Mit Empathie gegen Hate Speech?

Forschende testeten unterschiedliche Reaktionsformen auf Hasskommentare im Netz

Hasserfüllte Kommentare gegen Lesben und Schwule, Beleidigungen von Juden und Jüdinnen oder Muslim_innen, Bedrohungen von People of Color, Frauen oder einfach Menschen, die anderer Meinung sind - Hate Speech, online und offline ist mittlerweile ein weltweites Problem, das nicht nur schlimm ist für die betroffenen Menschen, sondern das auch eine Bedrohung für die Demokratie darstellt. Denn die von Hassredner_innen angegriffenen Menschen werden oft so eingeschüchtert, dass sie sich gar nicht mehr an öffentlichen Diskussionen beteiligen.

Zum Glück verfügen viele Plattformen inzwischen über teils ausgeklügelte Filter, um Hasskommentare zu löschen. Doch das allein  kann das Problem nicht wirklich eindämmen. Facebook zum Beispiel ist gemäß den im Oktober 2021 geleakten internen Dokumenten nicht in der Lage, mehr als 5 Prozent der geposteten Hasskommentare zu entfernen. Dazu kommt, dass die automatischen Filter ungenau sind und tendenziell im Konflikt mit der Meinungsäußerungsfreiheit stehen.

Empathie mit Betroffenen erwirken

Eine Alternative zum Löschen ist gezielte Gegenrede (engl. Counterspeech). Counterspeech wird von zahlreichen Organisationen verwendet, die sich im Internet gegen Hate Speech einsetzen. Wie wirksam diese Strategie ist, ist aber bisher kaum erforscht. Ein Schweizer Forschungsteam hat nun untersucht, welche Botschaften Hassredner_innen dazu bewegen könnten, ihre Beleidigungen künftig zu unterlassen.

Mit Methoden des maschinellen Lernens identifizierten die Forschenden 1350 englischsprachige Twitter-​User_innen, die rassistische oder fremdenfeindliche Inhalte publiziert hatten. Einen Teil dieser Hass-​Twitternden teilten sie einer Kontrollgruppe zu, auf die anderen wandten sie nach dem Zufallsprinzip eine von drei häufig verwendeten Counterspeech-​Strategien an. Einmal antworteten sie auf Hate Speech mit Nachrichten, die Empathie mit der von Rassismus betroffenen Gruppe erzeugen, ein anderes mal antworteten sie mit Humor und ein weiteres hinterließen sie unter den Tweet einen Hinweis auf mögliche Konsequenzen.

Die Ergebnisse? Erstaunlich deutlich! Offenbar schafften es nur die Kommentare Hass-​Schreiber_innen zu einer Verhaltensänderung zu bewegen, die dazu aufgefordert hatten, mit den Beleidigten mitzufühlen. Eine solche Erwiderung könnte beispielsweise lauten: «Ihr Post ist für Jüdinnen und Juden sehr schmerzhaft…» Im Vergleich zur Kontrollgruppe versandten die Hass-​Twitterer nach einer solchen Empathie-​fördernden Reaktion rund ein Drittel weniger rassistische oder fremdenfeindliche Kommentare. Außerdem erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit deutlich, dass die Verfasser_innen eines Hass-​Tweets ihn wieder löschten.

Humor ist nicht so wirksam

Witz oder Ironie ist der Studie zufolge dagegen nicht so wirksam gegen Hate Speech. Auf humorvollen Counterspeech reagierten die Hass-​Twitternden kaum. Und sogar der Hinweis auf die Konsequenzen, dass zum Beispiel auch Familie, Freunde und Kolleginnen des Twitternden dessen Hass-​Nachrichten sehen, wirkte nicht. Das finden die Forscher_innen insofern bemerkenswert, als diese beiden Strategien häufig von Organisationen, die sich gegen Hassrede einsetzen, angewandt werden.

«Wir haben sicher kein Allzweckmittel gegen Hate Speech im Internet gefunden, dafür aber wichtige Hinweise, welche Strategien funktionieren könnten und welche nicht», sagt Hangartner. Was das Team noch untersuchen möchte, ist, ob alle Antworten, die auf Empathie mit den Beschimpften abzielen, gleich wirken oder ob bestimmte Formulierungen effektiver sind. Was wird zum Beispiel besser funktionieren? Die "Hater" aufzufordern, sich in das Opfer hineinzuversetzen, oder sie zu bitten, eine analoge Perspektive einzunehmen («Wie würdest du dich fühlen, wenn Leute so über dich sprechen würden?»).

Auch wenn es angesichts der oft unsäglichen verbalen Attacken und Bedrohungen nicht leicht fällt, auf solche Posts überhaupt zu reagieren, ist es für von Hate Speech Betroffene um so wichtiger, dass sie von anderen unterstützt werden und solche Äußerungen nicht unkommentiert zu lassen, fordern viele Aktivist_innen und Organisationen. Und wenn mit der richtigen Counterspeech-Methode auch eine größere Wirkung erzielt wird, dann ist es bestimmt einen Versuch wert, es mal mit der Empathie-Perspektive auszuprobieren.

Die Ergebnisse wurden in der Wissenschaftszeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAScall_made) publiziert.

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung