Klimaopfern ein Gesicht geben

Forschende der Uni Bern erprobten Gehirnstimulation, die zu nachhaltigem Verhalten führt

Versuchsperson mit Hirnstimulation. Bild: zvg

Keine Frage: Mittlerweile haben wohl die meisten verstanden, dass wir das Klima retten müssen, wenn wir die Menschheit retten wollen. Aber warum klafft dann häufig immer noch Wollen und Handeln auseinander? Warum verhalten wir uns nicht entsprechend nachhaltig? Es scheint offenbar an unseren Gehirnstrukturen zu liegen. Deshalb haben Forschende der Universität nun dazu ein Experiment gemacht.

Der globale Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen der heutigen Zeit. Doch trotz Warnungen der Wissenschaft und politischen Vereinbarungen sind wir weit davon entfernt, ihn abzubremsen. «Dass wir Menschen uns nicht klimafreundlicher verhalten, liegt aber nicht daran, dass wir zu wenig über die kritische Lage Bescheid wüssten», sagt Daria Knoch, Professorin für Soziale Neurowissenschaft an der Universität Bern. Um mehr über die Gründe zu erfahren, was uns Menschen am nachhaltigen Handeln hindert, haben sie und ihr Team eine neurowissenschaftliche Studie durchgeführt.

Die unbekannten Opfer der Klimakrise

Schon heute sehen wir fast täglich in den Nachrichten, was der Klimawandel anrichtet: Wirbelstürme, Überflutungen, Dürren, verheerende Brände. Doch die noch viel stärker betroffenen Opfer werden Menschen in der Zukunft sein, die wir nicht kennen. «Es ist genau das Unvermögen, sich in diese Fremden hineinversetzen zu können, das von klimafreundlichem Handeln abhält», kommentiert Daria Knoch. In der Studie stimulierten die Forschenden darum bei den Proband_innen einen Teil des Gehirns, der bei der Perspektivenübernahme eine wichtige Rolle spielt.

Hirnstimulation für neue Perspektiven

Das Experiment funktionierte so: Die Testpersonen entnahmen in Vierergruppen einem gemeinsamen Pool echtes Geld. Jede Versuchsperson entschied für sich selbst: je mehr sie dem Pool entnahm, desto mehr hatte sie am Ende in der Tasche. Wenn aber die Vierergruppe insgesamt zu viel Geld entnahm, hatte dies Konsequenzen für die nächste Vierergruppe im Experiment, für die dann viel weniger Geld im Pool übrig war. Der Versuchsaufbau ahmte so die reale Situation unseres jetzigen Umgangs mit der Klimakrise nach, bei der die Übernutzung einer Ressource negative Folgen für andere Menschen in der Zukunft hat.

Während der Entscheidung über den herauszunehmenden Geldbetrag erhielt ein Teil der Versuchspersonen, die Experimentalgruppe, einen ungefährlichen, leichten elektrischen Strom am Schädel, der die Funktion des stimulierten Hirnareals steigern sollte. Die Forschenden wählten dabei ein Areal, das stark involviert ist bei der Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und ihre Perspektive einzunehmen. Tatsächlich fanden sie einen großen Effekt: Die stimulierten Personen entnahmen dem Pool nicht zu viel Geld und entschieden somit nachhaltiger als die Teilnehmenden der Kontrollgruppe, die keine Stimulation bekommen hatten.

Welcher Nutzen springt dabei heraus für die Klima-Kommunikation?

Was folgt daraus? Sollten wir demnächst also mit Elektroden herumlaufen, damit wir uns endlich vernünftig und nachhaltig verhalten? Benedikt Langenbach, Erstautor der Studie, winkt ab: Natürlich komme eine Gehirnstimulation für die breite Bevölkerung nicht in Frage. Aber man könne die Funktion des "Perspektiven"-Areals auch durch Neurofeedback und Meditation steigern. Laut Benedikt Langenbach gibt es aber auch noch weitere Strategien, um die Perspektivenübernahme zu verbessern: «Wir wissen, dass es Personen eher gelingt, sich in jemanden hineinzuversetzen – zum Beispiel in ein Klimaopfer –, wenn sie sich mit diesem identifizieren können.»

Daria Knoch fügt hinzu: «Entsprechend können unsere neurowissenschaftlichen Ergebnisse dazu beitragen, die Kommunikation zur Klimakrise effektiver zu gestalten, etwa indem man den Betroffenen ein Gesicht und einen Namen gibt, anstatt von einer anonymen ‚zukünftigen Generation‘ zu sprechen.»

Ein weiterer Vorschlag aus unserer Redaktion: wie wäre es, mehr Romane zu veröffentlichen, in denen es um die Opfer der Erderhitzung geht, denn die Identifikation mit Romanfiguren ist ja - auch wissenschaftlich erwiesen - ein starker Motor für Empathie ;-).

Die Resultate wurden soeben in der renommierten internationalen Fachzeitschrift Cortex veröffentlicht.

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