Selbstgenäht statt gebraucht

Interview mit Dr. Samira Iran von der Technischen Uni Berlin zu einem Projekt, das die Einstellungen von Jugendlichen zu nachhaltigem Textilkonsum untersuchte

Nicht nur Fliegen, Fleischkonsum, Industrie und Verkehr bedrohen unser Welt-Klima, inzwischen wissen wir, dass auch Fast Fashion einen erheblichen Anteil zur Erderhitzung beiträgt. Nachhaltige Modelabels und die Bereitschaft, gebrauchte oder weniger, und dafür hochwertigere Klamotten zu kaufen, könnten ein Ausweg aus dieser Situation sein. Aber wie bereit sind wir, unseren Kleidungskonsum zu verändern? Und wie stehen Jugendliche zu diesem Thema? Diese Frage stellten die Forscher_innen der TU Berlin und der Universität Ulm von Februar bis November 2020 über 200 Schüler*innen zwischen 14 und 21 Jahren. LizzyNet sprach mit einer der Studienautor_innen des Projektes "BNTextillabor", Frau Dr. Samira Iran.

Wie hoch ist das Interesse von Jugendlichen am Thema klimafreundliche Kleidung?

Dr. Samira Iran Generell haben wir bei der Befragung gemerkt, dass die Schüler_innen eine positive Einstellung zum nachhaltigen Kleidungskonsum haben. Trotzdem scheinen diese Einstellungen noch nicht in ein tatsächliches Verhalten übergegangen zu sein. So sind z.B. faire Arbeitsbedingungen für Produzent_innen den Schüler_innen zwar wichtig, doch bei dem tatsächlichen Kauf entscheiden sich die meisten der Befragten eher selten für Produkte mit ausgewiesenen fairen und biologischen Herstellungsverfahren. Das ist aber auch ein klassisches Ergebnis, dass es solche Attitude-Behavior-Gaps gibt, also eine Diskrepanz zwischen Haltungen und Verhalten. Ein weiteres Ergebnis war, dass die Mehrheit der befragten Jugendlichen statt auf gebrauchte oder reparierte Kleidung eher auf neue Kleidungsstücke zurückgreifen würde. Gründe für die deutliche Ablehnung des Tragens gebrauchter Kleidung haben wir leider nicht erforscht.

Hat Sie bei den Antworten etwas besonders überrascht?
Dr. Samira Iran In einem Teil der Befragung wurde anhand von vier Fragen die Selbstwirksamkeit der Jugendlichen in Bezug auf den Kleiderkonsum ermittelt. Die Ergebnisse zeigen, dass die Schüle_innen generell nur leicht positiv davon überzeugt sind, dass ihr Verhalten Nachhaltigkeit im Bereich Mode fördern kann. Das war ein interessantes Ergebnis, da es zeigt, dass die Schüler_innen nicht wirklich daran glauben, dass ihr Verhalten bedeutsam sein kann.

Wozu wären Jugendliche denn am ehesten bereit, wenn sie dazu aufgefordert würden, ihren Kleidungskonsum nachhaltiger zu gestalten?
Dr. Samira Iran Wir haben gesehen, dass die Jugendlichen Lösungen wie Secondhand Kleidung nicht so sehr akzeptieren. Sie haben aber deutlich mehr Interesse an Lösungen wie Upcycling oder selber Nähen und sind bereit, hierzu etwas zu lernen und umsetzen. 

Sie haben ja auch Bildungsmaterialien entwickelt. Wurden die in den Schulen erprobt?
Dr. Samira Iran Ja, alle Bildungsmaterialien wurden in einigen Schulen erprobt. Generell waren wir zufrieden mit den Ergebnissen, denn die Schüler_innen haben dabei sehr gut mitgemacht, insbesondere bei partizipativen und praktischen Teilen. Am Ende könnte man sagen, dass Methoden, bei denen Jugendliche selbst aktiv werden sehr gut geeignet sind als Lehr- und Lernmethoden für nachhaltigen Konsum. 

Mit unserem Projekt „Klima&Klamotten“ wollen wir mit Jugendlichen gemeinsam in herausfinden, welche medialen Mittel geeignet sind, klimafreundlichen Modekonsum zu bewerben. Welche Ideen haben Sie dazu?
Dr. Samira Iran Ich fände es wichtig, dass den Jugendlichen praktische Lösungen beigebracht werden. Daher wäre es super, wenn in Ihrem Projekt die Verbreitung der Lösungen (z.B. Kleidertausch-Parties, längere Nutzung der Kleidungsstücke, etc.) betont wird.

Vielen Dank für das Interview!

Den ausführlichen Ergebnisbericht des BNTextillabor-Projektes zum Download

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Autorin / Autor: Redaktion - Stand: 11. Februar 2022