Millionen Deutsche können kaum lesen

Studie: Fast doppelt so viele AnalphabetInnen wie vermutet

Sie können zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, nicht aber zusammenhängende Texte. 7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland, also mehr als vierzehn Prozent der Erwerbsfähigen sind sogenannte funktionale AnalphabetInnen.
Zu diesem erschreckenden Ergebnis kommt die von Anke Grotlüschen, Professorin für Erwachsenenbildung, an der Universität Hamburg durchgeführte Studie "Leo.Level one", die am 28. Februar vorgestellt wurde. Bisher gab es keine offiziellen Zahlen zu Analphabetismus hierzulande – vorsichtige Schätzungen gingen von vier Millionen Betroffenen aus. Diese Zahl stimmt aber nur für von Analphabetismus im engeren Sinne Betroffene: Diese können nur einzelne Wörter lesen und verstehen bzw. schreiben.

Alarmierende Zahlen
Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. (BVAG) fordert jetzt schnelles Handeln. Geschäftsführer Peter Hubertus kommentiert die neuen Zahlen: "Die hohe Zahl von 7,5 Millionen Betroffenen ist alarmierend und macht dringenden Handlungsbedarf deutlich. Wir erwarten, dass die bildungspolitischen Entscheider nun schnell reagieren." Nach 30 Jahren Alphabetisierungsarbeit in Deutschland müssten endlich konkrete Maßnahmen ergriffen werden. So fordert er beispielsweise ein flächendeckendes Lernangebot, denn derzeit besuchen gerade 0,25 Prozent der Betroffenen einen Alphabetisierungskurs. Zusätzlich zu den Volkshochschulen müssten auch vor allem Einrichtungen der Jugendberufshilfe solche Kurse anbieten.
Ebenso plädiert er dafür, attraktive und offene Unterrichtsformen zu entwickeln mit aufsuchender Alphabetisierungsarbeit in sozialen Brennpunkten. Diese müsse deutsche Erwachsene wie Migranten ansprechen und von möglichst vielen verschiedenen Einrichtungen getragen werden.
Zusammen mit anderen Partnern will der Verband seine Sozialkampagne "Schreib dich nicht ab. Lern lesen und schreiben!" fortsetzen und erweitern. Mit dem Forschungs- und Entwicklungsprojekt www.iCHANCE.de werden im Moment innovative Zugangswege für junge Erwachsene entwickelt. Hierfür wurden zahlreiche Prominente gewonnen, z.B. Kaya Yanar und Jan Delay.

Schulung durch KollegInnen
Da ein Großteil der funktionalen Analphabeten arbeitslos oder von Arbeitslosigkeit bedroht ist, aber gleichzeitig vielen Unternehmen qualifizierte MitarbeiterInnen fehlen, fordert der BVAG Modellversuche, in denen Menschen mit geringer Grundbildung in den Betrieben unterstützt werden können. Ziel müsse es sein, die Kompetenzen zu vermitteln, die am konkreten Arbeitsplatz erforderlich sind. Dabei sollen verschiedene Modelle von arbeitsplatzbezogener Assistenz entwickelt werden, z.B. durch geschulte Kollegen.

Von seiten des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ist ein breites gesellschaftliches Bündnis mit Unternehmensverbänden, Kammern, Gewerkschaften, Volkshochschulverbänden in Planung, das Lese- und Schreibkenntnisse bei Erwachsenen verbessern soll. Ministerin Annette Schavan: "Die neue Studie zeigt: Es gibt Analphabetismus in Deutschland in einer Größenordnung, die nicht mehr eine Nische darstellt. Diesem Problem müssen wir uns gemeinsam stellen. Denn sprachliche Bildung als eine der wichtigsten Kulturtechniken dürfen wir nicht geringschätzen."

Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung, - Stand: 3. März 2011