Omas Rezeptwelt gegen Algorithmen

Was KI mit der Esskultur macht, und was Menschen dem Einheitsbrei entgegensetzen

Künstliche Intelligenz macht sich in fast allen Lebensbereichen breit - sogar auf unserem Teller. Wie beeinflusst der Einsatz von KI Genuss, Gemeinschaft, Gesundheit und Rituale? Das wollten Forscher:innen der Gottlieb Duttweiler Institute (GDI) wissen und fanden in einer Studie heraus, dass das Potenzial von KI dort besonders groß ist, wo sich Ernährung messen und optimieren lässt. Da werden Kalorien erfasst, Gesundheitsdaten ausgewertet und individuelle Ernährungsempfehlungen erstellt. Bei den Themen Genuss und Rituale ist das Bild weniger eindeutig: KI kann neue Rezepte vorschlagen und alltägliche Routinen erleichtern, doch Geschmack und Traditionen lassen sich nicht einfach berechnen. An ihre Grenzen stößt die Technologie insbesondere bei Gemeinschaft und kultureller Verwurzelung. Denn gemeinsames Essen lebt von zwischenmenschlichen Beziehungen und Familienrezepte von mündlich überliefertem Wissen. Was nicht digital dokumentiert ist, bleibt für KI weitgehend unsichtbar. Damit besteht die Gefahr, dass lokale Kochtraditionen zunehmend in Vergessenheit geraten. «KI macht unsere Ernährung möglicherweise gesünder und effizienter – aber nicht unbedingt unsere Esskultur reicher», sagt Christine Schäfer, Senior Researcher am GDI und Autorin des Whitepapers.

Algorithmen servieren weltweit den gleichen Geschmack

Zwar haben Technologien Ernährung und Esskultur schon immer verändert: Von altsteinzeitlichen Koch- und Feuertechniken über landwirtschaftliche Anbaumethoden und die Erfindung der Konservendose bis hin zu smarten Kühlschränken. Das Neue an Algorithmen ist aber, dass sie bereits im Moment der Entscheidung eingreifen. Was in den sozialen Medien viral geht, landet kurze Zeit später auf Speisekarten und in Supermarktregalen rund um den Globus. Gute Beispiele dafür sind Dubai-Schokolade, Bubble Tea oder Strawberry-Matcha. Ganz nebenbei ließ der Hype um Dubai-Schokolade auch die Nachfrage nach Pistazien ansteigen. KI könnte diese Entwicklung weiter beschleunigen. Denn digitale Empfehlungssysteme bevorzugen häufig viel geteilte Inhalte, und Unternehmen orientieren sich bei der Entwicklung und Vermarktung ihrer Produkte zunehmend daran, was online Aufmerksamkeit erzeugt. Die Gefahr: regionale Besonderheiten und kulinarische Vielfalt verlieren an Bedeutung. «Wenn weltweit dieselben Food-Trends viral gehen, wird auch unser Geschmack immer ähnlicher», sagt Christine Schäfer.

Human-Made als neues Premiumlabel

Gegenbewegungen wie der «Nonnamaxxing»-Trend zeigen das Bedürfnis nach Langsamkeit, Körperlichkeit und Verbindung zum kulturellen Erbe. «Pasta nach dem alten Rezept von Oma selbst herstellen und gemeinsam mit Freunden genießen – der Trend zeigt die Sehnsucht nach dem, was KI in der Esskultur nicht kann», so Schäfer. Aus solchen  Gegenbewegungen entstand in der Vergangenheit oft eine neue Premiumkategorie. So war Bio zum Beispiel die Antwort auf die industrielle Produktion und ihre Folgen. KI könnte also die «Human-Made»-Bewegung auslösen, wobei sich noch kein allgemein gültiges Label durchgesetzt hat. Etwas was sonst als Makel gilt, könnte zum neuen Qualitätsmerkmal werden. Denn ein leicht verkohlter Pizzarand oder unregelmäßig geformte Pasta signalisieren, dass da ein Mensch Hand angelegt hat und keine Maschine. «Je mehr KI unsere Ernährung perfektioniert, desto wertvoller könnte das werden, was erkennbar von Menschen gemacht ist», sagt Christine Schäfer.

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Autorin / Autor: Pressemitteilung / Redaktion; Bild: LizzyNet - Stand: 4. November 2026