Kümmererin?
US-Studie widerlegt die Annahme, dass Frauen grundsätzlich über mehr emotionale Intelligenz verfügen
Wenn man die weit verbreitete Annahme, Frauen besäßen mehr emotionale Intelligenz als Männer, genauer unter die Lupe nimmt, wird man überrascht. Denn so pauschal kann man das nicht sagen, wie eine groß angelegte Studie jetzt zeigt, die Forschungsergebnisse aus drei Jahrzehnten zusammenfasst. Frauen sind demnach im Durchschnitt zwar besser darin, Emotionen zu erkennen und zu verstehen. Männer und Jungen schneiden dagegen bei Aufgaben, bei denen es um den Umgang mit den eigenen Gefühlen geht, tendenziell besser ab. Frauen erzielen bei Aufgaben, bei denen es um den Umgang mit den Gefühlen anderer geht, bessere Ergebnisse.
Die Analyse umfasste 1.279 wissenschaftliche Arbeiten und Daten von 609.278 Personen aus 76 Ländern.
Unterschiedliche Fähigkeiten
Die Ergebnisse hängen auch davon ab, wie emotionale Intelligenz gemessen wird. „Frauen sind emotional intelligent. Männer glauben, dass sie es sind“, sagte Menges. „Bei leistungsbasierten Tests ist der Vorteil der Frauen erheblich. Bei Selbsteinschätzungen verschwindet er fast vollständig. Selbstwahrnehmung und nachgewiesene Fähigkeiten sind nicht dasselbe.“ Laut den Forscher:innen sollte man emotionale Intelligenz nicht als eine einzige Eigenschaft betrachten. Sie unterteilen sie in das Erkennen, Verstehen und Regulieren von Emotionen – sowohl bei sich selbst als auch bei anderen. „Gängige Annahmen über die emotionalen Fähigkeiten von Frauen und Männern sind oft zu pauschal“, sagte Dr. Mary Hausfeld von der University of Limerick, die die Studie leitete.
„Frauen zeigen einen Vorteil beim Erkennen und Verstehen von Emotionen sowie bei der Regulierung der Emotionen anderer Menschen“, sagte Mitautor Jochen Menges, Professor für Führung an der Cambridge Judge Business School und der Universität Zürich. „Beim Umgang mit den eigenen Emotionen kehrt sich das Muster leicht um, und Männer schneiden besser ab.
Da die Daten einen Zeitraum von fast 30 Jahren abdecken, konnten die Forscher:innen auch Veränderungen im Laufe der Zeit nachverfolgen. Sie stellten fest, dass sich die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der allgemeinen emotionalen Intelligenz in den letzten Jahren verringert haben – eine Entwicklung, die bei Kindern am deutlichsten zu erkennen ist.
Wichtig am Arbeitsplatz
Eine hohe emotionale Intelligenz wird mit der Arbeitsleistung und dem Stressmanagement sowie – durch Kommunikation und Konfliktmanagement – mit den Beziehungen am Arbeitsplatz in Verbindung gebracht. Die Annahme, Frauen verfügten über eine höhere emotionale Intelligenz berge aber ein Risiko, wenn sie nicht hinterfragt werde, so die Forschenden. Wenn man sie als feststehende Tatsache betrachte, könne dies dazu führen, dass Arbeitgeber Frauen einen unverhältnismäßig großen Anteil an emotionaler Arbeit am Arbeitsplatz auferlegen.
„Hartnäckige Annahmen, dass Frauen von Natur aus über eine höhere emotionale Intelligenz verfügen, bergen zwei Risiken“, sagte Menges. „Tatsächliche Unterschiede könnten als unwissenschaftlich abgetan werden. Gleichzeitig können pauschale Behauptungen Stereotypen verstärken und Frauen emotionale Arbeit aufbürden.“
Die Forscher:innen appellieren, kleine Unterschiede nicht als unwichtig abzutun, da sie sich durch alltägliche Entscheidungen summieren und zu Ungleichheiten zum Beispiel bei Beförderungen führen können. Organisationen sollten aufhören, emotionale Intelligenz als rein weibliche Eigenschaft zu betrachten. Sie sollten diese Fähigkeiten bei allen Mitarbeiter:innen fördern und nicht zulassen, dass emotionale Arbeit, die sich auf andere bezieht, automatisch in die Verantwortung von Frauen fällt.
Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass die Frage, ob Frauen oder Männer über mehr emotionale Intelligenz verfügen, „zu einfach“ ist. „Die besseren Fragen lauten: Welche Fähigkeit, wie gemessen, auf wen ausgerichtet, in welchem Kontext?“, sagte Menges. „Das ist die Richtung, in die sich die Wissenschaft bewegt, und ich würde Unternehmen raten, dasselbe zu tun.“
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Autorin / Autor: Pressemitteilung / Redaktion; Bild: LizzyNet - Stand: 5. Oktober 2026