Schweigen ist Zustimmung

Interview mit dem Team des Anti-Rassismus Informations-Centrums, ARIC-NRW e.V.

Copyright Sanata Nacro | ARIC-NRW e.V.

Opferberatungsstellen vermelden seit Jahren einen extremen Anstieg politisch rechts motivierter Gewalt. Dabei werden Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder ihrer Religionszugehörigkeit angegriffen, darunter viele, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben: Schwarze Menschen, Muslim_innen, Romniija und Roma sowie Geflüchtete. Neben den Bedrohungen und gewalttätigen Angriffen, spielt aber auch der Alltagsrassismus eine immer größere Rolle - nicht nur im Netz. Darüber, und welche Gegenstrategien es gibt, sprachen wir mit dem Team von ARIC-NRW e.V., einer praxisorientierten Anlaufstelle für in der antirassistischen Arbeit Tätige.

Können Sie unseren Leser*innen kurz die Ziele Ihres Vereins darlegen und welche Aufgaben Sie in erster Linie haben?

Der Verein hat sich 1994 nach den Brandanschlägen in Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen gegründet, um gegen Rassismus und rassistische Strukturen zu wirken. Wir wollten aber auch Strukturen gegen Rassismus aufbauen, die es damals so nicht gab: Also Beratungsstellen und Anlaufstellen für von Rassismus Betroffene und auch für Menschen und Institutionen, die etwas gegen Rassismus unternehmen wollen. Es geht bei uns darum, gegen Rassismus, für Gleichberechtigung und Gleichbehandlung zu wirken auf allen Ebenen. Sowohl auf der individuellen Ebene, zum Beispiel durch die Antidiskriminierungsberatung, im Bildungsbereich, durch Empowerment-Trainings für von direkt von Rassismus Betroffene, für Jugendliche, Fachkräfte in der Jugendarbeit und anderen Einrichtungen.
Ganz wichtig ist uns aber auch eine Vernetzung mit anderen Initiativen, und uns auch politisch einzubringen, Gesetze anzustoßen und die öffentliche Meinung zu beeinflussen. In unserer Gründungszeit durfte man das Wort "Rassismus" kaum in der Öffentlichkeit benutzen, sondern es wurden Worte wie "Ausländerfeindlichkeit", "Xenophobie", „Fremdenhass“ etc. genutzt. Das ist inzwischen zum Glück anders, Rassismus kann man heute als solchen benennen, nicht zuletzt deshalb, weil diejenigen die von Rassismus betroffen sind, immer wieder darauf aufmerksam gemacht haben. Allerdings bleibt es zu oft noch auf einer individuellen Ebene, und der Rassismus auf struktureller und gesellschaftlicher Ebene wird nicht so gerne thematisiert. Auch dafür setzt sich unsere Arbeit ein.

Wer kommt auf Sie zu und nimmt Ihre Dienste in Anspruch?

Nicht nur viele Schulen und Einrichtungen aus der Sozialen Arbeit, sondern auch z.B. Schuldnerberatungen, Verwaltungen, Ministerien und andere Institutionen. Auch Firmen kommen inzwischen auf uns zu, die etwas gegen Rassismus und Diskriminierung in ihren Belegschaften tun wollen. Das Spektrum der anfragenden Gruppen und auch Einzelpersonen ist sehr breit aufgestellt, so wie unser Angebot eben auch ist, von Workshops und Trainings bis hin zur konkreten Beratungsarbeit.

Was passiert in den Antirassismus-Trainings?

Wir arbeiten mit zwei Hauptelementen: Das eine ist das emotionale Lernen, das Jugendliche in ihrer Haltung erreichen will, und das andere Element ist das Wissen über Rassismus. Dabei legen wir auch offen, was rassistisches Wissen ist, nämlich das, was wir als weiße Deutsche erlernt haben, wofür der/die Einzelne zwar nichts kann, aber was wir reflektieren und ändern können. In dem Buch "Exit Racism" von Tupoka Ogette wird dieser Zustand, in dem sich weiße Deutsche befinden, als "Happy Land" beschrieben. Das ist ein Zustand, in dem wir unbewusst Vorurteile und Rassismen weitertransportieren, die wir erlernt haben. Wenn wir die Teilnehmenden in unseren Workshops aus diesem Zustand herausführen, kann das auch mal wehtun. Ein Beispiel dafür ist der "Privilegientest". Dabei werden Rollen verteilt: z.B. eine geflüchtete Frau aus Eritrea und ein 18-jähriger Abiturient, dessen Vater Bänker ist. Dann werden Fragen gestellt wie z.B.: Kannst du einfach ein Konto eröffnen? Kannst du einfach nach München reisen, wenn du in Bochum wohnst? etc. Wenn die Antwort "ja" lautet, geht man einen Schritt nach vorne, wenn nicht, bleibt man stehen. Das heißt, die Gruppen entfernen sich zwangsläufig voneinander und dabei findet schon sehr viel eigenes Erleben statt - bei beiden Gruppen. Bei denen, die vorne sind, entsteht Unbehagen, weil keiner mitkommt, und die, die hinten bleiben, verstehen sehr schnell, mit der Voraussetzung haben sie keine Schnitte.
Bei den Jugendlichen, die selbst Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen gemacht haben, müssen natürlich andere Methoden eingesetzt werden, weil wir sie empowern möchten. Das heißt, manchmal teilen wir die Gruppen dann auch. Wichtig ist auch bei gemischten Gruppen, dass es ein Regelwerk gibt, sodass es immer einen sicheren Raum gibt für jene, die Rassismuserfahrungen gemacht haben. Schließlich wollen wir nicht, dass sie in einem Workshop, der eigentlich Rassismus bekämpfen sollte, wieder neu verletzt werden.
Es geht also bei den Workshops sowohl um Selbstreflexion und um Empowerment. Und das Wissen, woher kommt Rassismus, in welchem Kontext steht er, und wie und wo ist er heute noch wirksam. Dabei geht es einerseits um das Erspüren und darum, eine Haltung zu entwickeln.

Hat sich in den letzten Jahren - analog zum oft härter gewordenen Umgang im Netz - auch die Arbeit vor Ort geändert? Konkret: Nimmt der Rassismus auch in der Schule/ in der Jugendarbeit zu?

Das lässt sich ja kaum noch trennen. Die analoge und die digitale Welt sind ja nicht mehr zwei Welten, die sind ja ganz eng miteinander verwoben. Die Sagbarkeitsgrenzen haben sich verschoben, das spürt man sehr deutlich. Auch die Konfrontation mit gewaltvollen, auch sprachlich gewaltvollen Inhalten senken zusätzlich Hemmschwellen, aber viele Jugendliche, die negativ von Rassismus betroffen sind, entwickeln inzwischen auch ein anderes Selbstbewusstsein. Es gibt ja viel mehr Rollenvorbilder von People of Color. Was sich aber nicht schnell genug verändert, sind die Strukturen, zum Beispiel im Bildungssystem. Es reagiert nicht entsprechend auf den Bedarf von jungen Leuten, sondern versucht sie immer noch an ihre Strukturen anzupassen. Deshalb setzen wir uns auch dafür ein, dass an den Schulen Strukturen aufgebaut werden, damit Rassismuserfahrungen gehört und nicht unter den Teppich gekehrt werden.
Zum strukturellen Rassismus gehört aber auch, dass Mehrsprachigkeit an den Schulen nicht gefördert wird, es sei denn, es handelt sich um Kinder, die zuhause Englisch oder Französisch sprechen. Es gibt zum Beispiel ja noch kein einziges deutsch-türkisches Gymnasium.
Die Jugendarbeit ist dagegen schon ein bisschen weiter, hier wird auf die Bedarfe inzwischen schon gut reagiert, die Themen Rassismus und Diskriminierung werden hier viel bewusster wahrgenommen, auch weil die Mitarbeiter_innenzusammensetzung viel bunter ist.

Welche Vorurteile/ Erfahrungen werden am häufigsten von Jugendlichen geäußert? Und wie wirken Sie denen entgegen?

Die gemachten Erfahrungen spiegeln oft die gerade in der Gesellschaft aktuellen Diskurse, wie zum Beispiel das Thema Islam. Auch weil es viele Vorbilder gibt, die sich islamfeindlich äußern. So hat das kopftuchtragende Mädchen natürlich Probleme in der Schule, weil ihr unterstellt wird, sie sei unterdrückt. Antimuslimischer Rassismus ist momentan sehr präsent in den Schulen und unter Jugendlichen. Auch der  Antiromaismus ist stark verbreitet, also die Vorurteile und negativen Zuschreibungen, denen Roma ausgesetzt sind. Natürlich haben die Schüler_innen das aus ihren Elternhäusern und den Medien aufgeschnappt, aber es ist schon so, dass diese Form des Rassismus eine der ältesten ist. Wir versuchen aber nicht nur das Thema Rassismus zu beleuchten, sondern auch das Ineinandergreifen vieler unterschiedlicher Diskriminierungserfahrungen: als Frau oder Mädchen, als Muslima, die Herkunft aus einer sozial schlechter gestellten Gesellschaftsschicht etc. Es muss auch immer auf das Thema ungleiche Verteilung von Ressourcen und Chancen eingegangen werden.

Sie bieten auch Antidiskriminierungsberatung an. Welche Themen stehen dabei im Vordergrund?

Wir arbeiten ja im Verbund mit den anderen 13 Servicestellen für  Antidiskriminierungsarbeit in NRW. 2018 standen folgende Themen ganz oben:
- Öffentliche Verwaltung/ Ämter
- Wohnungsmarkt
- der Zugang zum Arbeitsmarkt
- rassistisches Mobbing am Arbeitsplatz
- Bildung
- Dienstleistung (Z.B. verwehren viele Fitnessstudios Männern mit vermeintlich arabischer Herkunft die Mitgliedschaft)
- antimuslimischer Rassismus (ein Fall war hier zum Beispiel, dass eine Mutter ihre Kinder bei einem Sportverein abmelden musste, weil sie ein Kopftuch trägt und die deshalb die Räume nicht betreten durfte. Oder dass ein Mädchen mit Kopftuch keinen Praktikumsplatz in der KITA bekam.)
- racial Profiling: Junge arabisch aussehende Männer werden häufiger von der Polizei kontrolliert

Wie sieht die Unterstützung aus in solchen Fällen?

Erstmal wollen wir den Betroffenen vermitteln, dass wir sie ernst nehmen in dem, was sie erlebt haben. Denn oft machen sie die Erfahrung - auch in anderen Beratungsstellen - dass ihnen nicht geglaubt wird oder dass beschwichtigt wird, es handele sich ja in ihren Fall gar nicht um Diskriminierung...
Wir sind da erstmal parteilich und stehen auf der Seite der Betroffenen. Dann nehmen wir die Beschwerde immer schriftlich auf. Dabei wird klar formuliert, was passiert ist, und diese Beschwerde legen wir dem/der Diskriminierungsverantwortlichen vor, der/die damit auch die Möglichkeit bekommt, sich dazu zu äußern. Es geht uns also darum, jedes Mal den einzelnen Fall erstmal zu klären und nicht damit sofort an die Öffentlichkeit zu gehen. Es kommt dann schon auch öfter vor, dass ein Schreiben des/der Diskriminierungsverantwortlichen eintrifft, in dem er/sie sich entschuldigt und verspricht, der Sache nachzugehen. Dann schauen wir natürlich auch, ob es ein gesetzlich relevanter Fall ist nach dem Gleichbehandlungsgesetz. Wenn dem so ist, vermitteln wir weiter an Anwält_innen, begleiten aber die Menschen weiterhin, denn in Gerichtsverfahren werden sie ja immer wieder mit den Diskriminierungserfahrungen konfrontiert - auch durch nicht rassismussensible Richter_innen.

Machen Sie solche Fälle auch öffentlich?

Wir gehen eher weniger mit Einzelfällen an die Presse, weil wir die Dynamik nicht einschätzen können, die sich daraus entwickelt. Wir konzentrieren uns lieber darauf, politisch auf Landes- und Bundesebene zu wirken und uns mit anderen zu vernetzen. Bei uns steht der oder die Betroffene an höchster Stelle, und diese Person wollen wir schützen und unterstützen.

Rassismus ist ja ein tief verwurzeltes Phänomen in fast allen Gesellschaften und hat viele unterschiedliche Gesichter. Was denken Sie ist die besondere Ausprägung hierzulande, und was  müsste sich dringend ändern, damit Rassismus angegangen werden kann?

Was mich stört, ist, dass wenn es um Rassismus geht, wir mit dem Finger auf die AFD zeigen, sich aber auch andere Politiker aus der vermeintlichen Mitte - wie zum Beispiel Herr Seehofer von der CSU, Herr Sarrazin von der SPD, oder Herr Gauck auf diskriminierende Weise äußern. Oder wie kann ein Verfassungsschutzpräsident wie Herr Maaßen mit derart diskriminierenden Haltungen in dieses Amt kommen? Da ist ja schon vorher etwas in der Gesellschaft passiert, dass so etwas möglich ist. Es geht um unsere Haltung. Es kann sehr erleichternd sein, zuzugeben, dass es rassistische Grundhaltungen in der Gesellschaft gibt und daran zu arbeiten. Dabei geht es vor allem darum, sich der eigenen Privilegien bewusst zu werden und sie zu teilen.
Ein besonderes Thema ist der antimuslimische Rassismus, der aktuell viel Raum einnimmt, und das obwohl der Islam schon sehr lange in Deutschland beheimatet ist und es auch viele deutsche Muslim_innen gibt. Auch im Bereich Schule finden wir diese Diskriminierung: Es gibt Schulgottesdienste, die aber christlich sind. Es gibt aber 20 bis 30 Prozent Muslime. Warum wird denn kein Hodscha eingeladen? Das ist die Normalität, alles, was irgendwie anders ist, stört… Wir müssen daran arbeiten, die Vielfalt, auch die religiöse Vielfalt anzuerkennen und Institutionen und entsprechende Verfahren dafür entwickeln, dass das auch passiert.

Welche Handlungs-Tipps geben Sie Jugendlichen, sich gegen rassistische Äußerungen und Situationen zur Wehr zu setzen - sowohl als Betroffene als auch als Zeug*innen?

Als Betroffene geht es in erster Linie darum, sich Verbündete zu suchen, in der Familie, im Freundeskreis, oder wo auch immer. Besser ist es, sich nicht alleine zu wehren, sondern sich Hilfe zu organisieren. Dazu gibt es Antidiskriminierungsbüros, aber auch Einrichtungen in der Jugendhilfe. Zum Beispiel Mädchentreffs sind gute Orte, wo Betroffene diese Erfahrungen schildern und mit anderen teilen können. Dort findet man auch engagierte Menschen, die Unterstützung anbieten. In akuten Fällen kann es gut sein, besonders, wenn es hart wird, sich umzudrehen und zu gehen. Gerade dann, wenn Macht oder Zwang eine Rolle spielen.
Aber generell ist es wichtig, auf rassistische Äußerungen zu reagieren, eine Position zu beziehen und Widerspruch zu formulieren, und nicht erst darüber nachzudenken, ob an dem Argument etwas dran sein könnte. Dazu braucht man gar nicht unbedingt mit der „Rassismus-Keule“ zu kommen, sondern man kann sagen „Das, was du gesagt hast, verletzt andere, es wertet sie ab, da gehe ich nicht mit“.
Gerät man zum Beispiel in eine brenzlige Situation in der Straßenbahn, kann man sich umgucken, ob noch jemand dabei ist, der sich unwohl fühlt und diese Personen dann ansprechen, sodass man zu Mehreren widersprechen kann. Das gibt Stärke.
Wenn es allerdings physisch wird, sollte man solche Situationen der Polizei überlassen.
Also zusammengefasst: Überhaupt reagieren, weggehen ist möglich und sich verbünden. Wichtig ist auch, selbst eigenes Wissen aufzubauen, um falsche Argumente faktisch zu widerlegen. Auf jeden Fall sollte man nicht schweigen, wenn man Zeuge oder Zeugin einer rassistischen Äußerung wird, denn Schweigen wird als Zustimmung gewertet. Und erfahrungsgemäß fühlt sich das Opfer danach meist sehr schlecht.
In Situationen, wo man sieht, dass eine Person rassistisch angegriffen ist, sollte man aber auch nicht einen Stellvertreterkampf führen und den bevormundenden Ritter oder die Ritterin spielen. Aber man sollte ihr signalisieren, dass man auf ihrer Seite ist und da ist, wenn sie Unterstützung braucht.

Vielen Dank für das Interview!

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Autorin / Autor: Redaktion/ Aric-NRW  e.V. - Stand: 18. September 2019
 
 
 

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