Lebenslänglich anders

Mary (Name geändert) hat das Asperger-Syndrom und erzählt, wie es sich anfühlt, damit zu leben

Ich hatte schon immer das Gefühl irgendwie anders zu sein. Aber ich wusste nicht, warum. Ich hatte schon im Kindergarten massive Ängste, litt unter extremer Anspannung und fand es schwer, abends zur Ruhe zu kommen oder einzuschlafen. Mit Gleichaltrigen kam ich noch nie klar, viel lieber verbrachte ich Zeit mit Erwachsenen oder mit meinen Legosteinen. Oder mit Büchern. Es war offensichtlich wie anders ich war. Aber keiner wusste, warum.

Probleme im Alltag und in der Schule
Auch in der Schule hatte ich trotz guter Noten viele Probleme. Meine Mitschüler fanden mich komisch. Ich wurde verspottet und gemobbt. Vermutlich hatte das irgendwas damit zu tun, dass ich nie kapiert habe, welche Klamotten gerade in sind, welche Stars gerade cool sind und wie man sich so als normaler Mensch zu verhalten hat. Für meine Mitschüler war ich nicht nur anders, für die war ich einfach kaputt. Aber auch meine Lehrer hatten Probleme mit mir.
Ich war dem Lehrplan teilweise Jahre voraus und stellte permanent irgendwelche Zwischenfragen. Da ich das meistens tat, ohne mich vorher gemeldet zu haben, hatte ich mehrmals pro Woche Strafarbeiten. Meine Lehrer fanden mich irgendwie komisch und bezeichneten mich als 'Problemschülerin'. Wenn ich nicht trotzdem so gute Noten gehabt hätte, hätten sicherlich auch manche Lehrer mich für irgendwie kaputt gehalten.

Überall anders
Sogar meine Eltern und meine Familie hatten Probleme mit mir, weil ich einfach in allen Bereichen des Lebens anders war als meine Schwester. So habe ich fast nie Freunde mit nach Hause gebracht (ich hatte kaum Freunde und fand sowieso, dass das Konzept Freundschaft keinen Sinn ergab), ich habe entweder viel zu viel geredet oder gar nicht. Anders als meiner Schwester waren mir Klamotten und Coolsein völlig egal, und während meine Schwester häufig um ein neues Top oder so bettelte, mussten meine Eltern mich mit viel Energie überzeugen, dass man in der 12. Klasse keinen Felix-Turnbeutel mehr mit zur Schule nimmt. Weil das wohl nicht cool ist. Außerdem war meine Lesesucht ihnen wohl etwas unheimlich, und da ich jede Woche mehr Zeit in der Bücherei verbrachte als mit anderen Kindern, nahm meine Mutter mir dann irgendwann den Büchereiausweis weg. Nur, dass das nichts geholfen hat, denn andere Kinder fand ich noch immer komisch. Unheimlich. Unlogisch. Und vor allem laut.

Irgendwie auf dem falschen Planeten gelandet
Vielleicht wäre es für mich besser gewesen, alleine auf dem Mond zu leben. Aber das ging nicht. Und da meine Mitschüler, Lehrer und Eltern mir so oft das Gefühl gegeben haben, irgendwie kaputt zu sein, glaubte ich das irgendwann auch. Und so fing das in der achten Klasse an mit Suizidgedanken und Selbstverletzung, was erst mal keiner mitbekommen hat. Denn Kommunikation war auch nicht meine Stärke. Also litt ich still vor mich hin, hatte aber immerhin noch die Hoffnung, dass es nach dem Abi besser werden könnte. Weil ich dachte, dass die Schule das Problem wäre. War sie aber nicht, zumindest nicht nur. Jedenfalls ging es mir nach dem Abitur nicht wirklich besser. Probleme mit mir selbst und mit anderen Menschen hatte ich nach wie vor. Noch immer fühlte ich mich irgendwie 'kaputt', noch immer fanden andere mich 'komisch', noch immer war ich in Mathe ein totaler Überflieger, aber in Sachen Alltag, Soziales und Kommunikation auf dem Niveau einer Zwölfjährigen.

Du bist doch Autist!
2015 kurz nach meinem 18. Geburtstag, meinte meine Schwester: „Du bist doch Autist, oder?“ Ich dachte erst, das wäre eine Beleidigung, so wie manche auf dem Schulhof sagen: „Du bist ja behindert!“ Und hab das erstmal nicht geglaubt. Aber je mehr ich darüber nachgedacht habe, desto mehr fand ich, dass meine Schwester recht hatte. Bis zur offiziellen Diagnose hat es noch einige Jahre gedauert, was hauptsächlich daran lag, dass ich die Diagnose nicht haben wollte. Denn eine Diagnose macht die Schwierigkeiten offiziell, und ich hatte Angst, dass das bei Bewerbungen oder so ein Nachteil ist. Aber irgendwann war mein Mut dann größer als meine Angst, und jetzt hab ich es schwarz auf weiß: Ich bin Asperger-Autistin.

Asperger-Syndrom – was bedeutet das?
Das Asperger-Syndrom gehört zum Autismus-Spektrum und ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung. Als Asperger-Autist kommt man zur Welt. Autismus ist eine Behinderung und damit nicht heilbar, allerdings therapierbar, d.h. man kann lernen, besser mit dieser Behinderung und im Leben allgemein klar zu kommen.
Es gibt nicht den Asperger-Autisten und natürlich gibt es Unterschiede, aber alle Asperger-Autisten haben Schwierigkeiten mit der Kommunikation (z.B. mit anderen reden), mit der sozialen Interaktion (z.B. Gruppenarbeiten oder Freunde finden) und mit der Reizverarbeitung (als würde im Gehirn der Filter fehlen, der entscheidet, welche Information gerade wichtig ist und welche nicht). Viele Autisten haben außerdem besondere Interessen, spezielle Verhaltensweisen und oft auch besondere Begabungen.

Wie fühlt sich das an, Autist zu sein?
Diese Frage beantwortet vermutlich jeder Autist anders, aber viele Asperger-Autisten beschreiben dieses Syndrom wie ein 'Leben ohne Filter'. Alle Menschen sind durch die Umwelt vielen, vielen Reizen ausgesetzt, und der Job unseres Gehirns ist unter Anderem, aus diesen Reizen all die Reize herauszufiltern, die gerade wichtig für uns sind. Bei Menschen mit Asperger funktioniert dieser Teil des Gehirns aber nur schlecht, d.h. viele Autisten werden mit Reizen aus ihrer Umwelt quasi zugespamt, und es fällt ihnen sehr schwer zu entscheiden, welcher Reiz jetzt gerade wichtig ist und welcher nicht. Zum Beispiel war ich neulich mit dem Fahrrad unterwegs und habe fasziniert eine Schnecke auf der Straße beobachtet. Den LKW, der mir mit voller Geschwindigkeit entgegen kam, habe ich aber erst gesehen, als er einen Meter vor mir mit einer Vollbremsung zum Stehen kam.

Irgendwie ist alles extrem
Allerdings ist der Straßenverkehr nicht der einzige Ort, an dem es viele Reize gibt. Auch große Städte, öffentlicher Nahverkehr, Einkaufszentren und natürlich Schulen und andere Orte mit vielen Menschen sind für mich und andere Autisten schwierig. Da mein Gehirn keinen Filter hat, ist mir schnell alles zu bunt, zu laut, zu hell und zu voll. Die Welt der Normalen ist für mich daher oft sehr extrem und manchmal nur schwer auszuhalten.
Andererseits finden auch meine Mitmenschen mich oft ziemlich extrem. Z.B. mein außergewöhnliches Interesse für Mathematik oder auch die Menge an Büchern, die ich pro Woche lese. Auch die Tatsache, dass ich mich in eine Aufgabe so vertiefen kann, dass ich die Welt um mich herum völlig vergesse (und dann auch oft vergesse, was zu essen oder so), finden andere manchmal sehr merkwürdig. Ebenso wie die Tatsache, dass ich nach 30 Minuten Gespräch oft so erschöpft bin, dass ich am liebsten erst mal eine Runde schlafen würde, oder dass das wöchentliche Einkaufen sich für mich so anfühlt wie ein Besuch in der Hölle.

Wie lebenslänglich Mathe-Abi
Oft fragen mich andere: „Aber was ist denn daran so schwer, mit anderen Menschen zu reden?“ oder: „Was ist denn am Einkaufen so kompliziert?“ Ich vergleiche das dann gerne mit meiner Schwester und Mathe. Meine Schwester hat Mathe gehasst. Und jede Mathearbeit war ein Kampf für sie. Jahr für Jahr. Sie hat viel gelernt und sich wirklich Mühe gegeben, aber die Ergebnisse waren trotzdem meistens eher schlecht. Bei mir war das genau anders herum. Ich mache Mathe, wenn ich mich entspannen will. Ich habe schon mit 14 Abiaufgaben gerechnet, einfach so zum Spaß. Mathe verstehe ich einfach. Menschen nicht.
Natürlich habe ich mittlerweile gelernt, wie Menschen funktionieren. Ich habe viel über Kommunikation gelernt und über Gefühle, ich habe mit Lehrern und Therapeuten Sprechen geübt und ich weiß jetzt, wie Smalltalk funktioniert. Genau, wie meine Schwester auch rechnen kann. Aber sie hat Nachhilfe dafür gebraucht. Es ist anstrengend für sie. Und es macht ihr keinen Spaß.
Für mich ist ein Leben als Asperger-Autist unter normalen Menschen so, wie ein Leben für meine Schwester wäre, wenn es außer ihr nur noch Mathebücher geben würde. Sie würde irgendwie klarkommen. Sie würde besser werden. Und manchmal würde es vielleicht sogar ein bisschen Spaß machen. Aber es wäre schwierig. Es wäre anstrengend. Und sehr oft hätte sie das Gefühl: „Das macht doch einfach keinen Sinn.“

Schwierig aber nicht unmöglich
Wir leben in einer Welt voller Menschen – und nicht voller Mathebücher. Für meine Schwester und vermutlich viele andere ist das Glück. Für mich ist das eine Herausforderung. Jeden Tag. Weil ich ständig überlegen muss, was andere jetzt sagen wollten oder wie es ihnen geht. Weil ich überlegen muss, wie ich mich jetzt 'normal' verhalten sollte. Weil ich ständig das Gefühl habe, irgendwie was falsch zu machen. Weil für mich die leichtesten Alltagsdinge (z.B. regelmäßig etwas essen) schon total kompliziert sind. Und weil Sozial eine Fremdsprache für mich ist, meine Muttersprache Mathe spricht nämlich kaum einer.
All das ist ziemlich schwierig. Es gibt Tage, da klappt das besser und es gibt Tage, da klappt es schlechter. Ich bin jetzt seit fast drei Jahren in Therapie und das hilft mir, mich und die Welt besser zu verstehen. Ich kann jetzt schon deutlich besser über mich und meine Gefühle reden, und ich habe Freunde gefunden. Menschen, die mich mögen, auch wenn sie mich nicht immer verstehen.

Es ist okay, anders zu sein
Für mich fühlt sich das Asperger-Syndrom an, als wäre ich ein Pinguin unter Störchen. Von außen sehe ich aus, wie ein ganz normaler Vogel. Ich habe Flügel. Aber ich kann nicht fliegen. Und ich werde es auch nie können. Jahrelang habe ich versucht, mich anzupassen. So zu sein, wie alle anderen. Aber es hat nicht geklappt. Oft hat mich das frustriert. Ich war traurig und wütend und habe mich einsam gefühlt, unverstanden und irgendwie kaputt. Aber ich bin nicht kaputt. Ich bin einfach nur ein bisschen anders. Und das ist okay.
Die Welt wäre langweilig, wenn es nur Störche gäbe. Und nur Pinguine wäre auch keine Lösung. Wir alle haben unsere Stärken und Schwächen. Wir alle sind wichtig für diese Welt. Und wir alle wünschen uns Respekt, Anerkennung und Aufmerksamkeit.

Es wird immer Unterschiede geben zwischen mir und anderen Menschen. Es wird immer wieder zu Missverständnissen und Problemen kommen, und möglicherweise bin ich mein ganzes Leben lang auf etwas Hilfe und Unterstützung angewiesen. Noch immer bin ich oft überfordert von Dingen, die für andere Leute ganz normal sind. Und noch immer sind andere Menschen überrascht von meiner enormen Lesegeschwindigkeit und meinem mathematischen Talent. Klar gibt es immer wieder Leute, die mich irgendwie 'komisch' finden. Aber damit komme ich klar. Denn komisch ist besser als kaputt.

Und mittlerweile hab ich kapiert: Ich bin okay so wie ich bin. Genau wie alle anderen auch.

Autorin / Autor: Mary (Name von der Redaktion geändert)
 
 
 

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