Mit Training zum Gedächtnisprofi

Forschung: Durch Gedächtnistraining arbeitet unser Gehirn effizienter und erinnert sich länger. So lassen sich lange Einkaufslisten besser erinnern, aber auch Lerninhalte wie Vokabeln.

Was wollte ich doch gleich einkaufen? Wie ging noch mal die Telefonnummer? Und warum wollen die verdammten Vokabeln nicht in den Kopf? Ein schlechtes Gedächtnis muss kein Schicksal sein und Gedächtniskünstler_innen, die sich unglaubliche Zahlenkolonnen und Daten merken können, sind nicht zwangsläufig naturbegabte Merkwunder oder mit einem überhohen IQ gesegnet.

Es gibt Methoden, die uns helfen, Dinge besser zu erinnern. Und wenn wir diese Methoden trainieren, dann arbeitet unser Gehirn schließlich effizienter. Forscher_innen der Universität Wien und der niederländischen Radboud University zeigen in einer neuen Studie, dass wir Namen, Zahlen oder sogar große Datenmengen leichter auswendig lernen, wenn wir sie gedanklich "visuell" in eine vertraute Umgebung legen. Die Idee ist eigentlich ganz simpel wie das Beispiel einer Einkaufsliste zeigt: Denkt an einen vertrauten Fußweg. Schaut euch eure Einkaufsliste an und legt die Produkte auf der Liste nacheinander gedanklich entlang des Pfades ab. Stellt euch zum Beispiel eine Milchpackung an der Haustür vor, einen Sack Kartoffeln neben den Rosen im Vorgarten, eine Müslipackung unter der alten Eiche usw. Vor Ort im Supermarkt geht ihr diesen Weg einfach gedanklich nach und ihr werdet "sehen", was ihr braucht.

Durch Gedächtnistraining arbeitet das Gehirn effizienter und erinnert sich länger
Durch das Training mit diesem sogenannten Gedächtnispalast verbessert sich sogar das Langzeitgedächtnis. Gedächtnismeister_innen wenden diese Methode wiederholt im Training an, um ein sehr gutes Gedächtnis zu entwickeln. Die Forschung zeigt aber auch, dass nur ein wenig – rund 30 Minuten täglich über einen Zeitraum von sechs Wochen – Übung ausreicht, um eine überschaubare Liste an Gegenständen auswendig zu lernen. Isabella Wagner und ihre Kolleg_innen haben in ihrer Studie die Gehirne von Gedächtnismeister_innen mit Gehirnen von Personen verglichen, die diese Trainingsmethode zum ersten Mal eingesetzt haben. "Grundsätzlich konnten wir feststellen, dass diese Methode zu einer effizienteren Verarbeitung in Gehirnregionen geführt hat, die mit dem Gedächtnis und räumlicher Orientierung im Zusammenhang stehen", sagt Wagner.

Ein effizientes Gehirn
Die Forscher_innen beobachteten verschiedene Gruppen von Teilnehmer_innen mit einem ähnlichen IQ. Eine dieser Gruppen bestand aus 23 Gedächtnissportler_innen, zwei andere wurden unterschiedlichen Gedächtnistrainings unterzogen und eine Kontrollgruppe erhielt keinerlei Training.

Mithilfe funktioneller Magnetresonanztomographie wurde die Gehirnaktivität der Teilnehmer_innen gemessen – einmal während sie Wörter auswendig lernten und sich anschließend an das Gelernte erinnerten und anschließend in der Ruhephase danach. Die Gehirne der Gedächtnissportler_innen wiesen im Vergleich zu den Kontrollgruppen eine geringere Aktivität in den betroffenen Gehirnregionen während des Auswendiglernens und des Erinnerns der Wörter auf. Das bestätigt, dass Gedächtnissportler_innen ihre Gehirne effizient und strategisch für die vorliegende Aufgabe nutzen. Wagner erläutert: "Ein Gehirn, das in Übung ist, kann mit weniger Aktivierung eine bessere Leistung erbringen".

Dies wurde durch die Ergebnisse in den anderen Gruppen bestätigt. Je mehr Nutzen die Teilnehmer_innen aus dem Training zogen und je besser ihre Leistung beim Erinnern von Wörtern war, desto stärker verringerte sich ihre Gehirnaktivität.

Erinnerungen halten länger und werden gefestigt
Überraschenderweise spiegelte sich diese Effizienz auch in der Erinnerungsdauer der gelernten Information wider: Geübte Teilnehmer_innen konnten sich nicht nur an mehr Inhalt erinnern, sondern auch länger. Außerdem fanden Wagner und ihre Kolleg_innen heraus, dass die koordinierte Gehirnaktivität nach dem Lernprozess anstieg: "Diese Veränderung in der Konnektivität des Gehirns weist darauf hin, dass Erinnerungen nach dem Einüben gefestigt werden, wodurch diese langfristig gespeichert werden können."

Wenn ihr also das Gefühl habt, dass ihr euch einfach nichts merken könnt, dann versucht täglich eine kleine Gedächtnisübung zu absolvieren und alles, was ihr behalten wollt, mit emotionalen und einprägsamen Bildern verknüpft auf einem euch vertrauten Weg zu platzieren. Wenn ihr sechs Wochen durchhaltet, könnt ihr Dinge nicht nur besser merken und erinnern, ihr habt auch eine sehr wirkungsvolle Methode erlernt, mit der ihr künftige Merkherausforderungen besser meistert.

Der Gedächtnispalast: Eine Kobination verschiedener Mnemotechniken
Der Begriff Gedächtnispalast bezeichnet eine Kombination verschiedener Gedächtnistechniken (Mnemotechniken), die vor allem auf der antiken Loci-Technik basiert (von locus=Ort, Inhalte werden mit bestimmten Orten an einer vertrauten Strecke verknüpft). Der Gedächtnispalast geht etwas weiter als die vertraute "Strecke", die man gedanklich abläuft. Er bezeichnet das, was wir bewusst gelernt haben, im Palast befinden sich verschiedene Räume und Orte, an denen Wissen zu unterschiedlichen Gebieten abgelegt werden kann - das können Gegenstände sein (auf dem Canapée liegen beispielsweise Französischvokabeln rum ;-)) oder auch Räume, die durch ihr Aussehen schon ein bestimmtes Wissensgebiet repräsentieren. Der Palast kann ständig erweitert werden, wichtig ist nur, dass das ausgedachte Gebäude immer wieder durchlaufen wird, um die Inhalte zu verfestigen. Und natürlich muss es kein Palast sein, es kann auch eine Hütte, Hogwarts, eine Kirmes oder ein Fitnessstudio sein.

Die Ergebnisse der Studie werden in der Fachzeitschrift Science Advances veröffentlicht.

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Autorin / Autor: Redaktion / Presemitteilung - Stand: 11. März 2021