Laune hoch und Pulli an

Wir haben viele Gründe, uns Sorgen zu machen. Aber gehören kalte Wohnzimmer wirklich dazu? Pia überlegt, warum wir unseren Pullovern plötzlich so feindlich gegenüberstehen

Bild: Pia H.

In einer Woche fange ich an zu studieren. Das ist ja ein toller Zeitpunkt zum Ausziehen, denke ich mir oft, wenn ich Nachrichten schaue. Inflation, der Ukraine-Krieg deprimiert, die Spannungen darum machen Sorgen, rechtsextreme Parteien gewinnen in europäischen Wahlen dazu, die Gefahren des Klimawandels werden vernachlässigt und Corona lässt grüßen, dass es im Winter doch ganz gerne wieder zu Besuch kommen möchte. Vielleicht will es Weihnachten nicht verpassen.
Während all dem überrascht es mich, dass das, worüber sich die meisten zu beklagen scheinen, die Aussicht auf kältere Wohnzimmer ist.

Wird es wirklich so schlimm?

Dass wir nicht frieren wollen, ist verständlich. Denn auch wenn die Winter immer wärmer werden, will natürlich immer noch keiner in der kalten Jahreszeit innerhalb der eigenen vier Wände dieselben Temperaturen wie draußen haben. Leute, die tatsächlich vor solchen Aussichten stehen, haben allen Grund, sich zu beklagen und müssen finanziell zur Genüge unterstützt werden. Das ist ja zum Glück auch so geplant.
Die allermeisten von uns aber wird es, trotz der Tatsache, dass manche das gerne zu suggerieren scheinen, nicht ganz so schlimm treffen. Allein, wenn wir auf die richtige Art und Weise lüften – immer nur stoßweise – sollte sich schon ein gutes Stück Wärme in vielen Stuben halten lassen. Die meisten von uns werden außerdem zumindest minimal heizen können, sobald sich das als nötig erweist. Und um sich dann noch warm zu halten, hilft etwas, von dem viele von uns sowieso viel zu viel zu Hause haben – Kleidung.

Manche übervollen Kleiderschränke könnten selbst für diesen Winter zu viel sein

Laut einer Greenpeace-Studie besitzen wir im Durchschnitt 95 Kleidungsstücke, Unterwäsche und Socken nicht mitgerechnet. Davon im Durchschnitt etwa neunzehn langärmlige Oberteile.(1)

Habt ihr schon einmal versucht, neunzehn Shirts übereinander anzuziehen? Ich habe für diesen Artikel den Selbstversuch gemacht: Es geht nicht. Und spätestens nach Nummer sieben ist allein die Anziehbewegung genug, um sich wie seine eigene persönliche – und gasfreie – Heizung zu fühlen. Da verwundert es nicht, dass wir laut derselben Studie rund ein Drittel der Kleidung, die wir besitzen, selten bis nie tragen.

Also: Auch wenn wir jetzt so viele Kleider anziehen, wie wir nur können, um dann auch bei siebzehn Grad Raumtemperatur in Michelin-Männchen-Form vor Hitze einzugehen, haben wir in den meisten Fällen noch lange nicht all unsere Kleider benutzt. Es bleibt noch mehr als genug für den nächsten Waschgang. Fazit: wenn wir wollen, frieren wir nicht.

Jetzt müssen wir uns nur noch dazu durchringen. Das Schlimmste, das wir dabei zu befürchten haben, ist eine minimal eingeschränkte Bewegungsfreiheit in den Armen. Also, raus mit diesen hässlichen Dingern, die wir mal gekauft haben und seitdem nie mehr anhatten! Unter dem Lieblingspullover sieht man die nicht, und sie haben trotzdem einen Nutzen! Ist das nicht toll?

NÖ, schreien viele. Leute, die vorsichtig den Nutzen des Pullovers bewerben, werden dieser Tage oft von einem Shitstorm niedergemäht. Fragt sich nur: Was haben wir plötzlich gegen unsere Pullover? Das können doch nicht alles Fehlkäufe gewesen sein?

Warum wollen wir keine Pullover tragen?

Vielleicht geht es uns einfach ums Prinzip. Wir empfinden es als eine Demütigung, dass die Umstände uns nahelegen, uns wärmer anzuziehen. Wir wollen uns nichts nahelegen lassen! Auch nicht von Umständen! Protest! Individualismus! Eine Möglichkeit zum Wählerfang! Lasst uns so viel Wirbel machen, dass man gar nicht mehr sieht, dass ein Pullover vielleicht tatsächlich eine gute Alternative zu Klimawandel und Krieg ist!
...oder?

Vielleicht erinnert uns das heilsame Herunterdrehen der Heizung auch zu sehr daran, dass Krieg in Europa herrscht, um es frohen Mutes tun zu können. Macht es Sinn, es deshalb nicht zu tun?
Nein, im Gegenteil. Allerdings ist es ja inzwischen wissenschaftlich nachgewiesen, dass wir Menschen unsere Entscheidungen tendenziell auf der Basis von Gefühlen treffen und nicht auf der Basis von Fakten.

Also: Reißen wir uns zusammen und die Kleiderschranktüren auf

Versteht mich nicht falsch: Ich habe auch Angst vor den steigenden Energiepreisen. Aber, wie immer wieder gesagt wird: Ein wirksames Mittel, nicht nur diesen entgegenzutreten, sondern auch dem Ukraine-Krieg und dem Klimawandel ist eben genau das: Ein ein paar Grad kälteres Wohnzimmer stoisch auszuhalten und stattdessen aus unserem angesammelten Kleiderberg endlich mal ein wenig Nutzen zu ziehen.
Und übrigens, falls ihr bemerkt, dass ihr selbst in dem herrschenden Extremfall keine neunzehn Langarm-Oberteile benötigt: Second-Hand-Läden freuen sich immer über eine Spende. Dieser Tage vielleicht sogar noch mehr als sonst.

(1) Quelle

Autorin / Autor: Pia H. - Stand: 10. Oktober 2022