Landleben - schön, aber nicht jugendfreundlich

Studie: Wer Jugendliche an Landflucht hindern will, muss Kommunen modernisieren

"Boah ist das idyllisch hier!" So schön das Leben auf dem Land als Kind auch sein mag - wenn man ins Jugendlichenalter kommt, hilft auch die schönste Landschaft nicht, die Bedürfnisse nach kulturellem Leben, Freundschaften und nicht zuletzt auch nach Arbeitsmöglichkeiten zu stillen. Selten gibt es einen Jugendtreff, von Busverbindungen kann man auch nicht gerade schwärmen, und gute Internetverbindungen, Schulen und Lehrstellen sind ebenso Mangelware. Kein Wunder, dass sich viele Landjugendliche im Vergleich zu Gleichaltrigen in der Stadt benachteiligt fühlen. Weil nahegelegene Gymnasien, Jobs und Freizeitangebote jenseits von Schützenvereinen, freiwilliger Feuerwehr und Fußball-Clubs fehlen, ziehen immer mehr junge Leute vom Land in die Stadt - und das nicht nur im Osten Deutschlands. Auch in strukturschwachen Gegenden in Westdeutschland ist das Phänomen Landflucht ein Thema. Im Rahmen des Projekts „Jugend im Blick – Regionale Bewältigung demografischer Entwicklungen“ befragte das Deutsche Jugendinstitut (DJI) junge Menschen auf dem Land und auch politische Entscheidungsträger, was denn dagegen zu tun sei. „Es gibt nur wenige Studien, die die Perspektiven von Jugendlichen auf dem Land in den Fokus nehmen“, sagt Dr. Birgit Reißig, Leiterin des Forschungsschwerpunkts „Übergänge im Jugendalter“ am Deutschen Jugendinstitut und Mitautorin der Studie. Die Studie untersuchte drei Kreise in West- und fünf Kreise in Ostdeutschland und fand heraus, dass die Gründe, warum vor allem Jugendliche zwischen 18 und 22 Jahren ihre Heimat verlassen, vielfältig sind. Es liegt nicht nicht nur an schlechten Ausbildungs- und Jobperspektiven und mangelnden Mobilitätsmöglichkeiten, sondern auch an verkrusteten Strukturen in den Gemeinden, fehlenden politischen Mitspracherechten sowie mangelnder digitaler Erreichbarkeit, warum die Dörfer zu veröden drohen.

Familiär, vertraut, sicher
Fragt man die Mädchen und Jungen nach ihrem Heimat-Gefühl auf dem Land, kommt - jenseits der Engeempfindung - allerdings ein sehr positives Bild dabei heraus: Besonders mögen sie den familiären Umgang in vertrauter Umgebung, die Natur und dass sie sich sicherer als in der Stadt fühlen. Es gibt laut der Studie jedoch unterschiedliche Freizeittypen, die ausschlaggebend dafür sein können, ob Jugendliche eher bleiben oder weggehen. Der Typ "Wochenend-Freizeiter" geht meist auf eine Ganztagsschule, feiert am Wochenende in der nächsten Großstadt durch und freut sich, wenn er nach dem Schulabschluss endlich wegziehen kann. Demgegenüber steht laut Studie der Typ "Jugendeinrichtungs-Nutzer", der sich mit seinem Freundeskreis im Jugendtreff oder am See verabredet, die Stadt eher fürchtet und lieber in der Region bleiben möchte. Dann gibt es noch den Typ "Alles-in-kurzen-Distanzen-erreichbar", der wohnortnah Schule, Vereine und Jugendeinrichtungen nutzt, aber für eine gute Ausbildung oder eine guten Job gern die Heimat verlässt (mit Rückkehroption). Auch der Typ "Mehrfach-Engagierter", der im Sportverein wie in der Jugendband aktiv ist und von der Familie und dem Freundeskreis unterstützt wird, kann sich vorstellen, später in die Heimat zurückzukommen - vorrausgesetzt, die Bedingungen stimmen, aber dafür müsste sich auch einiges ändern.

Breitband-Internet und mehr Mitbestimmung
„Viele junge Menschen auf dem Land fühlen sich nicht ernst genommen, weil sich Freizeitangebote, Fahrpläne von Bussen und Zügen und die Möglichkeiten nach politischer Teilhabe an Älteren orientieren“, erklärt Projektleiter Frank Tillmann. Wenn Kommunen zum Beispiel einen kostenlosen Breitband-Internet-Hotspot in Dorf und Schulbus einrichten, Fahrradwege ausbauen, Ganztagsschulen, Vereine und Kirchen ihre Räume für Jugendliche nach 17 Uhr öffnen und mehr interkulturelle Jugendarbeit anbieten würden, könnten die ländlichen Regionen wieder attraktiver werden. Es müssten auch andere Formen jugendlicher Mitbestimmung gefördert werden, schlägt die Studie vor. „Mit endlosen Gemeindesitzungen, in denen die Schließung des Jugendtreffs gegen 22 Uhr verhandelt wird und der Jugendvertreter nicht mehr nach Hause kommt, weil kein Bus fährt, locken sie niemanden mehr hinter dem Ofen hervor“, sagt Frank Tillmann.

Über die Studie
Für die Studie wurden nach verschiedenen Kriterien drei strukturschwache Landkreise mit einer hohen Jugendabwanderung in den „alten Bundesländern“, nämlich Birkenfeld in Rheinland-Pfalz, Wunsiedel im Fichtelgebirge in Bayern und der Werra-Meißner-Kreis in Hessen sowie der Kyffhäuserkreis in Thüringen, Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt, Prignitz in Brandenburg und Vorpommern-Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern ausgewählt. In jeder Untersuchungsregion wurden fünf Experteninterviews mit (jugend)politischen Akteuren sowie eine Gruppendiskussion mit fünf bis zehn Jugendlichen durchgeführt. Anhand von Indikatoren wie z.B. Beschäftigungsperspektive, Angebote der Jugendarbeit oder digitale Erreichbarkeit wurde darüber hinaus ein regionaler Teilhabeindex entwickelt, der die Unterschiede in den verschiedenen Landkreisen veranschaulicht.

Quelle:

Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 4. Mai 2016
 
 
 

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