Übersehene Talente
Studie: Jugendliche mit Hauptschulabschluss werden häufig unterschätzt
Jugendliche mit maximal Hauptschulabschluss haben oft unterschätzte Potenziale. Viele erreichen ähnliche Kompetenzen wie Jugendliche mit mittlerem Schulabschluss, ihre Stärken werden jedoch häufig bei der Ausbildungsplatzsuche nicht erkannt. Obwohl viele Betriebe händeringend Auszubildende suchen, haben Jugendliche mit Hauptschulabschluss es schwer, einen Ausbildungsplatz zu finden.
Das liegt aber nicht an mangelnden Fähigkeiten, sondern daran, dass potenzielle Arbeitgeber:innen zu sehr auf den Schulabschluss schielen und fälschlicherweise annehmen, Hauptschüler:innen hätten durch die Bank weg bestimmte Kompetenzen nicht. Eine Fehleinschätzung, wie eine Analyse der Forscherinnen Anne Christine Holtmann, Laura Menze und Heike Solga zeigt. Ihre Untersuchung basiert auf den Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS), der größten Langzeit-Bildungsstudie in Deutschland. Die Daten zeigen: Die Gruppe der Jugendlichen mit maximal Hauptschulabschluss ist deutlich heterogener als lange angenommen – viele verfügen über vergleichbare Kompetenzen und Stärken wie Gleichaltrige mit mittlerem Abschluss.
Ein erheblicher Teil der Jugendlichen mit maximal Hauptschulabschluss erreicht im Bereich Mathematik- und Lesekompetenz dieselben Werte, wie Jugendliche mit einem mittleren Bildungsabschluss. Dieses Bild zeigt sich auch bei Persönlichkeitsmerkmalen wie prosozialem Verhalten oder Gewissenhaftigkeit.
Die Autorinnen des Transferberichts kritisieren, dass diese individuellen Stärken zu oft unerkannt bleiben und in beruflichen Auswahlprozessen im Vergleich zur Wahrnehmung des Schulabschlusses zu wenig berücksichtigt werden.
„Selbst dort, wo Jugendliche bessere Mathematik- und Lesekompetenzen mitbringen, verbessert dies ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz oft kaum. Viele Potenziale bleiben dadurch ungenutzt“, sagt Prof. Dr. Heike Solga.
Die Daten zeigen zudem, dass es vielen Jugendlichen nicht an Motivation mangelt, einen Beruf zu erlernen. So planten 77 % der Jugendlichen mit maximal Hauptschulabschluss nach Verlassen der Schule eine Ausbildung – damit lag ihr Anteil sogar höher als bei Jugendlichen mit mittlerem Bildungsabschluss, von denen viele zunächst einen höheren Schulabschluss anstrebten.
Der lange Schatten der sozialen Herkunft
Ein weiterer wichtiger Aspekt für Benachteiligung auf dem Ausbildungsmarkt ist die soziale Herkunft: Welche Ressourcen in Form von Bildungskapital, Berufserfahrungen und beruflichen Netzwerken der Eltern den Jugendlichen bei der Ausbildungsplatzsuche zur Verfügung stehen, hängt maßgeblich von ihrem sozialen Hintergrund ab. Dabei haben etwa doppelt so viele Jugendliche mit Migrationshintergrund maximal einen Hauptschulabschluss wie Jugendliche mit einem mittleren Abschluss.
Auch der Bildungsabschluss der Eltern spielt eine große Rolle. 40 % der Eltern haben selbst maximal einen Hauptschulabschluss und arbeiten zudem eher in Tätigkeiten im unteren Statusbereich des Arbeitsmarktes. Daher können Jugendliche mit maximal einem Hauptschulabschluss, im Vergleich zu jenen mit einem mittleren Bildungsabschluss, bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz seltener auf Erfahrungen und Netzwerke ihrer Eltern zugreifen.
Übergangsmaßnahmen helfen vor allem Jugendlichen, die gar keinen Bildungsabschluss haben - insbesondere, wenn sie während solcher Maßnahmen einen Schulabschluss nachholen. Auch die Anbindung an einen Betrieb verbessert die Chancen bei Bewerbungen.
Trotz aller positiven Effekte zeigt sich aber auch, dass die Berufsvorbereitung für die Hälfte der Jugendlichen mit maximal Hauptschulabschluss nicht den gewünschten Erfolg hatte. Für sie führte der Weg nach der Maßnahme nicht in eine Ausbildung, sondern in eine weitere Übergangsmaßnahme, in Arbeitslosigkeit oder in eine gering qualifizierte Erwerbstätigkeit.
Arbeitgeber:innen, die dringend Auszubildende suchen, sollten also vielleicht mal etwas genauer hinschauen und jungen Menschen mit Potenzialen eine Chance geben, sich zu entfalten.
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Autorin / Autor: Pressemitteilung / Redaktion; Bild: LizzyNet - Stand: 14. Oktober 2026