Schieb sie weg!

Forschung: Aktives Unterdrücken lässt schlimme Bilder verblassen

Jeder Mensch hat Dinge erlebt, an die er sich nicht so gerne erinnern möchte. Unfälle, Krankheiten, Krieg und Katastrophen möchten wir nicht in Gedanken immer und immer wieder durchleben. Leider tauchen die Erinnerungen an solch traumatische Erlebnisse ungefragt auf, sie werden häufig von harmlosen Gegenständen ausgelöst, die bei dem traumatischen Erlebnis ebenfalls zugegen waren. Aus verschiedenen Studien wissen Forscher_innen aber, dass solche Erinnerungen tatsächlich verblassen, wenn sie aktiv unterdrückt und aus dem Bewusstsein verdrängt werden. Aber was passiert eigentlich im Gehirn mit diesen weggeschobenen Bildern? Verblassen sie wirklich? Und lässt sich das dem Gehirn ansehen?

Diesen Fragen sind Forscher_innen des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) in einer aktuell erschienen Studie nachgegangen und konnten zeigen: Die Spuren im Gedächtnis verblassen tatsächlich und können bei erneutem Abrufen der Szenen weniger stark reaktiviert werden.

Die Forscher_innen haben diesen Prozess in einer Studie mit Testpersonen nachvollzogen. Die Testpersonen lernten in einem ersten Schritt, Bilder negativer Erlebnisse mit einem neutralen Gegenstand zu verknüpfen, etwa Flutkatastrophe und Gummistiefel, Autounfall und Turnschuh, verletzte Person und Teddybär. Dazu sahen sie mehrfach die Szenen mit den jeweiligen Gegenständen. Stiefel, Teddy und Bär riefen dadurch schließlich automatisch die schlimmen Bilder hervor. Anschließend wurde mithilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) die Hirnaktivität gemessen, während die Teilnehmer_innen sich mit Hilfe der Gegenstände an die Szenen erinnerten.

In einer zweiten Phase bekamen die Personen ebenfalls nur die Gegenstände zu sehen. Ein Teil der Teilnehmenden sollte sich die dazugehörige Szene in Erinnerung rufen, ein anderer Teil sollte die Gedanken an die Szenen unterdrücken. Im letzten Schritt wurden ihnen wiederum alle Gegenstände gezeigt und sie versuchten erneut, sich an die jeweiligen Szenen zu erinnern. Hierdurch konnte das Forschungsteam prüfen, ob die vermiedenen Erinnerungen tatsächlich verblasst waren. Zudem konnten sie das Muster der Hirnaktivität vor und nach dem Unterdrücken miteinander vergleichen.

Manchmal verschwinden die Bilder sogar ganz

Dabei zeigte das Wegschieben der Erinnerungen messbare Wirkung: Die Studienteilnehmer_innen sahen die Bilder weniger klar vor ihrem inneren Auge. Manchmal waren sie sogar ganz verschwunden, beobachteten die Forscher_innen. Außerdem sei sichtbar geworden, "dass dieses Verblassen der Erinnerung mit einer geringeren Reaktivierung der Gedächtnisspur im Gehirn einhergeht,“ erklärt Ann-Kristin Meyer, Doktorandin am MPI CBS die Ergebnisse der Studie. Bei Testpersonen, die die Erinnerungen besonders gut unterdrücken konnten, trat auch die Gedächtnisspur im Nachgang schwach auf.

Durch das absichtliche Unterdrücken der Erinnerung kann das Gehirn die Bilder schlechter abrufen als zuvor. Dabei hat sich herausgestellt, dass bei denjenigen, die die Erinnerungen besonders gut unterdrücken konnten, auch die Gedächtnisspur im Nachgang entsprechend schwach auftrat. Das heißt, die spezifische Hirnaktivität, die während des ursprünglichen Erlebnisses aufgetreten war, hat sich verändert.

Aktives Vergessen kann hilfreich sein
„Vergessen hat eigentlich einen schlechten Ruf“, sagt Roland Benoit, Studienleiter und Leiter der Forschungsgruppe „Adaptives Gedächtnis“ am MPI CBS. „Aktives Vergessen kann aber ein hilfreicher Mechanismus sein, um Erinnerungen an schlimme Erlebnisse nicht immer wieder ungewollt aufkommen zu lassen.“ Durch die Kontrolle der eigenen Gedanken sei es offenbar tatsächlich möglich, die Erinnerungen zu schwächen und die neuronalen Spuren im Gehirn potentiell zu löschen.

Warum einige Menschen besser im Vergessen sind als andere, sei bislang unklar. Besonders schwer falle es jedoch denen, die etwa unter Depressionen oder posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Zukünftige Studien sollen nun herausfinden, ob und wie das absichtliche Vergessen zu unserer psychischen Gesundheit beiträgt.

Die Ergebnisse der Studie sind im Fachmagazin elife erschienen.

Wenn dich also Erinnerungen an schlimme Erlebnisse quälen, schieb sie immer wieder bewusst weg. Das schwächt sie, bis sie irgendwann (hoffentlich) ganz verschwunden sind.

Quelle:

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Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung - Stand: 16. Mai 2022