Kaum noch Zeit für´s Ehrenamt?

Schul- und Karrieredruck behindert Jugendliche in der Freiwilligenarbeit

2011 ist das Europäische Jahr der Freiwilligentätigkeit. Anlass genug, einmal nachzuschauen, wie es denn um das Engagement überhaupt bestellt ist. Wer ist ehrenamtlich aktiv? Wer ist es nicht? Und wo findet Freiwilligen-Arbeit statt? Um diese Fragen zu beantworten, führt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend schon seit 1999 den sogenannten Freiwilligensurvey durch. Es ist die umfassendste und detaillierteste Untersuchung zum bürgerschaftlichen Engagement in Deutschland. Nun liegt eine aktuelle Sonderauswertung des Dritten Freiwilligensurveys vor, die besagt, das immer weniger Jugendliche freiwillig aktiv werden. Der Grund: Zeitmangel.

Zwar sind Jugendliche immer noch die aktivste Gruppe, wenn man ihr Engagement im Sport, in der Musik, bei schulischen und außerschulischen Aktivitäten, in kirchlichen und anderen Jugendgruppen betrachtet, aber ihre Beteiligung an solchen Gruppen sank in dem untersuchten 10-Jahres-Zeitraum von 37 auf 35 Prozent. Vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund sind mit nur 22 Prozent (2009) vergleichsweise selten engagiert. Der Wunsch, sich nützlich zu machen, ist aber viel größer: 49 Prozent der Jugendlichen würden sich gern stärker einbringen, noch mehr sogar Jugendliche mit Migrationshintergrund, nämlich 54 Prozent.

Verhindern Ganztagsschulen und G8 Engagement?
Vor allem SchülerInnen und StudentInnen haben immer weniger Zeit für freiwillige Tätigkeiten. Die Ursachen sieht der Bericht in Ganztagsschulen, die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit von neun auf acht Jahre sowie die Umstellungen auf das Bachelor- bzw. Master-Studium. So engagieren sich 51 Prozent der Gymnasiasten, die in neun Jahren zum Abitur geführt werden, aber nur 41 Prozent derjenigen, die diesen Schulabschluss in acht Jahren erreichen möchten. GanztagsschülerInnen engagieren sich zum Beispiel zu 31 Prozent, das sind acht Punkte weniger als SchülerInnen, die mittags schon nach Hause gehen können. Negativ wirkt sich offenbar auch der zunehmende Wechsel des Wohnortes aus, um die eigenen Ausbildungs- und Berufschancen zu verbessern. Häufigere Umzüge haben Konsequenzen für die soziale Einbindung am Wohnort und damit auch für das freiwillige Engagement.

Wer ist engagiert? Wer nicht? Und warum?

Je jünger, desto eher machen Jugendliche im Sport, in der Kirche, in einer Theater- oder Musikgruppe, in der Schülervertretung, beim Naturschutz oder in den Jugendverbänden mit. Vor allem die Kirche verzeichnet seit dem ersten Freiwilligensurvey Zuwächse bei der Aktivierung von Kindern und Jugendlichen. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sind Jugendliche aber beim Engagement in Politik und Parteien deutlich unterrepräsentiert. Dafür werden Jugendliche mittlerweile eher aktiv, wenn sie damit einen beruflichen Nutzen verbinden und es für ihren Lebenslauf interessant werden kann. Etwa die Hälfte der Jugendlichen gab an, dass sie durch die Tätigkeit "Qualifikationen erwerben möchten, die im Leben wichtig sind". Obwohl das Motiv der Geselligkeit insgesamt etwas rückläufig war, steht das Interesse, durch das Engagement „mit sympathischen anderen Menschen zusammen zu kommen“ immer, noch an oberster Stelle.

Warum junge Frauen sich aus der Freiwilligenarbeit zurück ziehen
Interessant ist, dass entgegen der gängigen Klischees, Frauen in fast jedem Lebensalter seltener freiwillig engagiert sind als Männer (zumindest in Vereinen und Gruppen). Ihr Engagement ändert sich je nach Lebensphase (bei Männern gibt es dagegen kaum altersspezifische Schwankungen). Während bei den 14- bis 19-Jährigen Mädchen das Engagement noch stärker ausgeprägt ist als das der Jungs, sinkt es den 20- bis 24-Jährigen von 37 auf 28 Prozent. Die Studie erklärt sich dies mit einer stärkeren Fokussierung der Frauen auf die berufliche Qualifizierung kurz vor der eventuellen Familiengründung. "Junge Frauen setzen offenbar Prioritäten, und freiwilliges Engagement steht nicht unbedingt an erster Stelle. (...) Auch übernehmen sie seltener leitende Funktionen im Engagement." heißt es im Bericht. Dies bezieht sich allerdings nur auf die erfasste Freiwilligenarbeit in Vereinen und Organisationen, in Familien übernehmen Frauen natürlich sehr viel "ehrenamtliche", das heißt unbezahlte Arbeit: als Kindererzieherin, als Haushalts-Organisatorin etc. Auch ihr Engagement in Elternkreisen von Schule und Kindergarten sollte hier berücksichtigt werden.

Jugendliche sind bereit, sich zu engagieren
Die sinkende Zahl freiwillig engagierter Jugendlicher ist dennoch kein alarmierendes Signal für die StudienautorInnen. Im Gegenteil: Sie wundern sich, dass "trotz problematisch wirkender Einflussfaktoren" das Engagement "nicht in sehr viel deutlicherem Maß Schaden genommen hat". Nach wie vor sei die prinzipielle Bereitschaft Jugendlicher, sich zu engagieren, sehr hoch, sie habe sogar noch zugenommen. "Diese Bereitschaft stützt sich auf ein Wertegerüst, das – wie auch der Freiwilligensurvey zeigt – stabiler ist, als allgemein angenommen wird." heißt es im Schlusswort des Berichts. Will heißen: Jugendliche sind engagierter und sozialer als man ihnen nachsagt. Das ist doch eine gute Nachricht ;-).

 
 
 

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