Rache schmeckt süß

... aber Vergebung macht Geschichten bedeutungsvoller, so eine Studie der Ohio State University

Reinstes Filmvergnügen: Nach einer rasanten Verfolgungsjagd wird der gemeine Dieb gefasst und muss das Doppelte von dem, was er gestohlen hat, zurückzahlen. Oder: Eine betrogene Frau zahlt es ihrem Ex doppelt und dreifach heim. Solch ein Ende finden die meisten Menschen unterhaltsamer, als wenn der Übeltäter nur gestellt und ihm großzügig vergeben würde. Stimmt es also, dass Rache süß ist? Nicht ganz, denn auch wenn wir uns genüsslich Rachefantasien hingeben - sie sind auch irgendwie oberflächlich. Denn die meisten von uns empfinden Vergebungs-Geschichten letztendlich tiefer und sinnvoller als solche, in denen die Bösen ihre gerechte Strafe erhalten. Das ist das Ergebnis einer Studie der Ohio State University mit 184 Studierenden.
Diese wurden gebeten, 15 kurze Erzählungen zu lesen, die als Handlungsablauf für mögliche Fernsehfolgen gedacht waren. In fünf der Geschichten erfuhr der Bösewicht vom Opfer Gnade, in weiteren fünf erhielt er eine gerechte Strafe, und im letzten Drittel musste er eine Strafe erdulden, die weit über ein angemessenes Maß hinausschoss. In einer Geschichte ging es zum Beispiel darum, dass eine Person einem Mitarbeiter 50 Dollar gestohlen hatte. In einem Szenario kaufte das Opfer Kaffee für den Dieb (Vergebung); in einem anderen Szenario stahl das Opfer dem Dieb eine 50-Dollar-Whiskeyflasche (gerechte Vergeltung); und in der dritten Version stahl das Opfer sein Geld zurück und lud Pornos auf den Arbeitscomputer des Diebs herunter (übertriebene Rache).

Gerechte Vergeltung hatte am meisten Fans
Unmittelbar nach der Lektüre jedes Szenarios sollten die Teilnehmenden angeben, ob ihnen die Erzählung gefiel oder nicht, wobei sich herausstellte, dass die Geschichten über gerechte Vergeltung am meisten Fans hatten. Die Forscher_innen maßen auch, wie lange die Leser_innen brauchten, um nach der Lektüre entweder auf "Gefällt mir" oder "Gefällt mir nicht" zu klicken. Am schnellsten reagierten sie erwartungsgemäß auf die Geschichten mit gerechter Vergeltung, wobei die mit zuwenig oder zuviel Racheaktionen mehr Nachdenkzeit auslösten.
"Die Menschen reagieren aus dem Bauch heraus, wie ihrer Meinung nach Menschen für Fehlverhalten bestraft werden sollten, und wenn eine Geschichte das liefert, was sie erwarten, reagieren sie oft schneller", so Matthew Grizzard, Hauptautor der Studie und Assistenzprofessor für Kommunikation an der Ohio State University.

Unterhaltung oder Anspruch?
Wenn die Bestrafung nicht zum Fehlverhalten passte, brauchten die Teilnehmer_innen etwas länger, um ihre Wertung abzugeben. Aber warum sie länger brauchten, schien bei Geschichten, die mit Vergebung endeten, anders zu sein als bei den Geschichten mit übertriebener Rache. Deshalb sollten die Teilnehmer_innen nachdem sie alle 15 Erzählungen gelesen hatten, jede Geschichte zum einen danach bewerten, ob sie ihnen Vergnügen bereitet hatte ("Diese Geschichte bietet Spaß und Unterhaltung"), zum anderen danach, wie anspruchsvoll sie ist ("Diese Geschichte wäre bedeutungsvoll, bewegend und zum Nachdenken anregend").

Die Stories, in denen die Bösewichte überbestraft wurden, lösten demnach den meisten Spaß aus und die, in denen vergeben wurde, am wenigsten. Die mit gerechter Bestrafung lagen im Mittelfeld. Was die Wertschätzung betraf, gewannen allerdings die Geschichten mit Vergebung.
Vermutlich legten die Teilnehmer_innen also vielleicht deshalb eine kleine Pause ein, bevor sie auf die Vergebungsgeschichten reagierten, um darüber nachzudenken, und weil sie sie für anspruchsvoller hielten, erklärt sich Grizzard das Ergebnis. Dass es auch eine Reaktionspause bei den übertriebenen Rachegeschichten gab, deute seiner Meinung darauf hin, dass sie die zusätzliche Bestrafung letzlich nur auskosten wollten.

Moralischer Maßstab
Insgesamt machten die Ergebnisse aber deutlich, dass eine faire und gerechte Bestrafung der "intuitive moralische Maßstab" ist, der uns normal und natürlich erscheint, so Grizzard. Wenn wir aber sehen, dass keine Bestrafung stattfindet, erfordere das ein genaueres Nachdenken über die Szene. Das sei zwar nicht angenehm, aber wir würden mehr Wertschätzung aufbringen. "Wir mögen Geschichten, in denen die Übeltäter bestraft werden, und wenn sie mehr Strafe bekommen, als sie verdienen, finden wir das lustig. Trotzdem schätzen die Menschen Geschichten über Vergebung am meisten, auch wenn sie sie nicht ganz so lustig finden."

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