Sorry, das ist jetzt wichtig

Warum uns Handynachrichten oft wichtiger sind als unser reales Gegenüber

Eigentlich hätte es ja ein gemütlicher Abend werden können: Man sitzt im Café mit netten Menschen, die man lange nicht gesehen hat, erzählt sich die neuesten Anekdoten, scherzt, lacht und schaut sich in die Augen - aber dann piept dauernd das Handy eures Gegenübers. Als wäre das nicht schon Zumutung genug, guckt eure Freundin auch noch jedes Mal, welche Nachrichten eingegangen sind und beantwortet sie ohne Zögern in eurem Beisein... Für ein solches Verhalten gibt es im Englischen den Namen "Phone Snubbing" oder "Phubbing". Er bezeichnet das Ignorieren von Mitmenschen, um sich dem Telefon zu widmen.

Obwohl es alltäglich sein mag, kann das Brüskieren von Freund_innen ernsthafte Auswirkungen auf Beziehungen haben, und es gibt viele Faktoren, die Menschen dazu bringen können, ihre Freund_innen zugunsten eines elektronischen Bildschirms zu ignorieren, so eine neue Studie der University of Georgia.

Warum ist das Handy wichtiger als unser Gegenüber?
Laut der Studie liegt die Neigung zum Phubbing hauptsächlich an unserer Persönlichkeitsstruktur. Die wird in der Psychologie durch vorherrschende Eigenschaften dominiert, welche wiederum beeinflussen, wie wir denken, fühlen und uns verhalten. Zu den bekanntesten Persönlichkeitsmerkmalen gehören die sogenannten Big Five: Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für neue Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit.
Im vorliegenden Fall fanden die Studienautor_innen heraus, dass Menschen, die eher depressive Züge aufweisen und sozial ängstliche Menschen, die Online-Interaktionen besser finden als reale Kommunikation von Angesicht zu Angesicht eher in diesem Muster verfangen sind als andere. Hinzu komme, dass Menschen, die unter starken sozialen Ängsten oder Depressionen leiden, eher süchtig nach ihrem Smartphone seien, so Juhyung Sun, Hauptautorin der Studie.

"Ich habe beobachtet, dass so viele Menschen ihre Telefone benutzen, während sie mit ihren Freunden im Café sitzen, zu jeder Essenszeit, unabhängig von der Art der Beziehung", sagt Sun. "Die Menschen reagieren sehr empfänglich auf ihre Benachrichtigungen. Bei jedem Brummen oder Geräusch schauen wir bewusst oder unbewusst auf unser Telefon". Und die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten des Geräts - von der Wetterapp bis hin zu aktuellen Nachrichten begünstigten diese Dynamik.

Die "Verträglichen" kommunizieren lieber live
Menschen, deren Persönlichkeit dagegen eher dominiert ist von der Eigenschaft "Verträglichkeit", neigen zu kooperativem, höflichem und freundlichem Verhalten in ihren zwischenmenschlichen Beziehungen und in ihrem sozialen Umfeld, erklärt die Wissenschaftlerin. "Sie neigen dazu, die soziale Harmonie aufrechtzuerhalten und Streit zu vermeiden, weil der ihre Beziehungen ruinieren könnte", sagte sie. "In Gesprächen von Angesicht zu Angesicht empfinden Menschen mit einem hohen Grad an Verträglichkeit das Verhalten von Phobikern als unhöflich und unfreundlich gegenüber ihren Gesprächspartnern."
Trotzdem praktizieren auch sie Phubbing, allerdings eher in Gegenwart von drei oder mehr Personen. "Es ist schon ironisch, dass so viele Menschen glauben, dass Phubbing unhöflich ist, es aber trotzdem tun", sagte Sun. "Die Mehrheit der Menschen telefoniert mit anderen, und in einer Gruppe scheint es in Ordnung zu sein, weil ich allein bin und die anderen nicht merken, dass ich telefoniere."

Du bist mir wichtiger als mein Handy
Wer sein Telefon hingegen bewusst ausschaltet oder umdreht, sendet ein Signal, dass er/sie sein Gegenüber respektiert und sich auf die Situation und die Person konzentrieren möchte.
Jennifer Samp, Professorin am UGA Franklin College of Arts and Sciences, glaubt, dass Phubbing sogar noch mehr um sich greifen könnte, wenn wir alle nach dem Abklingen der Pandemie zu persönlichen Gesprächen zurückkehren. "Die Menschen haben sich stark auf Telefone und andere Technologien verlassen, um während der Pandemie in Verbindung zu bleiben", sagte Samp. "Für viele war es angenehmer, über Texte und Videobotschaften auf Distanz in Verbindung zu bleiben als von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren". Ob und wie sich das auswirken wird, darauf dürfte man gespannt sein.

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung