Das traurige Schicksal der Ureinwohner Kanadas

Annika hat die Autorin Grit Poppe zu ihrem neuen Roman „Alice Littlebird“ befragt

Die Autorin Grit Poppe; Bild: © Gregor Baron

Im Februar ist das neue Jugendbuch von Grit Poppe „Alice Littlebird“ erschienen. Darin geht es um die neunjährige Alice Littlebird, ein Mädchen des Stamms der Cree in Kanada, die gezwungen wird, auf eine „Residential School“ zu gehen. Diese christlichen Umerziehungsinternate für die First Nations gab es wirklich, dort sollten Kinder wie Alice an die "zivilisierte" Gesellschaft gewöhnt werden.
Annika hat die in Potsdam lebende Autorin getroffen und mit ihr darüber gesprochen, warum sie sich dieses Thema für ihr neues Buch ausgesucht hat.

Was hat Sie dazu veranlasst, über die Misshandlung der indigenen Bevölkerung in Kanada zu schreiben?
Das hat eigentlich zwei Gründe: Zum einen habe ich mich schon als Kind sehr für „Indianer", wie wir die „First Nations" früher genannt haben, interessiert. Damals las ich die Bücher von Liselotte Welskopf-Henrich, die historisch genau und in einer literarisch anspruchsvollen Weise Abenteuerromane über die Native Americans verfasste. Die Geschichte der nordamerikanischen Ureinwohner ist für mich auch immer ein Thema geblieben und ich hatte schon lange vor, irgendwann mal eine spannende Abenteuergeschichte über sie zu schreiben. Zum anderen beschäftige ich mich schon seit mittlerweile über zehn Jahren mit der Thematik der „Umerziehung" – wer meine bisherigen Bücher „Weggesperrt", „Abgehauen" und „Schuld" kennt, weiß, dass ich darüber auch schon in Zusammenhang mit den Jugendwerkhöfen und Jugendhäusern in der DDR geschrieben habe. Bei den Recherchen dazu bin ich dann darauf gestoßen, dass es Vergleichbares auch in anderen Ländern gab. Und da mich Indianer wie gesagt schon immer fasziniert haben, kam mir dieses Thema sozusagen „entgegengesprungen".

Sie beschreiben in Ihrem Buch sehr detailliert das Leben der „Cree“ und die Umerziehungsinternate in Kanada – haben Sie viel dafür recherchieren müssen?
Ich habe tatsächlich sehr viele Berichte von Betroffenen gelesen. Es gibt viele Informationen dazu im Internet, natürlich alle auf Englisch, da die Webseiten dazu in Kanada erstellt werden. Das hat damit zu tun, dass die kanadische Regierung diese Thematik seit einigen Jahren aufarbeiten will. Es gibt auch eine „Kommission für Wahrheit und Versöhnung (Truth and Reconciliation Commission of Canada)" – die sind tatsächlich herumgezogen und haben ganz viele Interviews gemacht, die 2015 dann in einer sechsbändigen Buchausgabe veröffentlicht wurden. Ein paar davon findet man auch mit Video im Netz, die habe ich mir z.T. angeguckt, denn ich wollte natürlich möglichst authentisch bleiben.

Hatten Sie auch die Möglichkeit, nach Kanada zu reisen?
Leider nicht, das steht immer noch auf meinem Plan, da möchte ich auf jeden Fall irgendwann mal hin – aber jetzt extra zur Recherche war mir das nicht möglich. Ich habe das Buch in Rheinsberg geschrieben, als ich dort ein mehrmonatiges Stipendium als Stadtschreiberin hatte. Der Aufenthalt war für mich sehr hilfreich und die Gegend kann ich wirklich empfehlen, da gibt es sehr viele Seen, man hat quasi immer die Natur vor der Nase. Auch viele Vögel und Wildgänse leben dort – die gibt's ja auch in Kanada ... Aber die Wildgänse im Buch, die habe ich in Rheinsberg beobachtet und die haben mich dann beim Schreiben inspiriert.

„Weggesperrt“ und auch „Alice Littlebird“ erzählen ja beide davon, dass jemand, nur, weil er anders denkt, handelt oder lebt, gefangen gehalten wird – warum liegt Ihnen das Thema so am Herzen?
Ich habe begonnen, mich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen, als ich für „Weggesperrt“ recherchiert habe. Es war mir am Anfang noch gar nicht klar, dass der Jugendwerkhof Torgau das Thema sein würde. Aber als ich dann die Leute getroffen habe, die dort gewesen sind, hat sich das sofort geändert, insbesondere, als ich gemerkt habe, dass die Leute bis heute unter dem Erlebten leiden. Das ist bei diesen ehemaligen „Indianerkindern“, also bei den First Nations, genau das gleiche: Die haben auch posttraumatische Belastungsstörungen, viele kommen heute nicht klar in ihren Familien, sind Alkoholiker_innen oder nehmen Drogen. Die hatten vergleichbare Erlebnisse, wurden auch alle komplett von ihren Familien getrennt – das hat natürlich gravierende Auswirkungen, bis in die nächste Generation.
Damals, als ich zu Torgau recherchiert habe, gab es noch relativ wenig Informationen darüber und ich war auf die Gespräche mit den Zeitzeugen angewiesen. Dabei habe ich immer wieder gemerkt, dass sie erzählen wollen, damit ihre Geschichte in die Öffentlichkeit kommt. Das war für mich sehr gut, weil sie diese ganzen Erinnerungen noch sehr gut abrufen und beschreiben konnten, wie es z.B. in ihrer Zelle gerochen hat, wie es da aussah, welche Regeln es gab und wie der Erzieher mit ihnen geredet hat. All diese – leider sehr grausamen – Details konnte ich dann beim Schreiben wirklich gut verwenden.

Wie kommen Ihnen die Ideen zu den Charakteren, wie Terry Jumping Elk und seiner Schwester Alice in „Alice Littlebird“?
Das ist immer schwer zu sagen. Die Kinder, die in diese kanadischen Internate gesperrt wurden, waren sehr jung, teilweise kamen die schon dorthin, als sie gerade mal 2, 3 Jahre alt waren. Aber so ein ganz kleines Kind wollte ich nicht nehmen. Deswegen kommt Alice mit neun Jahren schon deutlich später rein, weil ihre Mutter ja versucht, sie so lange wie möglich zurückzuhalten, zu beschützen. Aber eine noch jüngere Protagonistin wäre für die Geschichte nicht gegangen. Ihr Bruder ist mit elf Jahren schon älter, er ist schon länger in dieser „Residential School“. Ich musste bezüglich des Alters wirklich darauf achten, wie alt die Kinder damals wirklich waren, und was gut für die Geschichte passte. Alice ist ja ein sehr sensibles, aber auch sehr mutiges Mädchen, das Fantasie hat und sich zu helfen weiß. Terry ist dagegen ein bisschen rebellischer, wahrscheinlich auch durch seine Zeit dort geworden, und will eigentlich seine Schwester vor dem beschützen, was er selbst schon erlebt hat. Für mich waren die beiden Charaktere dann auch naheliegend, so, wie sie jetzt sind: Terry zum Beispiel will ja nur da weg, nur nach Hause – es sind ja auch tatsächlich viele abgehauen, aber das ist nicht immer gut ausgegangen…  Leider gab es auch jede Menge Todesfälle, durch irgendwelche Krankheiten aber auch durch erfolglose Fluchtversuche und durch Suizide. Das ist auch noch nicht alles aufgearbeitet – bis jetzt sind erst über 3000 dieser Fälle aufgearbeitet. Ihre Geschichten wurden teilweise veröffentlicht und man kann über diese Thematik viel recherchieren, was wahrscheinlich auch für die Angehörigen wichtig ist.

Wenn Sie eine Idee zu einem Roman haben, wie schreiben Sie die dann auf? Haben Sie ein Notizheft, in das Sie dann hineinschreiben, oder nutzen Sie Ihr Handy dafür?
Mit dem Handy arbeite ich da gar nicht. Meistens entwickelt sich die Geschichte erst mal in meinem Kopf und dann fange ich an, Ideen auf Zetteln zu notieren. Dann schreibe ich einen Anfang auf, sodass ich ein Gefühl für die Geschichte bekomme. Danach beginne ich, ein Exposé zu schreiben. Wobei ich mich dann später zwar nicht immer an den im Exposé geschriebenen Handlungsablauf halte, weil die Geschichte beim Schreiben einen eigenen Fluss entwickelt und die Figuren manchmal auch Sachen machen, die man nicht geplant hat und plötzlich auf dem Papier leben. Aber es ist schon wichtig, ein Exposé zu haben, damit man so ungefähr weiß, wo die Geschichte hinführt.

Sie haben auf Ihrer Website geschrieben, dass sich bei Ihnen dann eine Art „kreative Wut“ entwickelt, wenn Menschen- oder Kinderrechte verletzt werden. Wie zeigt die sich bei Ihnen?
Normalerweise recherchiere ich erst mal vielleicht ein halbes Jahr und überlege mir dann die Geschichte. Bei „Weggesperrt“ zum Beispiel war das anders, weil ich mich mit vielen Betroffenen getroffen habe und Gespräche mit ihnen geführt habe. Am nächsten Tag habe ich mich dann gleich hingesetzt und geschrieben. Das ist das, was ich mit „kreativer Wut“ meine. Es nützt ja nichts, nur wütend zu sein über das, was passiert ist, man kann die Vergangenheit ja nicht ändern. Aber man kann dieses Wutgefühl für etwas Positives nutzen, zum Beispiel um das Gehörte zu verarbeiten, aufzuarbeiten, es aufzuschreiben, damit es nicht wieder passiert.

Wie sieht bei Ihnen so ein Schreibtag aus? Haben Sie bestimmte Tageszeiten, zu denen Sie schreiben?
Meistens fange ich ab neun, manchmal ab zehn Uhr an und sitze dann am Schreibtisch. Ich schreibe eher langsam. Je nach Tagesverfassung läuft es dann an manchen Tagen sehr gut und ich schaffe auch eine Menge, an anderen Tagen sitze ich an einem Satz und es geht nicht vorwärts. Dann mache ich dann meistens etwas Anderes: Entweder recherchiere ich weiter oder überarbeite das, was ich bereits geschrieben habe. Oder manchmal gehe ich dann auch einfach raus – das ist sehr unterschiedlich.

Wenn Sie einen Roman schreiben, wie viele Fassungen brauchen Sie, bevor das Buch dann in den Druck gehen kann?
Bevor ich weiterschreibe, bearbeite ich erst mal das, was am Tag davor entstanden ist. Dann schreibe ich weiter und überarbeite weiter, bis das Manuskript fertig ist. Dann lese ich mir das alles wieder durch und überarbeite das auch noch mal. Wenn ich damit dann fertig bin, geht diese erste Fassung ins Lektorat und die Lektor_innen gucken sich das ganz genau an. Zunächst erhalte ich dann ein Groblektorat, da wird gesagt, dass eine Figur vielleicht noch nicht ganz rund ist und es an einer Stelle zu lang ist, während an der anderen noch etwas fehlt. Das ändere ich dann entsprechend – nicht immer, aber meistens. Und schließlich kommt das Feinlektorat, da geht es dann um jeden Satz, da ist die Sprache dann das Thema.

Ursprünglich wollten Sie auch an der Filmhochschule studieren, aber leider hat das ja in der DDR damals nicht geklappt. Film ist dennoch ein wichtiges Thema für Sie geblieben. Wenn Sie sich entscheiden könnten – welches Ihrer Bücher würden Sie am liebsten verfilmen?
Das ist schwer zu beantworten, aber ich denke, das wäre „Weggesperrt“, weil das schon sehr viele Leute gelesen haben. Es gibt tatsächlich auch Interesse, dieses Buch zu verfilmen! Das steht aber noch nicht fest, so etwas dauert immer sehr lange – gerade bei so einem relativ schwierigen Stoff.
Ich könnte mir aber auch gut „Alice Littlebird“ als Film vorstellen. Ich glaube, meine Bücher sind alle irgendwie filmisch. Das kommt sicher auch daher, dass ich viele Filme gucke und mich gern von der Dramaturgie beeinflussen lasse.

Ihre Bücher haben ja oft etwas mit unrechter Behandlung oder mit Missständen in der Gesellschaft zu tun. Widmen Sie sich in Ihrem nächsten Buch auch wieder einem politischen Thema?
Ich arbeite gerade an einem neuen Jugendroman, in dem es auch noch mal um die DDR geht. Es handelt von einem 16-Jährigen Jungen, der von der Staatssicherheit angeworben wird. Dieser Junge hat eine besondere Vorgeschichte, die auch in einem Durchgangsheim beginnt, das es tatsächlich in Bad Freienwalde gegeben hat. Das war so ähnlich wie Torgau, auch ein Gefängnis. Dieser Junge kommt zu seinem Vater und die Stasi will, dass er seinen Vater und weitere Leute bespitzelt. Im Grunde genommen ist es also auch ein politischer Jugendroman, der in der DDR spielt. Im Moment ist die Literaturbranche wegen Corona ja etwas durcheinander, teilweise werden ja die Erscheinungstermine von Büchern verschoben. Aber eigentlich soll das neue Buch im Oktober erscheinen.

Vielen Dank für das Gespräch!
Ich danke auch!

Über das Buch

Als Alice Littlebird, ein Mädchen aus dem Volk der Cree, von ihrer Familie getrennt wird und in die Black Lake Residential School kommt, verliert sie alles. Die Nonnen nehmen ihre Kleider weg und scheren ihr das Haar. Sie darf ihre Sprache nicht sprechen und muss mit Worten, die sie nicht versteht, zu einem Gott beten, den sie nicht kennt. Selbst den Namen nimmt man ihr: Alice Littlebird ist Nr. 47 und nur eines der Kinder, die sich abends in den Schlaf weinen. Ganz leise, denn Weinen ist verboten. Nicht einmal ihren Bruder Terry, der im Jungentrakt der Schule lebt, darf Alice sehen. Doch damit will sie sich nicht abfinden! Als sie in der rebellischen Shirley und der Köchin Elli zwei Vertraute findet, gelingt es ihr, Terry zu treffen und der hat längst einen Plan ausgeheckt: Er und Alice Littlebird werden fliehen!
Atemberaubend spannend erzählt Grit Poppe von einer riskanten Flucht. Alice und Terry sind erfunden, doch die Residential Schools zur Umerziehung der Kinder von Ureinwohnern Kanadas waren allzu lange traurige Realität. Mit einem Nachwort der Autorin.

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Autorin / Autor: Annika - Stand: Interview mit Grit Poppe am 04.04.2020