Höflich - aber ohne "bitte"
Sprachwissenschaftler:innen der Freien Universität Berlin und Universität Bielefeld zeigen Unterschiede in der höflichen Alltagskommunikation
Viele kennen es schon aus der Kindheit: Wenn man etwas haben möchte, sagt man wie? Genau, das kleine Wörtchen "bitte" und natürlich „danke“, wenn man es auch bekommen hat. Aber ist das immer noch so? Neue Daten des Forschungsprojekts „Variantenpragmatik des Deutschen“ belegen: Höflichkeit in der Alltagssprache ist vielfältiger. Neben „bitte“, „danke“ und der Anrede mit „Sie“ können auch Wörter wie „vielleicht“ oder „eventuell“ die Verbindlichkeit einer Bitte abmildern. „Kannst du mir das vielleicht erklären?“ kann deshalb höflich sein, auch wenn „bitte“ und „Sie“ fehlen.
Das Forschungsprojekt „Variantenpragmatik des Deutschen“ (VariPrag) untersucht solche kommunikativen Muster. An der Freien Universität Berlin und der Universität Bielefeld analysiert das Team unter anderem, wie Menschen Bitten formulieren und welche Rolle Alter und Region dabei spielen.
Alter und Region prägen Höflichkeitsmuster
„Unsere Daten zeigen deutlich: Jüngere Menschen duzen häufiger als ältere. Die Wahl der Anrede hängt aber nicht nur vom eigenen Alter ab, sondern auch davon, wie alt unser Gegenüber ist," erlätuert Janel Zoske, Linguistin an der Freien Universität Berlin. Dass das Alter der Gesprächspartner:innen die Wahl zwischen „du“ und „Sie“ beeinflusst, überrascht kaum. Auffälliger sind die Altersunterschiede bei anderen sprachlichen Mitteln: So verwenden 30-Jährige „bitte“ in weniger als einem Viertel der untersuchten Bitten, 70-Jährige dagegen fast doppelt so häufig. Trotzdem verzichten Jüngere nicht auf Mittel zur Abmilderung. Sie nutzen etwa häufiger „vielleicht“.
Auch regional gibt es Unterschiede. In der Schweiz ist es sehr verbreitet, Personen bei der Begrüßung namentlich anzusprechen („Hoi Julia!“). In Deutschland und Österreich kommt das seltener vor. Daraus folgt nicht, dass Schweizer:innen höflicher oder unhöflicher sind. Das Projekt "VariPrag" beschreibt Sprache nur und bewertet sie nicht.
Die Wissenschaftler:innen im Projekt arbeiteten hauptsächlich mit Online-Fragebögen. Die Teilnehmenden erhielten alltagsnahe Situationen und sollten angeben, wie sie sich äußern würden. So konnten vergleichbare Daten von Sprecher:innen unterschiedlichen Alters aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erhoben werden.
Untersucht wurden verschiedene sprachliche Mittel, darunter „bitte“, „Sie“ und „vielleicht“. Die Antworten wurden statistisch nach Faktoren wie Alter und Region ausgewertet.
„Unsere Daten zeigen, welche sprachlichen Muster Sprecher:innen verwenden. Ob eine Bitte höflich wirkt, können wir daraus aber nicht ableiten. Das hängt vor allem davon ab, wie die Angesprochenen sie wahrnehmen“, erklärt Henrik Discher, Linguist an der Freien Universität Berlin
Eine Podiumsdiskussion im Rahmen der „Berlin Science Week“ am 4. November 2026 nimmt die Forschung zum Anlass, Höflichkeit in Berlin und darüber hinaus zu hinterfragen.
Wie gefällt dir der Artikel?
Autorin / Autor: Pressemitteilung / Redaktion; Bild: LizzyNet