Kinder würden Hunde retten

Studie: Erwachsene bewerten Menschenleben meist höher als das von Tieren. Kinder zwischen 5 und 9 sind sich da noch nicht so sicher.

Wen würdest du eher retten: 100 Hunde oder einen Menschen? Die meisten Erwachsenen würden sich selbst bei einem derartigen zahlenmäßigen Ungleichgewicht für den Menschen entscheiden, denn der Mensch wird von anderen Menschen meist als moralisch höherwertig betrachtet. Aber trifft das immer zu? Empfinden Kinder auch so? Würden sie ohne mit der Wimper zu zucken 100 Hunde für einen Menschen opfern? Offenbar nicht. Kindern zwischen 5 und 9 Jahren fällen diese Entscheidung bei weitem nicht so eindeutig wie Erwachsene. Das hat eine Studie von Forscher_innen der Universität Yale u.a. ergeben.

Matti Wilks (Yale University) und seine Kolleg_innen konfrontierten in ihrer US-amerikanischen Studie 222 Erwachsene und 207 Kinder im Alter von 5 bis 9 Jahren mit einem bekannten moralischen Dilemma. In dem hypothetischen Szenario sinken zwei Boote, auf dem einen halten sich zwischen einem und 100 Menschen auf, auf dem anderen zwischen einem und 100 Schweinen oder Hunden. Die Testpersonen müssen nun entscheiden, welches Boot sie retten würden. Die Antworten von Kindern und Erwachsenen fielen hier sehr unterschiedlich aus. Wenn sie beispielsweise zwischen der Rettung eines Menschen und eines Hundes wählen sollten, gaben lediglich 35 % der Kinder dem Menschen den Vorrang, 28% dem Hund, und die restlichen 37% konnten sich nicht entscheiden. Als Erwachsene mit demselben Szenario konfrontiert wurden, entschieden sich 85 % für die Rettung des Menschen, nur 8% für die Rettung des Hundes und 7% waren unsicher. In einem extremeren Szenario wählten 71 % der Kinder die Rettung von 100 Hunden gegenüber einem Menschen, während 61% der Erwachsenen die Rettung eines Menschen gegenüber 100 Hunden vorzogen.

Mr. Perfect würde Menschen retten
In einer zweiten Studie sollten 61 Kinder und 64 Erwachsene angeben, wie "Mr. X, der immer das Richtige tut" sich wohl entscheiden würde. Hier waren die Kinder schon eher geneigt, menschliche Wesen zu retten, aber immer noch seltener als die erwachsenen Testpersonen. Für die Forscher_innen zeigt das, dass die kindlichen Entscheidungen in der ersten Studie nicht unbedingt dem entsprechen, was sie als moralisch richtig empfinden.
In diesem Fall war es etwas wahrscheinlicher, dass Kinder Mr. X Menschen retten ließ, aber immer noch seltener als Erwachsene. Dies deutet darauf hin, dass die persönlichen Präferenzen der Kinder, die sich in der ersten Studie widerspiegeln, nicht unbedingt mit dem übereinstimmen, was sie als moralisch richtig empfinden, oder was sie als Erwachsene für richtig halten, erklärten Wilks und Kollegen.

Es deute außerdem darauf hin, dass wir kulturell darauf einstudiert werden, Menschen als moralisch überlegen gegenüber anderen Tieren zu betrachten, ähnlich wie wir andere soziale Vorurteile erwerben. Dass dies bei Kindern noch nicht so ausgeprägt ist, könnte neben dem Entwicklungsstand auch daran liegen, dass vor allem Kinder in städtischen Gebieten oft wenig echte Erfahrungen mit Tieren haben und sie nur in sehr positiver, abstrakter oder auch vermenschlichter Form kennenlernen. Unser tatsächlicher Umgang mit Tieren - etwa als Nahrung - wird ihnen dabei oft vorenthalten.

In Zukunft wollen die Forscher_innen überprüfen, inwieweit dieser "Speziesismus", also die Abwertung einer anderen nicht-menschlichen Spezies, früher in der Entwicklung von Kindern auftaucht, wenn sie intensiveren Kontakt mit ihnen haben - etwa auf einer Farm, oder andersherum in einem kulturellen Umfeld geringer ausfallen, in dem eine vegetarische Ernährung verbreiteter ist.

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Autorin / Autor: Redaktion / Presseinformation - Stand: 9. Februar 2021