Jugend Europas, vereinigt euch!

Wer, wenn nicht wir, rettet Europa vor dem Zerfall? Das fragten sich 12 junge Europäer_innen aus 11 Ländern, die sich in einer überparteilichen Gruppe namens "Young European Collective" zusammengeschlossen haben. In einem eindringlichen Essay skizzieren sie ihre Visionen für ein Europa, in dem alle jungen Menschen gerne aufwachen würden...

Stellt euch vor, ihr wacht eines morgens auf und die Welt ist eine andere. Rechte, Freiheiten und Sicherheiten, die selbstverständlich erschienen, gibt es nicht mehr. Plötzlich erscheint die Zukunft angsteinflößend und beengend. Doch das Schlimmste daran ist, ihr hättet nie gedacht, dass es einmal soweit kommen könnte.

Am 24. Juni 2016 sind junge Menschen in Großbritannien mit eben solch erschütternden Nachrichten und Gefühlen aufgewacht. Das Land hatte sich mehrheitlich dafür ausgesprochen, die Europäische Union zu verlassen - und das, obwohl die meisten jungen Wähler gegen den Austritt stimmten. Das ist unfair, aber dennoch Realität.

Denn es sind die jungen Menschen, die langfristig mit den Konsequenzen der Wahlergebnisse leben müssen und gegen ihren Willen ihre europäische Staatsbürgerschaft verlieren werden, mitsamt aller dazugehörigen Privilegien. Es sind die jungen Menschen, die zusehen werden, wie bestens ausgebildete Fachkräfte in ihre Heimatländer zurückgeschickt werden und der eigene Weg in eine gemeinsame europäische Zukunft verbaut wird.

Die Brexit Entscheidung und ihre Folgen für die junge Generation sind ein Beispiel für weitreichende Veränderungen, die sich momentan in Europa zeigen. Nächstes Frühjahr könnten beispielsweise junge Menschen in Frankreich mit Marine Le Pen als neuer Präsidentin aufwachen, einer Frau, die Muslime als Sündenböcke für soziale Probleme nutzt und offen ihre Abneigungen gegenüber einem vereinten Europa zur Schau stellt. Nach der Bundestagswahl im nächsten Herbst könnten junge Menschen in einem Deutschland in einem Land aufwachen, in dem die AfD (Alternative für Deutschland) eine rückwärtsgewandte Kultur- und Bildungspolitik vorantreibt und die soziale Errungenschaften der letzten Jahrzehnte einfach wieder auflöst. Und 2018 könnten junge Italiener aufwachen und feststellen, dass ein Komiker sich fortan mit Fug und Recht Premierminister nennt - kein Witz.

Welches Erwachen kommt als nächstes?
Unsere Lebensrealität steht auf dem Spiel. Als Generation beginnen wir zu erkennen, dass all das, was wir seit Langem als feste Gewissheiten betrachtet haben, von heute auf morgen weg sein kann - unsere Rechte, unsere Freiheiten, unsere europäische Einheit. Das europäische Haus bröckelt und mit ihm seine Werte. Und wir, die Bewohner dieses Hauses, sind unmittelbar davon betroffen. Was gerade mit Europa passiert, ist nichts Abstraktes, es betrifft unser aller Leben.

Doch wie gehen wir damit um? Unsere Generation wird oft als apathisch, apolitisch und narzisstisch porträtiert. Ältere Generationen werfen uns vor, wir würden nicht genug für unsere Rechte und unsere Zukunft eintreten. Tatsächlich nehmen wir viele der Privilegien, die wir heute haben als gegeben hin. Die meisten von uns sind in einer demokratischen Gesellschaft aufgewachsen. Die meisten von uns sind mit dem Verständnis aufgewachsen, dass Vielfalt und persönliche Freiheiten eine Selbstverständlichkeit sind. Die meisten von uns leben in einem offenen Europa mit dem Versprechen auf europäisches Reisen ohne Visum. Die Vorzüge von Demokratie, Freiheit, Stabilität und Internationalität stellen für viele von uns keine politischen Errungenschaften dar, für die wir zu kämpfen hatten, sie sind einfach da! 

Eine gespaltene Generation
Im Jahr 2016 wurde uns allerdings bewusst, dass all diese Privilegien gefährdet sind und drohen verloren zu gehen, wenn wir nicht anfangen, sie aktiv zu verteidigen. Doch warum ist Europas Jugend nicht auf der Straße, tritt massenweise in Parteien ein und kämpft um ihre Zukunft? Die ernüchternde Tatsache ist, dass unsere Generation so wenig geeint ist, wie der Kontinent dieser Tage selbst. Auf der einen Seite steht eine junge Generation, die von den Vorzügen eines geeinten Europa profitiert, reist, gut ausgebildet und chancenreich ist. Auf der anderen Seite steht eine junge Generation, die von den Chancen und Möglichkeiten unserer Zeit ausgeschlossen ist.

Unbefristete Arbeitsverträge sind für viele junge Europäer ein scheinbar unerreichbarer Luxus. Stattdessen geht es von einem unbezahlten Praktikum ins nächste, viele kämpfen mit prekären Arbeitsumständen und Wohnverhältnissen. Wer sich täglich um seine Existenz sorgen muss, kann sich kaum um gesellschaftlichen Wandel kümmern. Viele derjenigen, die die Möglichkeit hätten, sich einzubringen haben wiederum das Gefühl, dass ihre Stimme nicht zählt oder gehört wird. Wieder andere misstrauen den Parteien, fühlen sich politisch nicht vertreten und bleiben den Wahlen fern.

All das führt dazu, dass die Stimme der Jungen im Ringen um die Zukunft unterrepräsentiert ist. Daher müssen wir alle heute eines ganz klar erkennen: Wenn wir nicht aktiv werden, tun es andere - und ihre Entscheidungen sind höchstwahrscheinlich nicht immer in unserem besten Interesse.

Gemeinsam mehr erreichen
Die schiere Zahl der Probleme droht uns zu überfordern. Die gute Nachricht aber ist, dass es Beispiele gibt, die zeigen, dass Probleme lösbar sind, wenn wir uns gemeinsam engagieren.

Schauen wir nach Ungarn. Als die dortige Regierung im Jahr 2014 vorschlug eine Steuer auf die Internetnutzung der Bevölkerung zu erheben, erhoben sich landesweit hunderttausende empörte Bürger, ganz besonders die Jungen. Dieser Protest veranlasste die Regierung schließlich dazu, die Pläne schnell wieder aufzugeben.

Im gleichen Jahr zeigten junge Schotten Einigkeit in einem bisher ungesehenen Ausmaß im Rahmen des damals anstehenden Unabhängigkeitsreferendums. Sie mobilisierten Massen von Wählern indem sie von Tür zu Tür gingen, Demonstrationen abhielten und eigene digitale Medienkanäle etablierten. Seitdem ist das Land eines der politisiertesten Teile der EU.

Und in Frankreich, da blühte diesjährig eine starke Bewegung gegen angekündigte Arbeitsmarktreformen auf. Junge Menschen, die in vielen Städten öffentliche Plätze besetzen und als Nuit Debout bekannt wurden, sprachen sich gegen den Status-Quo aus und arbeiteten an Alternativen. Obwohl die Regierung die Reform schließlich dennoch mithilfe einer Gesetzeslücke verabschiedete, hat sich die lokale politische Landschaft in Frankreich durch diese Bewegung merklich verändert.

Schritt für Schritt die Zukunft erobern
Diese Beispiele zeigen, dass Veränderung möglich ist, wenn wir zusammen etwas anpacken. Gleichzeitig zeigen die Beispiele auch, wo wir noch nachlegen müssen. Denn bei den heutigen Herausforderungen reicht es nicht, wenn wir uns auf lokale oder nationale Aktionen beschränken. Wir müssen über Grenzen hinweg arbeiten. Junge Menschen in ganz Europa müssen sich zusammenschließen und Barrieren überwinden, geografische, soziale, kulturelle und ökonomische. Nur eine geeinte Generation kann ein geeintes Europa in die Zukunft führen. Die Zeit für eine gemeinsame Bewegung ist gekommen. Die Zeit ist gekommen, unsere Zukunft in die Hand zu nehmen.

Gemeinsam können wir viel erreichen. Doch wo anfangen?

Mit diesen 8 Schritten ist schon viel geschafft:

  • 1. Wählen gehen
    Ob auf lokaler, nationaler oder europäischer Ebene, es ist essentiell, dass wir wählen gehen. Zwar mögen unsere politischen Meinungen im Detail verschieden sein. Das Wichtigste aber ist, dass wir sicherstellen, dass die Stimme der jungen Generation von Politikern gehört und beachtet wird. Warum also nicht gleich die nächsten Termine im Smartphone markieren um dann rechtzeitig zusammen mit Freunden einen Ausflug zur Wahlurne zu planen?
  • 2. Den Mund aufmachen
    Wir können es uns nicht leisten, zu schweigen, wenn jemand xenophobe, homophobe, sexistische oder rassistische Sprüche von sich gibt. Wir sollten sowas unsere Freunde und Bekannten weder online noch offline durchgehen lassen, denn auch kleine 'Ausrutscher' halten verletzende Stereotypen aufrecht und bauen Distanzen auf. Es erscheint unbequem die Stimme zu erheben, doch unser Schweigen wird nichts verändern. Im Gegenteil. Lasst uns für eine offene Gesellschaft eintreten, in Städten, Wohnzimmern, am Arbeitsplatz und in den sozialen Medien.
  • 3. Einer Organisation beitreten
    In ganz Europa sind junge Menschen in etablierten Machtstrukturen stark unterrepräsentiert. Wenn wir Europa verändern wollen, müssen wir uns diesen Organisationen anschließen und sie von innen heraus verändern. Warum sich also nicht einer Partei, NGO, Hilfsorganisation oder Gewerkschaft anschließen, um seine Standpunkte einzubringen? Am besten klappt das Ganze, wenn man gleich einen Freund oder eine Freundin mitbringt.
  • 4. Eine Bewegung unterstützen oder starten
    Soziale und politische Bewegungen und Kampagnen können reale politische Veränderung bewirken. #FreeInterrail ist dafür ein gutes Beispiel. Alles fing damit an, dass zwei junge Männer aus Deutschland eine tolle Idee hatten, die nun von Tausenden in ganz Europa debattiert und unterstützt wird. Sich dieser oder anderen Kampagnen anzuschließen, kann unseren Kontinent nachhaltig prägen. Traut euch!
  • 5. Sich mit der Meinung anderer auseinandersetzen
    Unsere Generation ist stolz darauf in Vielfalt zu leben. Aber tun wir das auch wirklich? Sind wir nicht viel zu oft auf der Flucht vor anderen Standpunkten und der Konfrontation mit der anderen Perspektive? Gebt euch einen Ruck, und geht auf eine Tasse Kaffee mit Menschen, die völlig anders denken als ihr. Denn genau davon lebt unsere Demokratie: Debatten.
  • 6. Lokal wirken
    Man muss nicht an exotische Orte fahren, um positive Veränderung zu bewirken. Im direkten Umfeld von jedem von uns gibt es Menschen und Probleme, die dringend unsere Unterstützung benötigen. Selbst wenige Stunden vieler ehrenamtlicher Helfer können Europa schon transformieren. Die Veränderung beginnt immer im Kleinen. Bei euch vor der Haustür.
  • 7. Transnationale Solidarität bekennen
    Wenn wir wahrhaftig als Europäerinnen und Europäer leben möchten, sollten wir uns gegenseitig zeigen, dass wir füreinander da sind. Ob im Freundeskreis, in der Schule, beim Job oder auf Reisen. Lasst uns ernsthaftes Interesse an unseren Altersgenossen in Europa zeigen. Wie wäre wohl das britische Referendum ausgegangen, hätte jungen Menschen auf dem Festland vor der Abstimmung ihrer Solidarität mit der britischen Jugend bekundet?
    Und jetzt seid ihr dran. Was ist eurer Schritt, um Europa voran zu bringen und unsere Generation zu einen?
  • 8. Eure Ideen zählen!
    Füllt die Lücke aus, fotografiert sie und teilt das ganze unter dem Hashtag #WhoIfNotUs. Stellt euch vor, welch ein Ruck durch Europa gehen würden, wenn wir alle, die jungen Menschen des Kontinents, diese acht Schritte in die Tat umsetzen. Die Zukunft ist offen. Es liegt jetzt an uns, sie zu gestalten. Wenn wir gemeinsam handeln, jetzt handeln, können wir das Europa erschaffen, in dem wir wirklich gerne aufwachen würden.

Jugend Europas, vereinigt euch!

Autor_innen Amy Baldauf (Finnland/USA), Dániel Draskóczy (Ungarn), Thomas Goujat-Gouttequillet (Frankreich), Vincent-Immanuel Herr (Deutschland), Stylia Kampani (Griechenland), Aileen McKay (Schottland), Katarina Milacic (Montenegro), Kevin Müller (Deutschland), Annika Päutz (Deutschland), Antje Scharenberg (England/Deutschland), Martin Speer (Deutschland), Nini Tsiklauri (Georgien/Deutschland), Giulia Zeni (Italien). Die Autoren sind ein Teil einer überparteilichen Gruppe namens "Young European Collective". Ihre Aktivitäten werden gefördert von Stiftung Mercator, Schwarzkopf Stiftung und Friedrich-Ebert-Stiftung.

Mehr Infos unter

Autorin / Autor: Young European Collective
 
 
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