchen. Die Perfidie des Wortgebrauchs bestehe darin, dass das Grundwort Tourismus in Verdrehung der offenkundigen Tatsachen eine dem Vergnügen und der Erholung dienende freiwillige Reisetätigkeit impliziert. "Das Bestimmungswort sozial reduziert die damit gemeinte Zuwanderung auf das Ziel, vom deutschen Sozialsystem profitieren zu wollen, und stellt die Flucht vor Krieg und die Suche nach Schutz in den Hintergrund", so die Jury.

Unter den häufigsten Einsendungen (mehr als 15), die aber nicht zwingend den Kriterien der Jury entsprechen, waren: (Doppel-)Wumms (52), Gratismentalität (26), Klima-Kleber (18), Klima-RAF (34), Klima-Terrorist(en) (32), (militärische) Sonder-/Spezialoperation (64), mithitlern (15), nachhaltig (18), Sondervermögen (54), Sozialtourismus (71) und Zeitenwende (15).

Die Jury der institutionell unabhängigen und ehrenamtlichen Aktion „Unwort des Jahres“ besteht aus folgenden Mitgliedern: den vier Sprachwissenschaftler:innen Dr. Kristin Kuck (Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg), Prof. Dr. Martin Reisigl (Universität Wien), Prof. Dr. David Römer (Universität Kassel), Prof. Dr. Constanze Spieß (Sprecherin der Jury; Philipps-Universität Marburg) und der Journalistin Katharina Kütemeyer. Als jährlich wechselndes Mitglied war in diesem Jahr Peter Wittkamp (Autor, Gagschreiber, Werbetexter) beteiligt.

Quelle:

Wie gefällt dir der Artikel?

Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 10. Januar 2023