Stress? Was fürn Stress?

Psycholog_innen erforschen die positiven Seiten von Herzklopfen, schwitzigen Händen und Co.

Magenschmerzen vor der Abschlussprüfung, Herzrasen vor dem ersten Date, schweißnasse Hände bei einem Vorstellungsgespräch? Viele von uns kennen diese typischen Stressreaktionen in neuen, ungewöhnlichen oder aufreibenden Situationen, die einen noch nervöser machen, als man eh schon ist. Wie kann man das verhindern?
Psycholog_innen der University of Rochester haben dazu offenbar einen Ansatz gefunden: Sie glauben, dass eine Neuberwertung von Stressgefühlen einen großen Unterschied für die psychische Gesundheit machen kann und hilft, das allgemeine Wohlbefinden und den Erfolg zu verbessern.

Nützliches Werkzeug
In ihrer Studie trainierten sie Jugendliche und junge Erwachsene an einer Volkshochschule darin, ihre Stressreaktionen als nützliches Werkzeug und nicht als Hindernis zu betrachten. Das Team fand heraus, dass die Proband_innen nach den Trainings nicht nur weniger Angst hatten, sondern dass diese Umstellung auf "guten Stress" auch dazu beitrug, dass sie bei Wissens-Tests besser abschnitten, Aufgaben weniger aufschoben und auf akademische Herausforderungen gesünder reagierten.

Stressreaktion als Helferlein
Um ihre Einstellung gegenüber Stress zu ändern, absolvierten die Student_innen eine standardisierte Lese- und Schreibübung, die ihnen vermittelte, dass ihre Stressreaktionen wichtig seien für die Leistungserbringung in einem bevostehenden Test. "Wir verwendeten eine Art 'Sagen ist Glauben'-Ansatz, bei dem die Teilnehmer_innen die Vorteile von Stress kennenlernten und aufgefordert wurden, darüber zu schreiben, wie er ihnen helfen kann, etwas zu erreichen", erklärte Hauptautor Jeremy Jamieson von der Uni Rochester. Er erforscht, wie sich Stresserfahrungen auf Entscheidungen, Gefühle und Leistung auswirken. In einem Fragen-Antwortkatalog erklären die Forschenden, wie wir es schaffen können, mit Stress positiver umzugehen.

Wie kann denn Stress etwas "Gutes" sein?
Wie fast alle glauben wir, dass Stress von Natur aus schlecht ist und immer vermieden werden sollte. Dabei sei Stress ein normales und sogar bestimmendes Merkmal des modernen Lebens, erklären die Forschenden. Wenn Menschen, die sich auf ihr erstes Vorstellungsgespräch vorbereiten, ihr Herzrasen und ihre schwitzigen Handflächen nicht nur als lästiges Anzeichen für Nervosität ansehen würden, sondern begriffen, dass die Stressreaktion in Wirklichkeit dazu beiträgt, dass das Gehirn mit Sauerstoff versorgt wird und Hormone freigesetzt werden, würden sie merken, wie diese Energie sie mobilisiert.

Was genau ist eine Stressaufarbeitung oder -neubewertung?
Menschen erleben in Stresssituationen eine erhöhte Aktivität des Sympathikus (einem Teil des vegetativen Nervensystems), die sich in schwitzenden Handflächen oder einem schnelleren Herzschlag äußern kann. Anstatt diese Reaktionen als "schlechten" Stress zu betrachten, können wir lernen, Stressreaktionen, einschließlich der Stresserregung, in Bezug auf psychologische, biologische, leistungs- und verhaltensbezogene Ergebnisse als vorteilhaft zu bewerten.
Wenn wir glauben, dass wir über ausreichende Ressourcen verfügen, um die an uns gestellten Anforderungen zu bewältigen, wird unser Körper so reagieren, dass er Stressreaktionen als Herausforderung und nicht als Bedrohung ansieht.

"In unserer Studie mit Student_innen der Volkshochschule, die an Mathematikkursen teilnahmen, stellten wir fest, dass die Teilnehmer_innen, die eine Neubewertung vornahmen, sowohl unmittelbar als auch bei einer anschließenden Prüfung weniger Angst vor der Mathematiknote hatten. Außerdem schnitten sie bei der Prüfung unmittelbar nach Abschluss unserer Aufarbeitungsübung besser ab als die Kontrollgruppe", erklärte Jamieson.

Ein weiterer Effekt zeigte sich auch beim Thema Prokrastination, also der lästigen Angewohnheit, Aufgaben immer weiter aufzuschieben. Die Student_innen, die die Übungen vollzogen hatten, prokrastinierten anschließend weniger, was eine höhere Punktzahl bei der nächsten Prüfung voraussagte. Außerdem setzten sie sich auch andere Ziele und konzentrierten sich auf das Erreichen positiver Ergebnisse, wie z. B. ein Spiel zu gewinnen oder einen Test zu bestehen, und weniger darauf, negative Ergebnisse zu vermeiden.

Vergleich des Cortisol- und Testosteronspiegels
Auch die beiden Hormone Cortisol und Testosteron wurden in den Testgruppen untersucht. Das Stresshormon Cortisol ist erhöht, wenn sich Menschen bedroht fühlen. Es werde daher oft als "negativer Stressindikator" interpretiert, obwohl es nicht immer "schlecht" sei, so der Psychologe. Testosteron hingegen unterstütze eine optimale Leistung. "Wir fanden heraus, dass die Übungen bei den Schüler_innen in den Prüfungssituationen im Klassenzimmer zu einem Anstieg des Testosteronspiegels und einem Rückgang des Cortisolspiegels führte, was ein hilfreiches Muster für Spitzenleistungen ist."

Was tun bei Stressempfinden?
Der erste Schritt bestehe darin, Stress von Kummer und Angst zu unterscheiden. Stress sei einfach die Reaktion des Körpers auf jede Anforderung, ob gut oder schlecht. Aufregung sei ein Stresszustand, ebenso wie Angst. Aber: "Niemand ist innovativ und gedeiht, wenn er nicht über seine Komfortzone hinausgeht", erläutert Jamieson. Und in Bezug auf den Umgang mit Stress bei Kindern, ermutigt er Eltern zu verstehen, dass die Normalisierung von Stresserfahrungen und das Überwinden von Hindernissen Kindern helfen kann zu verstehen, dass sie auch schwierige Dinge schaffen können. "Der Abbau von Stress durch die Beseitigung von Hindernissen, wie z. B. die Abschaffung von Prüfungen, die Erleichterung von Kursen usw., kann ihre Fortschritte sogar behindern."

Ok, dann also her mit dem Stress! Wir schaffen das, ob mit oder ohne Schwitzhände ;-).

Die Studie wurde im Journal of Experimental Psychology veröffentlicht.

Quelle:

Was denkst du darüber?
Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung