Unsportliche Vorurteile

Studie: Warum Mädchen häufig mit dem Sport aufhören oder gar nicht erst an Wettkämpfen teilnehmen

Die norwegische Beachhandball-Frauen-Nationalmannschaft wurde kürzlich mit einer Geldstrafe belegt, weil sie in Shorts statt in knappen Bikinihöschen spielen wollte. Deutsche Turnerinnen, die es leid waren, sich sexualisiert zu fühlen, entschieden sich für Ganzkörper-Trikots anstelle von Bikinis bei der Olympiade.

"Ständig wird die Kleidung von Sportlerinnen unter die Lupe genommen", sagt Philip Veliz von der University of Michigan School of Nursing. "Und niemand hat sich je beklagt, dass die Hosen eines Baseball- oder Footballspielers zu eng sind." Untersuchungen von Veliz und seinen Kolleg_innen ergaben, dass Geschlechterstereotypen und Doppelmoral, bei denen weibliche Sportlerinnen anders behandelt oder nicht so ernst genommen werden wie ihre männlichen Kollegen, nicht nur in der offiziellen Sportwelt weit verbreitet sind, sondern sogar unter Eltern fortbestehen.

Die Forscher_innen befragten im US-Bundesstaat Michigan mehr als 3000 Jugendliche im Alter von 7 bis 17 Jahren und ihre Eltern und waren überrascht, dass etwa ein Drittel der Eltern (32 %) glaubte, dass Jungen besser im Sport seien als Mädchen. Und Eltern von Jugendlichen, die noch nie Sport getrieben haben, waren eher der Meinung, dass Mädchen nicht so wettbewerbsfähig seien und Sport für Jungen wichtiger sei als für Mädchen.

Wo sind die Trainerinnen?
Gegenstand der Studie war zwar nicht speziell die Sexualisierung von Mädchen und Frauen im Sport, aber laut Veliz können solche Stereotype zu jener Sexualisierung weiblicher Athleten führen, wie sie sich in der Kontroverse um die olympischen Uniformen zeigte. Die Studie ergab, dass Geschlechterstereotype und der Mangel an weiblichen Trainern als Vorbilder zu den wichtigsten Gründen gehören, warum Mädchen mit dem Sport aufhören oder gar nicht erst an Wettkämpfen teilnehmen. 

"Das Durchschnittsalter, in dem Kinder mit dem Sport beginnen, liegt bei sechs Jahren, was eine starke Beteiligung der Eltern erfordert", so Veliz. "Wenn Eltern glauben, dass Jungen besser sind als Mädchen, schicken sie die Mädchen möglicherweise zu einer anderen Freizeitaktivität." Bei der Befragung stellte sich auch heraus, dass 43 Prozent der Mädchen gegenüber von nur 35 Prozent der Jungen noch nie Sport getrieben haben. Bei der Frage, ob sie derzeit Sport treiben, lag der Anteil der Mädchen um 10 Prozent niedriger im Vergleich zu den Jungen. Insgesamt gaben etwa 40 % der befragten Jugendlichen an, dass sie derzeit Sport treiben. "Sport ist die beliebteste außerschulische Aktivität in den Vereinigten Staaten, sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen. Dennoch sehen wir, dass diese geschlechtsspezifische Diskrepanz bei der Teilnahme fortbesteht, und die Eltern könnten einen Teil dazu beitragen", so Veliz.

Der Studie zufolge ist die Wahrscheinlichkeit bei afroamerikanischen Jugendlichen, Jugendlichen aus ärmeren Verhältnissen und vor allem bei Mädchen, derzeit am größten, dass sie noch nie Sport gemacht oder ihn abgebrochen haben. Sowohl Jungen als auch Mädchen berichteten von Hänseleien, bei Mädchen nahm das Mobbing im Teenageralter allerdings zu. Ein weiteres Problem für Mädchen sieht der Forscher darin, dass es zu wenig weibliche Trainer gibt. Nur 58 % der Mädchen hatten eine Frau als Trainer, wohingegen 88 % der Jungen mit einem männlichen Trainer zu tun haben. Frauen als Trainerinnen im Jugendbereich und darüber hinaus seien immer noch unterrepräsentiert.

Sportliche Mütter als Vorbild
Laut Veliz ist es wichtig, die Eltern davon zu überzeugen, dass Jungen und Mädchen gleichermaßen an Sport interessiert sind, und man müsse auch die Zugangsbarrieren für Trainerinnen beseitigen. Wenn mehr Sportlerinnen Töchter haben, werde sich dies natürlich verbessern, so seine Hoffnung. "Wenn man eine Mutter hat, die früher Sport getrieben hat, wird sie eher sagen: 'Ich möchte, dass meine Tochter an diesen Aktivitäten teilnimmt, so wie ich es getan habe'".

"Eines der Probleme mit dem Sport in den Vereinigten Staaten ist, dass es wirklich um den Wettbewerb geht und einige Kinder nur zum Spaß Sport machen wollen", sagte Veliz, der sich wünscht, dass die Kinder bis zum Schulabschluss diesen spielerischen Zugang behalten. "Sport ist wirklich die wichtigste Quelle für körperliche Aktivität für Kinder. Er schafft die Voraussetzungen für ihr späteres Leben".

Die Studie, "Keeping Girls in the Game: Factors that Influence Sports Participation"(Faktoren, die die Sportbeteiligung beeinflussen)  gilt als eine der ersten Studien, die untersucht, welche Faktoren den Einstieg in den Sport, die Teilnahme und die Abbruchquoten beeinflussen.

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