"Multikulti" ist nicht tot

SVR-Integrationsbarometer 2018: Die Mehrheit bewertet das Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft insgesamt weiterhin positiv

Wer die Medienberichterstattung und vor allem die Beiträge in den sozialen Medien verfolgt, bekommt in den letzten Monaten schnell der Eindruck, dass die Mehrheit inzwischen ziemlich negativ über unsere multikulturelle Gesellschaft denkt. Um so erfreulicher, dass die Fakten diesem Bild deutlich widersprechen: "Menschen mit wie ohne Migrationshintergrund bewerten das Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft insgesamt weiterhin positiv. Dies gilt besonders dort, wo kulturelle Vielfalt im Alltag erlebt wird." Das ist das Ergebnis einer repräsentative Befragung von Personen mit und ohne Migrationshintergrund, die der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) hat zum zweiten Mal bundesweit durchgeführt hat. Nur die Menschen im Osten Deutschlands bewerten das Zusammenleben verschiedener Kulturen skeptischer als im Westen, was sich vor allem durch den geringerem Kontakt zu Zugewanderten erklären lässt. Auch ein niedriger Bildungsstand und/oder Diskriminierungserfahrungen führen eher zu einer negativen Einschätzung, so die Studie. Und: Insgesamt beurteilen Frauen das Zusammenleben positiver als Männer.

Im Vergleich zur Befragung von 2016 fällt auf, dass das Klima sich nicht grundlegend geändert hat, nur dort, wo es kaum Alltags-Kontakte zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gibt - wie zum Beispiel im Osten Deutschlands, hat sich die Stimmung verschlechtert. „Am besten können etwaige wechselseitige Vorbehalte in der persönlichen Begegnung abgebaut werden“, kommentiert der SVR-Vorsitzende Prof. Dr. Thomas Bauer den Befund. Insgesamt sei aber das Integrationsklima stabil, die Alltagserfahrungen seien deutlich besser als der Diskurs erwarten lasse. Prof. Bauer zieht das Fazit: „Die Ergebnisse des Integrationsbarometers, die auf den meist ganz unspektakulären Alltagserfahrungen beruhen, setzen insgesamt einen Kontrapunkt zum medialen Diskurs, der oft eher die natürlich auch vorhandenen negativen Erfahrungen oder Fälle in den Mittelpunkt rückt.“

Bildungs-Erfolg hängt zur sehr von Herkunft ab
Das SVR-Integrationsbarometer ermittelt regelmäßig, wie die Bevölkerung das Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft in den vier Teilbereichen Arbeit, Bildung, soziale Beziehungen und Nachbarschaft bewertet. Am positivsten werden hier – wie schon in den Vorjahren – die sozialen Beziehungen eingeschätzt, am kritischsten der Bildungsbereich. Hier meinen viele der Befragten, dass nicht nur die eigene Leistung und Begabung, sondern auch die soziale Herkunft ein entscheidender Faktor für Erfolg in Bildung und Arbeitswelt ist.

Mehrheit will weiter Geflüchtete aufnehmen
Bei der Frage zur Flüchtlingsaufnahme, war das Studienteam überrascht: „Angesichts der medialen Debatten mag es überraschen, dass es keinen Trend gibt, Flüchtlinge als Gefahr für den Wohlstand zu sehen“, so Prof. Dr. Thomas Bauer, Vorsitzender des SVR. „Die Mehrheit der Befragten mit und ohne Migrationshintergrund ist weiterhin bereit, Flüchtlinge aufzunehmen – befürwortet aber gleichzeitig Maßnahmen, um den Zuzug zu begrenzen. Interessant ist zudem, dass in ländlichen Kommunen und im Süden Deutschlands hinsichtlich der Arbeit der Kommunen bei der Verteilung und Unterbringung größere Zufriedenheit herrscht als in Stadtstaaten.“

Kopftuch in der Öffentlichkeit
Zur sogenannten Kopftuchdebatte wurden erstmals die Positionen aller Bevölkerungsgruppen erfasst. Von den rund 800 befragten muslimischen Frauen gaben etwa 29 Prozent an, ein Kopftuch in der Öffentlichkeit zu tragen und diese wollen auch, dass das Kopftuchtragen in Schulen und Behörden erlaubt wird. Muslimische Befragte sprechen sich insgesamt dafür aus, während sich Nichtmuslime ebenso wie die Mehrheitsbevölkerung nicht sicher sind, ob das Kopftuch in Schulen und Behörden gehört.

Wenig Sorge vor gestiegener Kriminalität
Beim Thema Kriminalität unterscheiden viele Befragte zwischen jüngst Zugewanderten und denen vor längerer Zeit gekommenen Migrant_innen. „Die Befragten ohne Migrationshintergrund meinen ebenso wie die Befragten mit Hintergrund mehrheitlich, dass die Kriminalität durch seit längerem in Deutschland lebende Migranten und ihre Nachfahren nicht gestiegen sei. Das gilt für alle Herkunftsgruppen“, sagt Prof. Dr. Thomas Bauer. „Bezogen auf die Gruppe der Flüchtlinge ist die Bevölkerung in dieser Frage jedoch unentschieden – und die Spät-/Aussiedlerinnen und Spät-/Aussiedler sind sogar mehrheitlich davon überzeugt, dass durch Flüchtlinge die Kriminalität zugenommen habe.“

Die Stiftung Mercator hat das SVR-Integrationsbarometer 2018 gefördert. Winfried Kneip, Geschäftsführer der Stiftung Mercator, unterstreicht, dass diese Datenerhebung mit ihrem Fokus auf das Erleben im Alltag ein wichtiges Ergebnis birgt: „Bei der Beurteilung der Integration ist es zentral, neben strukturellen Indikatoren auch die Erfahrung der Menschen jenseits von aufgeregten medialen Debatten zu berücksichtigen.“

Für das Integrationsbarometer 2018 wurden zwischen Juli 2017 und Januar 2018 insgesamt 9.298 Personen bundesweit telefonisch über Mobil- und Festnetznummern befragt. Davon waren 2.720 Personen ohne Migrationshintergrund, 1.438 Spät-/Aussiedler und Spät-/Aussiedlerinnen, 1.479 Türkeistämmige, 1.532 Zuwanderinnen und Zuwanderer aus einem EU-Land und 1.760 Personen mit einem Migrationshintergrund aus der „übrigen Welt“. Durch Gewichtungen wurden die Befragtengruppen den Verhältnissen in der Bevölkerung angepasst.

Quelle:

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 18. September 2018
 
 
 

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