Nimm mal was weg

Bei der Problemlösung fällt es uns leichter, etwas hinzufügen. Dabei werden subtraktive Lösungswege häufig übersehen, sagen Forscher_innen

Hinzufügen oder wegnehmen? Wie stabilisierst du das Lego-Dach?

Weniger ist mehr, ist ein häufig genutzter Ausspruch. Er wird gerne eingesetzt, wenn es darum geht, sich bei Design, Daten, Styling, Schnickschnack und Zutatenlisten zurückzuhalten oder Dinge auf den Punkt zu bringen statt stundenlang rumzuschwafeln. Schlanke Lösung heißt es dann, geradlinig, klar, funktional und reduziert auf das Wesentliche - also das Gegenteil von Allgemeinen Geschäftsbedingungen oder dem Kleiderstil des Barock.

Wegnehmen ist zu anstrengend
Warum kriegen wir dieses Weniger-ist-mehr-Mantra immer wieder zu hören? Vermutlich weil wir bei der Lösung von Problemen und kreativen Aufgaben dazu neigen, Lösungsmöglichkeiten zu suchen, bei denen etwas hinzugefügt werden muss. Eine Lösung, die beinhaltet, dass etwas entfernt oder weggenommen wird, scheint anstrengender für das Gehirn zu sein. Dieser Lösungsweg wird darum häufig schlichtweg übersehen. Das ergab eine aktuelle Studie, in der die Forscher_innen um Gabrielle S. Adams von der University of Virginia Testpersonen aus den USA, Japan und Deutschland in acht Experimenten additive und subtraktive Lösungswege finden ließen.

Immer noch eins drauf
In den ersten Experimenten machten sich die Forschenden einen Spaß daraus, zu beobachten, was Leute tun, wenn sie etwas zur Bearbeitung bekommen: Legotürme, Rezepte, Essays – was immer sie in die Hände bekamen, sie ergänzten es – einzig bei wirklich schrägen Essenskombinationen wagten die Testpersonen, etwas zu entfernen.
In einem anderen Experiment sollte etwa das Dach auf einem Legohaus stabilisiert werden. Es ruhte nur auf einem Stein und unten vor dem Haus stand ein Legomännchen, das von den Testpersonen vor einem herabfallenden Dach geschützt werden sollte. Ob wohl das Dach ganz einfach hätte stabilisiert werden können, indem der eine Stein entfernt worden wäre und das Dach so eine Ebene tiefer stabil aufgelegen hätte, fügten die Testpersonen weitere Steine hinzu, dabei „kostete“ das Hinzufügen einen bestimmten Betrag. Erst als ihnen gesagt wurde, dass das Entfernen von Steinen kostenlos sei, zogen sie diese Lösung vermehrt in Erwägung.

Die Forscher schließen aus ihren Experimenten, dass subtraktive Lösungen für das Gehirn anstrengender sind. Darum waren Testpersonen, die in den Experimenten zeitgleich noch eine andere Aufgabe erledigen mussten, noch geneigter, additive Lösungswege zu finden als Testpersonen, die sich voll und ganz auf eine Aufgabe konzentrieren durften.

Höher, schneller und weiter?
Natürlich unterliegt die Vorliebe, etwas hinzuzufügen, auch kulturellen Einflüssen. Höher, schneller, weiter, mehr ist in konsumorientierten Gesellschaften die Maxime. Möglicherweise würden Testpersonen aus anderen kulturellen Kreisen sich anders verhalten. 

Als perfektes Beispiel für eine gelungene und gesellschaftlich anerkannte Subtraktion führen die Forschenden übrigens Laufräder für kleine Kinder an. Während früher mühsam Stützräder an Fahrräder montiert wurden und Kinder darauf bemerkenswert unstabil herumeierten, wurden bei Laufrädern einfach die Pedale entfernt und heraus kam ein umfallsicheres Gefährt, das das Gleichgewicht perfekt schult.

Wenn ihr also demnächst eine kreative Lösung finden müsst, dann probiert es mal mit dem Weglassen, Reduzieren, Verringern. Vielleicht ist das genau der richtige Weg, den ihr bisher einfach nur übersehen habt.

Die Ergebnisse sind im Fachmagazin Nature veröffentlicht.

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung