Satz-Monster, Fachwörter & Anglizismen

Studie zu den Landtagswahlen 2016: "Die Wahlprogramme sind so unverständlich wie eine Doktorarbeit"

Komplizierte Fremdwörter, „Denglish“ und Monster-Sätze: Kurz vor den Landtagswahlen 2016 in Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz haben Kommunikationswissenschaftler_innen der Universität Hohenheim die Wahlprogramme der Parteien auf ihre formale Verständlichkeit hin untersucht. Ihr Ergebnis: Die Programme sind sprachlich so kompliziert wie eine Doktorarbeit.

Einen Gewinner gibt es bei der formalen Verständlichkeit der Wahlprogramme nicht wirklich. „Zwar hat die Linke in Baden-Württemberg bei diesen Landtagswahlen das formal verständlichste Wahlprogramm von allen abgeliefert“, sagt Prof. Dr. Frank Brettschneider, Kommunikationsexperte der Universität Hohenheim und Leiter der Studie. „In Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt belegen ihre Wahlprogramme aber den letzten Platz.“

Mit der Verständlichkeitssoftware „TextLab“ und anhand des Hohenheimer Verständlichkeitsindex können die Wissenschaftler_innen den Grund für die Unverständlichkeit der Parteien nennen: Komplizierte und unverständliche Fach- und Fremdwörter, Anglizismen, „Denglish“ und Satz-Monster ab 20 Wörtern (Bandwurmsätze und Schachtelsätze). Die Probleme der Wahlprogramme haben Prof. Dr. Brettschneider und Claudia Thoms, M.Sc., vom Lehrstuhl Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim in Zahlen ausgedrückt. Der Hohenheimer Verständlichkeitsindex reicht von 0 (völlig unverständlich) bis 20 (sehr verständlich). Er wird von der Software „TextLab“ berechnet.

Analysiert wurden CDU, SPD, FDP, Bündnis ’90 Die Grünen, Die Linke, die AfD und die Piratenpartei. Berücksichtig wurden die Parteien, die entweder im Deutschen Bundestag oder in mindestens drei Landtagen vertreten sind.

Frühsexualisierung und Wolfsmanagementplan
Was meint die AfD in Baden-Württemberg, wenn sie von einer „Frühsexualisierung“ spricht? Oder die Grünen in Rheinland-Pfalz bei einem „Wolfsmanagementplan“ oder einer „SchwulLesbischBiTrans-Aufklärung“? Neben diesen Wortkomposita erhöhen auch lange Wortzusammensetzungen wie „Schwangerschaftskonfliktberatung“ (AfD, Baden-Württemberg), „Seniorensicherheitsberaterinnen“ (SPD, Rheinland-Pfalz) oder „Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung“ (Die Linke, Sachsen-Anhalt) nicht gerade die Lesbarkeit der Wahlprogramme.

In allen drei Bundesländern verstoßen die Wahlprogramme gegen Verständlichkeits-Regeln. „Neben den Fremdwörtern, Anglizismen und Fachbegriffen sind es auch die Bandwurmsätze, die die Wahlprogramme so unverständlich machen“, sagt der Kommunikationsexperte. „Wir haben in allen Wahlprogrammen solche Satz-Ungetüme ab 30 Wörtern und mehr gefunden.“

Trotzdem seien nicht alle Passagen gleich unverständlich, so Prof. Dr. Brettschneider. „Gerade Einleitung, Schluss und die Kritik an den politischen Kontrahenten sind klar verständlich formuliert. Es sind vor allem die Fachabschnitte, die oft sehr kompliziert sind.“

Die Linke: Vorne in Baden-Württemberg, am unverständlichsten in Rheinland-Pfalz
Im Schnitt zeigt sich: Die aktuellen Wahlprogramme aus Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz sind im Vergleich weder besser noch schlechter verständlich als die Programme anderer Parteien in den anderen Bundesländern. „Mit einem Durchschnitt von 7,9 (Baden-Württemberg), 7,8 (Sachsen-Anhalt) und 7,6 (Rheinland-Pfalz) liegt die Verständlichkeit der Parteien in den drei Bundesländern nahe bei einander“, erklärt Prof. Dr. Brettschneider.

„Das ist aber nicht unbedingt ein Pluspunkt, da sie deutlich näher am Verständlichkeitsniveau einer Doktorarbeit (4,1) sind“, sagt auch Claudia Thoms. „Zum Vergleich: Politik-Beiträge der BILD-Zeitung haben eine durchschnittliche Verständlichkeit von 16,8.“

Das formal verständlichste Wahlprogramm liefert mit 9,7 Punkten auf dem Hohenheimer Verständlichkeitsindex die Linke in Baden-Württemberg. In Rheinland-Pfalz und in Sachsen-Anhalt landen sie jedoch auf dem letzten Platz. Ihr Programm in Rheinland-Pfalz ist sogar das insgesamt unverständlichste der drei analysierten Wahlen (5,6 Punkte). An zweiter und dritter Stelle bei der formalen Verständlichkeit liegen mit 9,2 Punkten die SPD in Rheinland-Pfalz und mit 9,1 Punkten die CDU in Baden-Württemberg.

Regierungsparteien setzen auf positive Formulierungen
Die Wahlprogramme von Regierungs- und von Oppositionsparteien unterscheiden sich hingegen kaum voneinander. Trotzdem zeichne sich eine gewisse Tendenz ab, so Prof. Dr. Brettschneider: „Die Parteien schreiben in der Opposition im Schnitt etwas verständlicher als in der Regierung. Auch nutzen sie mit Wörtern wie „müssen“, „mehr“ und „sollen“ eher fordernde Formulierungen.“ Die Regierungsparteien hingegen setzen auf positive Wörter wie „unterstützen“, „fördern“ oder „stärken“.

Bei den Begriffen, die häufig in den Wahlprogrammen genannt werden, ähneln sich die meisten Wahlprogramme, erklärt Claudia Thoms. „Begriffe wie „Menschen“ und „Land“ sind besonders häufig zu finden. Lediglich in den Wahlprogrammen der Grünen in Sachsen-Anhalt sowie der Linken und der AfD im Allgemeinen wird der Parteiname noch häufiger genannt.“

Nach 17 analysierten Landtagswahlen seit 2010 belegen CDU, SPD und Die Grüne die ersten drei Plätze in Bezug auf die durchschnittliche Verständlichkeit. Auf dem letzten Platz landen die Piratenpartei, die AfD und die FDP. „Zwischen der erstplatzierten und der letztplatzierten Partei liegen aber gerade einmal 1,8 Punkte“, betont Claudia Thoms.

Unverständlichkeit der Wahlprogramme – eine verschenkte Kommunikationschance
Mit der formalen Unverständlichkeit verschenken die Parteien eine Kommunikationschance bei den Bürgern, stellt Prof. Dr. Frank Brettschneider fest. „Obwohl nur sehr wenige Menschen die Wahlprogramme komplett und intensiv durchlesen, sollen Wahlprogramme eigentlich dazu dienen, Wähler zu gewinnen oder zu halten. Neben der formalen Verständlichkeit sollte es sich also von den Programmen der Gegner zumindest teilweise inhaltlich unterscheiden. Vor allem soll das Programm auf Themen hinweisen, die für die Partei erfolgversprechend sind.“

Aus den Programmen leiten sich außerdem andere Kommunikationsmaßnahmen ab, die für eine Wahl entscheidend sind: Wahlplakate, Flyer und Broschüren. „Selbst wenn die Wähler nicht das gesamte Programm lesen, so schauen sich einige von ihnen doch zumindest die Passagen an, die sich auf Themen beziehen, die ihnen wichtig sind“, sagt Prof. Dr. Brettschneider.


Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung Universität Hohenheim - Stand: 9. März 2016
 
 

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