Kein Kontakt mehr

Studie: Was treibt erwachsene Kinder und ihre Eltern auseinander?

Als Kind kann man sich es kaum vorstellen, keinen oder nur wenig Kontakt zur eigenen Familie mehr zu haben. Was hat man denn nicht alles zusammen erlebt? Ist durch Dick und Dünn gegangen, hat Alltagssorgen geteilt und wunderschöne Urlaube miteinander verbracht. Doch je älter die Kinder werden, desto größer scheint die Distanz zu den Eltern zu werden: Jede fünfte Vater-Kind-Beziehung ist betroffen, bei Müttern ist es knapp jede zehnte. Besonders oft kommt diese Entfremdung in Familien vor, in denen ein Elternteil verstorben ist oder in denen nach einer elterlichen Trennung ein Stiefelternteil hinzugekommen ist. Das zeigt eine neue Studie von Soziolog_innen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und der Universität zu Köln. Grundlage für diese Ergebnisse sind Angaben von mehr als 10.000 Personen, die Forschenden in der "pairfam"-Längsschnittstudie erhoben hatten. Dabei handelt es sich um ein 2008 gestartetes Beziehungs- und Familienpanel, das partnerschaftliche und familiäre Lebenssituationen in Deutschland untersucht.

Wie kommt es zur Entfremdung von der Familie?

Die Forschenden interessierte besonders die Frage, welche Faktoren und Ereignisse dazu beitragen, dass es zu einer Entfremdung kommt. Dabei schauten sie sich an, was Befragte zwischen 18 bis 45 Jahren angaben, die keinen gemeinsamen Wohnsitz mit ihren Eltern haben. Von einer Entfremdung sprechen die Forscher bei einer Kombination aus zwei Kriterien, erläutert Oliver Arránz Becker: "Wenn Kind und Elternteil weniger als einmal im Monat Kontakt haben und sich dann auch noch emotional nicht nahestehen, bezeichnen wir das als Entfremdung."

Den Müttern stehen viele näher als den Vätern

Dabei zeigte sich: Entfremdung ist ein häufiges Phänomen in der Eltern-Kind-Beziehung. Innerhalb von zehn Jahren entsteht diese Distanz bei 20 Prozent aller erwachsenen Kinder und ihren Vätern. Die abnehmende Nähe zu den Müttern ist allerdings seltener und taucht nur bei neun Prozent auf. Laut den Wisenschaftler_innen hängt das damit zusammen, "dass die Bindung zur Mutter oft enger ist als zum Vater", erklärt Karsten Hank. Ob es sich beim Kind um einen Sohn oder eine Tochter handelt, spiele dabei kaum eine Rolle.

Was treibt Eltern und Kinder auseinander?

Faktoren, die Eltern und Kinder emotional voneinander trennen, seien vor allem einschneidende Familienereignisse. Stirbt ein Elternteil, beeinträchtigt das häufig die Beziehung zum anderen. "Das ist durchaus überraschend. Man würde eigentlich vermuten, dass die Bindung nach einem solchen Ereignis enger wird, aber tatsächlich wird sie eher schlechter", so Arránz Becker. Auch die Trennung der Eltern hat einen schlechten Einfluss auf die Eltern-Kind-Beziehung. Im Falle von Stieffamilien komme ein weiterer Aspekt hinzu: Wenn die Beziehung zu einem Stiefelternteil schlecht ist, geht das häufig mit einer Entfremdung vom leiblichen Elternteil einher.

Oft sei ein distanziertes Verhältnis jedoch nicht dauerhaft. In der Studie näherten sich in 62 Prozent der Fälle die Kinder ihrer Mutter wieder an und 44 Prozent ihrem Vater. "Basierend auf Studien zur Häufigkeit von engen und konfliktbehafteten Beziehungen in verschiedenen Ländern gehen wir davon aus, dass Deutschland mit diesen Ergebnissen international auf einer durchschnittlichen Position liegt", so Hank.

Die Arbeit erschien im "Journal of Marriage and Family".

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 22. Oktober 2021