Die Wahrheit in Zeiten von Fake News

Manfred Theisen hat im März ein neues Buch mit dem Titel „Uncover - Die Trollfabrik“ herausgebracht. Der Thriller handelt von Fake News, sogenannten Trolls und populistischer Propaganda. Annika hat ein Interview mit dem in Köln lebenden Jugendbuchautor geführt.

Manfred Theisen, Bild: © Loewe Verlag GmbH

In Manfred Theisens neuem Roman geht es um drei Jugendliche, die zusammen einen YouTube-Channel leiten, in dem sie über politische Fakten aufklären. Als sie bei ihren Recherchen auf eine estnische Trollfabrik stoßen - eine Agentur, die gezielt politische Lügen im Internet verbreitet - setzen sie alles dran, diese aufzudecken.

Eigentlich hätte dieses Interview auf der Leipziger Buchmesse stattfinden sollen, aber wegen Corona haben die beiden sich einfach über FaceTime unterhalten: Über die Entstehung des Buches, über Medien und Medienaufklärung und über die Auswirkungen, die seiner Meinung nach die Corona-Zeit für ihn als Autor aber auch für die gesamte Entwicklung der Gesellschaft hat.

Trollfabriken gibt es auch in der Realität. Ist ihr Einfluss auf uns wirklich so groß und arbeiten sie so brutal, wie Sie es in „Uncover“ beschreiben?
Ich denke schon, dass die Trolle uns stark beeinflussen. Schließlich arbeiten sie professionell, generalstabsmäßig und streuen gezielt Fehlinformationen. Russland gehört mit seinen Trollfabriken zu den großen Manipulatoren, steht im Fokus was Propaganda und Manipulation im Netz angeht. Die EU hat Gegenmaßnahmen eingeleitet und eine Task Force gegründet, die „East StratCom Task Force“. Dort wird versucht, solche Fälle von Propaganda und gezielter Desinformation oder Hates aufzudecken und mit Fakten zu kontern.

Das Grundproblem: Einige Leute sind extrem offen für gezielte Fehlinformationen. Sie wollen, dass freie und offene Demokratien wie in Deutschland oder Frankreich zugrunde gehen und Verbände wie die EU sich auflösen. Sie lechzen nach dem Versagen der Politik, fühlen sich abgehängt. Der Gesellschaft ist es nicht gelungen, diese Menschen mitzunehmen. Sie sehen sich beim kleinsten Anlass darin bestätigt, dass das System versagt hat, sehnen sich geradezu nach Autokraten, die alles „in Ordnung“ bringen, nichts Fremdes und keine Vielfalt zulassen. Dass es niemals wieder so wird wie „früher“ – ohne dass Migranten eine Stimme hatten, ohne dass Homosexuelle eine Stimme hatten – wissen sie, aber es macht sie nur noch rasender, noch klickender, noch hatender, homophober und intoleranter gegenüber Minderheiten. Diese Rasenden werden von Trollen angetrieben und mit Hass und Falschmeldungen versorgt. Phoenix bekommt es ja auch mit dieser Klientel zu tun.

Ihr Roman spielt in Estland, in der Kleinstadt Narva. Sie beschreiben diese Stadt als sehr düster und traurig. Waren sie selbst auch schon mal dort?
Ich war schon sehr häufig dort, insgesamt sicherlich mehr als ein halbes Jahr, vor allem natürlich für die Recherche zu meinem Buch. Narva hatte vor wenigen Jahren noch über 100.000 Einwohner. Heute sind es knapp 60.000. Die Menschen sprechen dort üblicherweise russisch, obwohl Narva in Estland liegt. Es ist wie eine riesige russische Enklave. Und sehr viele Menschen sehnen sich dort nach der alten „Sowjetunion“ zurück. Diese Stadt ist für mich ein Sinnbild für all jene auch in unseren Ländern und in den Ländern im Osten Europas, die „die gute alte Zeit“ heraufbeschwören.

Bevor sie angefangen haben zu schreiben, haben Sie viele andere interessante Berufe gehabt: Zum Beispiel waren Sie Journalist und haben für das Bundesinnenministerium in der Sowjetunion geforscht. Wie kam es, dass Sie sich dann doch für den Autorenberuf entschieden haben?
Ich war unzufrieden mit meiner Arbeit als Journalist. Damals leitete ich mit einem Kollegen in Köln die Lokalredaktion. Dann wollte ich etwas Neues im Leben anfangen, habe in Israel über die nächste Generation recherchiert und meinen ersten Roman „Checkpoint Jerusalem“ geschrieben, parallel aber auch weiter als Journalist gearbeitet.

Haben Sie auch, so wie viele andere Autor_innen, ein Notizbuch, in dem Sie Ihre Ideen aufschreiben, damit Sie sie nicht vergessen?
Meine Tochter hat mir zwar ein richtiges Schriftstellernotizbuch plus Stift geschenkt, aber trotzdem nutze ich lieber mein Handy, es ist einfach praktischer. Ich notiere mir Sprachbilder und häufig auch Fakten, die ich recherchiert habe. Für „Uncover“ habe ich ganze Handlungsstränge auf dem Handy bearbeitet.

Wie entstehen die Charaktere in Ihrem Kopf? Zum Beispiel Khalil, Phoenix und Sarah in Ihrem Roman „Uncover“?
Ein YouTuber wie Phoenix wäre ich selber gerne gewesen. Der ist auch ein wenig wie ich: hartnäckig will er alles durchziehen, macht Fehler, gibt sie aber zu. Frei nach dem Motto: Es muss ja im Leben nicht immer alles ganz gerade laufen … Wie Sarah entstanden ist, weiß ich nicht. Ich finde sie nett, einfühlsam und würde auf sie hören, mehr als Phoenix es tut. Khalil ist zusammengesetzt aus vielen Charakteren von Syrern, die ich zu meiner Recherche zu „Checkpoint Europa“ kennen gelernt habe.

Sie schreiben vor allem sozialkritische Jugend- und Sachbücher. Würden Sie auch gerne mal ein anderes Genre ausprobieren, zum Beispiel einen Kriminalroman schreiben?
„Uncover – Die Trollfabrik“ ist ja ein Thriller. Das Tolle an dem Beruf des Jugendbuchautors ist, dass du im Grunde alles schreiben kannst. Wenn du Bücher für Erwachsene schreibst, bist du hingegen meistens schnell auf ein bestimmtes Genre festgenagelt. Wenn du dann was Anderes schreibst, dann passt du nicht mehr in die Schublade, die die erwachsenen Leserinnen im Kopf haben. Als Jugendbuchautor_in geht das, da kann man in verschiedene Schubladen mal reingucken, das wird von Jugendlichen eher toleriert. Ich glaube, Jugendliche wählen nicht nur nach dem Namen der Autor_innen, sondern nach Themen, sie scheinen einfach noch nicht so eingefahren wie erwachsene Leser_innen.

Für Sie ist Medienaufklärung ein sehr wichtiges Thema, warum liegt Ihnen das so am Herzen?
Ich komme selbst aus dem Medienbereich, habe Deutsch studiert, danach zwei Jahre lang eine Ausbildung bei einer Tageszeitung gemacht und dann sehr viel und sehr lange in den Medien gearbeitet, in allen möglichen Bereichen, auch im Rundfunk. Ich finde es wichtig, dass wir eine ausgewogene Berichterstattung haben, wenig Meinungsjournalismus und immer die Quellen offenlegen. Es gibt zurzeit leider genau den entgegengesetzten Trend. Der Grund sind soziale Netzwerke und Internetseiten. Jede_r hat hier die Möglichkeit, die eigene Meinung kundzutun, braucht keine Ausbildung und keinen journalistischen Ethos. Deshalb funktionieren ja auch die Trollfabriken so gut. Hinzu kommt: Vor Twitter & Co. musste sich ein Politiker der Presse stellen, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Da waren Journalisten, die ihm Fragen stellten und auf den Zahn fühlten. Die gibt es natürlich heute auch noch. Aber Politiker wie Donald Trump umgehen dieses Auf-den-Zahn-fühlen, indem sie über soziale Medien wie Twitter einfach ihre Wahrheit verbreiten. Und gleichzeitig behaupten, dass die seriösen Zeitungen und TV-Sender lügen würden. Und wenn ich 1000 Mal eine Lüge lese oder höre, dann glaube ich sie womöglich am Ende. Deshalb ist Medienkompetenz so wichtig. Was wir aber wirklich brauchen, ist Geld für guten Journalismus, gut aufgestellte Redaktionen, die kritisch gegenüber jeder_m Politiker_in sind, die hinterfragen und auch selbst dem anerkanntesten Virologen erst einmal misstrauen. Denn wenn Journalisten misstrauen, dann können wir ihnen vertrauen. Sie sind dafür da, nach der Wahrheit zu suchen.

Ich habe gesehen, dass Sie Workshops für „Mediales Schreiben“ anbieten, was ist das?
Ich gebe Erwachsenen, Schüler_innen oder Kindern einen Schreibanreiz über ein Video. Sie beschreiben, was sie sehen, interpretieren es gegebenenfalls oder machen sich Notizen. Einige schreiben auch Gedichte oder kurze Geschichten und Impressionen. Diese Texte nehmen wir dann auf und unterlegen sie dem Video. Weder Bildungsgrad noch Alter spielen für den Erfolg eine Rolle. Kinder, die gar nicht schreiben können, erzählen einfach, was sie sehen oder sich denken, andere hingegen verfassen unglaublich sensible Texte. Wichtig ist mir, dass am Ende ein Produkt entsteht, auf das sie stolz sein können.

Ich habe gelesen, dass Sie auch Workshops zu Ihrem Sachbuch „Nachgefragt: Medienkompetenz in Zeiten von Fake News, Basiswissen zum Mitreden“ anbieten?
In so einem Workshop denken wir zum Beispiel darüber nach, was eine gute Suchmaschine ist und wie sie funktioniert. Oder warum und wie Politiker_innen Unwahrheiten erzählen. Und wir suchen nach der Wahrheit, nach Methoden von Recherche im Netz und Offline. Oder wir schauen, wie wir Cybermobbing ganz praktisch unterbinden können. Manche dieser Tipps poste ich übrigens auch auf meinem Instagramaccount @manfredtheisen. Schaut mal vorbei! Interessant könnte gleich der älteste Eintrag sein. Ein Dialog mit meiner Tochter. Ich spiele einen Politiker, der sein Gegenüber verunsichert.

In Ihrem Buch „Uncover“ bekommt Phoenix ganz viele Hater-Kommentare, als er in seinem YouTube Account die Wahrheit über russische Verstrickungen in Syrien veröffentlicht. Hätten Sie ihm im echten Leben geraten, diese Hater-Kommentare anzuzeigen, oder hätten Sie ihm empfohlen, diese einfach zu ignorieren, wie es im Roman ja dann auch passiert?
Phoenix ist dort gerade in einer sehr angespannten Situation, und wenn er sich auch noch mit den Kommentaren hätte auseinandersetzen müssen, wäre das zu viel für ihn geworden. Aber an sich ist es vernünftig, Hates auf jeden Fall zu melden. Wir dürfen diesen Hatern nicht nachgeben. Was sie tun ist giftig! Sie schaden nicht nur dem Einzelnen, der gehatet wird, sondern unserer gesamten Sprache, die durch ständige Herabwürdigungen von Menschen zu verrohen droht.

… egal wie viele Hater es sind?
Wenn man mehrere 1000 Hater-Kommentare bekommt, dann wäre man natürlich nur damit beschäftigt, sie alle zu melden, das müsste man dann abwägen.

Es gibt ja auch viele junge Autor_innen, die noch nicht so viel Erfahrung mit dem Schreiben haben, haben Sie Schreibtipps für die?
Ich würde ihnen raten, erst mal kürzere Sachen zu schreiben, nicht gleich mit riesigen Projekten zu beginnen. Wenn ich mich umhöre, bekomme ich manchmal Autor_innen mit, die gleich einen Roman dick wie einen Ziegelstein schreiben möchten – den 17. Band von Harry Potter oder so. Das finde ich gut, aber solch extrem umfangreiche Projekte scheitern meist nach 50 oder 100 Seiten und dann ist der Frust groß. Lasst euch also auch mal auf eine kurze Geschichte ein und schreibt sie in einem Rutsch. 

Nun ist ja gerade Corona-Zeit – wir können uns deshalb auch nicht live treffen, wahrscheinlich mussten viele Ihrer Lesungen deswegen abgesagt werden, oder?
Ja, leider total viele. Selbst die Lesungen, die in Bibliotheken und nicht in der Schule stattfinden sollten, fallen weg. In einigen Buchhandlungen liegt der neue Roman jetzt zwar aus, da aber keine Lesungen dazu stattfinden, kennt ihn keiner, er wird nicht verkauft und dann wieder vom Händler an den Verlag zurückgeschickt. Das ist eine Katastrophe für mich.

Haben Sie denn auch neue Buchprojekte, von den sie uns ein bisschen erzählen können?
Ich habe zwei Buchprojekte, von denen ich jetzt leider gerade nichts erzählen kann.

Dann sind wir gespannt... Meinen Sie denn, dass die Corona-Krise auch im digitalen Bereich Chancen ermöglicht, oder hat das nur Nachteile?
Ich glaube, dass Corona eine Katastrophe für die Umwelt ist! Jetzt wird zwar weniger produziert, weil weniger Geld da ist. Aber das wird sich nach Corona schnell ändern: Zum Beispiel befürchte ich, dass das CO2-Projekt der Bundesregierung zur Reduzierung von CO2-Emissionen gekippt wird. Im Moment freuen sich ja noch alle im Sinne von Fridays for Future, dass die Wirtschaft mal ins Stocken gerät. Aber danach wird es erst richtig losgehen, vor allem in den Schwellenländern. Ich finde, das ist die eigentliche Katastrophe von Corona, über die jetzt noch nicht geredet wird. Es werden sich dann die Leute durchsetzen, die schon vorher gesagt haben, dass wir die Wirtschaft nicht bremsen sollen.

Zu den digitalen Chancen: Die ein oder andere Lehrkraft wird jetzt „Zoom“ für die Klasse entdecken, und vielleicht werden auch die Eltern dazu gezwungen, sich ein wenig mehr mit den digitalen Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Ein grundsätzliches Problem aber ist die Bildschirmzeit, die sich drastisch verlängern wird, was nicht nur den Augen schadet und uns ohnehin schon zu einem kurzsichtigen Volk macht, sondern auch für die Umwelt schädlich ist. Zudem: Wir haben ja nicht nur Augen und Ohren, sondern auch einen Tast- und Geruchsinn, wir sind halt keine Maschinen, sondern Menschen. Je mehr Digitalisierung, desto weniger erhalten wir umfängliche Sinneseindrücke. Auch könnte es zu noch mehr narzisstischen Entwicklungen in der Gesellschaft führen. Viele Jugendliche sehen noch häufiger die Influencer_innen auf Instagram, die nur schön sind, deren Leben nur aus sich selbst und ihrer Liebe zu sich selbst zu bestehen scheint. Narzissmus ist ohnehin schon die Volkskrankheit Nummer Eins und hat bereits heute verheerende Auswirkungen auf unsere Empathiemöglichkeiten. Digitalisierung führt fast zwangsläufig in der Breite zu mehr Schein als Sein, weil wir bessere Möglichkeiten der Lüge haben. Aber wer weiß, was passiert? Und wie schnell? Bekanntlich wird nichts so heiß gegessen wie gekocht. Ich will es also erst einmal positiv sehen.

In Ihren Büchern geht es oft um digitale und soziale Kompetenz - vielleicht haben Sie einen kleinen Tipp für uns zum Thema Corona: Es gibt ganz viele unterschiedliche Zahlen und Theorien, wo Corona entstanden ist und wie viele Menschen betroffen sind. Wo finden wir heraus, welche Informationen wirklich stimmen, welche News echt und welche fake sind?
Ich würde dazu raten, in größere, seriöse Tageszeitungen zu gucken, zum Beispiel in die „Süddeutsche“ oder die „Frankfurter Allgemeine“, da hier eine Redaktion die Fakten sehr genau abklopft. Glaubt keiner Einzelmeinung von irgendwelchen sogenannten Expert_innen, die keiner kennt. Glaubt immer nur Informationen, die wirklich mehrfach überprüft wurden. Sicher kann man sich nie sein, aber Vertrauen müssen wir haben.

Vielen Dank für dieses Interview!

Quelle:

Was denkst du darüber?
Autorin / Autor: Annika - Stand: 9. April 2020