Studieren trotz Angststörung?

Ja, das geht – allerdings musste ich das auch erst lernen. Mit einiger Mühe, viel Glück und einer gehörigen Portion Mut.

Als ich das Abitur abgeschlossen hatte, war für mich klar – Studieren? Nur über meine Leiche!
Während meiner Schullaufbahn war ich des Lernens ziemlich müde geworden, was aber gar nicht unbedingt am Lernprozess selbst lag. Für mich war die ganze Schulumgebung problematisch. Stunde um Stunde saß ich im Klassenzimmer, mit wummerndem Herzen, klitschnassen Händen und tomatenrotem Gesicht und habe den Tag herbeigesehnt, an dem diese Tortur endlich ein Ende haben würde.
Nun war also die Vorstellung, mit einem Haufen fremder Menschen in Hörsälen oder Kursräumen zu sitzen, Vorträge halten und Prüfungen schreiben zu müssen, für mich als Angstpatientin der reine Horror. Dabei war mir eigentlich schon immer klar - ich interessiere mich für Literatur und Sprachen. Eine Kombination aus beidem ließe sich im Studium garantiert leicht finden. Doch immer, wenn ich den Gedanken daran auch nur minimal vertieft habe, baute meine Krankheit in Windeseile ein Fort aus Angst, Panik, Unsicherheit und Selbstzweifeln um mich herum auf, das zu überwinden ich mich absolut nicht in der Lage sah.

Die (vergebliche) Suche nach einer Alternative
Also dümpelte ich zwei Jahre lang ziellos durch das überwältigende Meer von Möglichkeiten, immer die eine Option im Hinterkopf, die eigentlich am besten zu mir passte, die ich aber einfach nicht wahrnehmen konnte.
Doch irgendwann wurde die Luft dünn. Heutzutage ist es eben nicht in Ordnung, volle zwei Jahre nur in einem Nebenjob zu arbeiten, der einen „in keiner Weise voranbringt“. Zumindest ist es das, was ich mir eingeredet habe und wovon mein komplettes Umfeld ebenfalls überzeugt war. Dass diese Zeit für mich persönlich wichtig war, um zu wachsen, habe ich erst viel später begriffen.

Das „Ja“ zum Studium und ein holpriger Start
Meine Entscheidung, doch zu studieren, kommt mir auch heute manchmal noch sehr unwirklich vor.
Aber plötzlich lag da dieser Umschlag mit meinem Studierendenausweis darin im Briefkasten, und die aufkeimende Freude lieferte sich einen erbitterten Kampf mit meinem löchrigen Nervenkostüm.
Ich kann nicht sagen, dass der Start einfach war. Während der ersten Kurse – naja, eigentlich während der kompletten ersten drei Semester – fühlte ich mich einen Großteil der Zeit in die Schule zurückversetzt. Wieder saß ich schlotternd in der letzten Reihe, hob nie die Hand, wenn ich nicht musste, drückte mich vor Redeparts bei Vorträgen und ließ meine Angst oft das Interesse an den Studieninhalten überschatten. Wie soll ich denn so meinen Abschluss schaffen?, habe ich mich mehr als einmal verzweifelt gefragt.

Ein Nachteilsausgleich – für mich?

Bis meine Psychologin den einen Satz sagte, der meinen Unialltag – eigentlich mein gesamtes Leben - schlagartig so viel leichter gemacht hat: „Sie wissen aber schon, dass Sie einen Nachteilsausgleich beantragen können?“
Ich saß damals in ihrer Praxis und habe vermutlich geguckt wie ein Auto. „Das geht?“, habe ich perplex gefragt. „Ich dachte immer, das funktioniert nur, wenn man wirklich richtig krank ist.“
Dabei habe ich immer an körperliche Einschränkungen gedacht. Nie habe ich auch nur in Erwägung gezogen, dass auch psychische Probleme einen Nachteilsausgleich wert sein könnten. Und das, obwohl ich unter anderem eine diagnostizierte Angst- und Panikstörung habe und wirklich richtig krank bin.
Selbststigmatisierung, über die ich heute nur noch den Kopf schütteln kann.

Ein Nachteilsausgleich kann eine Erleichterung sein
Die nächsten Schritte haben Überwindung gekostet, aber ich kann im Nachhinein nur sagen, dass sie sich mehr als gelohnt haben.
Ich machte einen Termin bei einer Beauftragten für Studierende mit Beeinträchtigung an meiner Uni. Die Angst war groß, denn ich hatte immer noch Sorge, dass meine Beeinträchtigungen nicht ausreichen würden und man mir einfach erklären würde, „dass ich mich mal nicht so anstellen soll“. Immerhin sind viele ja vor z.B. Vorträgen nervös. Nur, dass ich nicht nervös werde – ich bekomme eine solche Panik, als wäre eine Horde Löwen hinter mir her.
Das Gespräch war dann aber sehr angenehm, einfühlsam und hat mir viel Mut gemacht. Die nette Dame erklärte mir, dass ich den Antrag bei meinem Prüfungsausschuss einreichen sollte, zusammen mit einem ärztlichen Attest, das ich von meiner Therapeutin bekam. Gesagt, getan. Dann, erneutes Bangen, ob der Prüfungsausschuss den Antrag auch genehmigt. Was er ohne jegliche Beanstandung tat. Mir war es nun erlaubt, statt mündlicher Leistungen schriftliche Ersatzleistungen erbringen zu dürfen. Tatsächlich ist der Aufwand schriftlicher Leistungen manchmal größer, als wenn man einen Vortrag halten würde. Man schreibt dann stattdessen zum Beispiel ein Essay oder auch mal eine komplette Hausarbeit. Aber für mich stellt der Nachteilsausgleich trotzdem eine Erleichterung dar und hilft mir, mein Studium trotz meiner Einschränkungen zu packen.
Einziges Manko: Der Ausgleich greift (zumindest in meinem Fall) nur in Absprache mit den jeweiligen Dozenten. Stellt sich ein_e Dozent_in also quer, nützt einem auch der Nachteilsausgleich herzlich wenig. Ein Umstand, den ich definitiv ausbaufähig finde, zumal es einige Lehrkräfte gibt, die stur auf ihre zwanzig Vorträge pro Kurs beharren.
Trotzdem bin ich unwahrscheinlich froh, den Mut gehabt zu haben, mich beraten zu lassen.

Kein einheitliches Konzept an den Universitäten
Ich habe eingangs außerdem davon gesprochen, dass ich Glück hatte. Und das stimmt auch. Zum einen, weil ich eine Therapeutin habe, die mir damals genau den richtigen Hinweis gegeben hat. Zum anderen aber auch, weil ich von einigen Betroffenen an anderen Universitäten weiß, dass sie für Beeinträchtigungen, die meinen ähneln, keinen Nachteilsausgleich erhalten haben. Dass das Konzept offenbar nicht an allen Universitäten einheitlich ist, finde ich schockierend und ungerecht. Denn immerhin hängt es nicht davon ab, wo man studiert, ob man nun krank ist oder nicht. Jeder hat seine eigene Geschichte und sollte fair und gleich behandelt werden. Natürlich, ich hatte bereits drei Semester studiert und das auch ohne Nachteilsausgleich. Oft sind die Dozent_innen auch entgegenkommend, wenn man seine Problematik schildert.
Es war also machbar – aber verbunden mit tonnenweise Stress und Panik.

Es braucht dringend mehr Aufklärung
Außerdem haben viele, die in einer ähnlichen Situation stecken wie ich, auch gar keine Ahnung, dass es einen Nachteilsausgleich für psychische Krankheiten überhaupt gibt. Hätte ich das von vornherein gewusst, vielleicht hätte ich sogar eher mit dem Studieren begonnen. Meiner Meinung nach wird darüber immer noch viel zu wenig aufgeklärt. Jeder weiß zum Beispiel, dass eine Uni barrierefrei sein muss und das ist auch gut so. Aber wir müssen endlich anfangen, auch die Krankheiten, die man nicht sehen kann, als normal zu erachten – auch und vor allem in Lernumgebungen wie der Universität. Deshalb hoffe ich, dass dieser Artikel vielleicht ein weiterer Schritt in diese Richtung ist und anderen Betroffenen Mut machen kann.
Denn obwohl es manchmal noch hart ist und keineswegs immer angstfrei, so bin ich mittlerweile doch wirklich froh, dass ich studieren kann - und das trotz meiner Erkrankung.

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Autorin / Autor: Sarah H. - Stand: 22. Juli 2020