Hello Girls

Autorin: Emily Henry, Brittany Cavallaro

„Und wenn die Welt Lucille und Winona nicht als das sehen konnte, was sie wirklich waren, würden sie eben dafür bezahlen. In Cash.“ (S. 130)

‚Hello Girls‘ (2026; dragonfly) von Emily Henry und Brittany Cavallaro ist ein Coming-of-Age-Roman, der die Geschichte zweier junger Frauen auf der Suche nach einer selbstbestimmten Zukunft erzählt. Und ein Roman, der uns bis zu seiner Übersetzung fast zehn Jahre vorenthalten worden ist (mein einziger Kritikpunkt).

Winona wächst in einem goldenen Käfig auf. In so einem, in dem ihr kontrollwütiger Vater die Tür zur Speisekammer abschließt und ihr Blessuren zufügt, wo sie niemand sehen kann. Lucilles Käfig hingegen versucht den Schein nach außen hin nicht zu wahren: überforderte Mutter, drogendealender Bruder, Überstunden im Diner. Zukunftsaussichten - Fehlanzeige. Als Winona und Lucille einander vor der Polizeiwache begegnen, ist das der Beginn einer unerschütterlichen Freundschaft - und ihrer Flucht aus Kingsville. Im Gepäck: ein gestohlener Alfa Romeo, Diebesgut und die Hoffnung darauf, dass irgendwo da draußen ein besseres Leben auf sie wartet.

Erst Google hat mich zu der Erkenntnis gebracht, dass Hello Girls weibliche Telefonistinnen im US Army Signal Corps im Ersten Weltkrieg gedient haben (benannt danach, wie sie Anrufe entgegengenommen haben). Sie haben in direktem Kontakt mit Fronttruppen gestanden und Infanterieangriffe und Artilleriebeschuss koordiniert. Ihr Wirken hat dabei nicht nur den Weg für zukünftige Soldatinnen geebnet, sondern auch dazu beigetragen, dass Frauen in den USA das Wahlrecht erlangten. Meiner Vermutung nach sind es diese Selbstbestimmung und die notwendige Toughness, die den Term erst zum Titel des Romans gemacht haben. Ansonsten: Regelmäßig fällt die Begrüßung “Hello, Girls”, und vielleicht reicht auch das für einen angemessenen Titel.

Ich habe schon lange nichts mehr gelesen, was mich sprachlich wie inhaltlich derart abgeholt hat. Die Handlung bleibt bis zuletzt spannend, die Bedrohungen real und präsent, ohne dass die Mädchen sich übermächtig anfühlen. Selbst wenn Aspekte des Roadtrips wiederkehrend sind (Motels, Restaurants, Raststätten), finde ich den Plot großteils nicht vorhersehbar - eher im Gegenteil, die Mädchen legen immer noch eine Schippe Wahnsinn obendrauf. Das Ende gefällt mir persönlich sehr gut, gerade weil es ungewiss ist - und, ganz ehrlich, was ist nach diesem Höllentrip schon gewiss? Winonas und Lucilles Reise ist brutal, sie ist roh, nervenaufreibend und vor allem nahbar. Manchmal hätte ich mir gewünscht, die beiden seien mehr als nur Freundinnen, zumal es da hin und wieder Andeutungen gibt, aber rückblickend hätte ich eine Liebesgeschichte eher als störend empfunden. Geht manchmal auch ohne. Die Sprache zeichnet sich durch Authentizität sowie gelungene und noch nicht ausgelutschte Vergleichsbilder aus. Dreihundertdreiunddreißig Seiten, in denen ich mich einfach nur wälzen möchte.

Auch die Covergestaltung gefällt mir außerordentlich gut. Winona und Lucille sind gut zu erkennen, Farbgestaltung und Artstyle finde ich klasse und erst nach dem Lesen habe ich geschnallt, dass das keine random T-Shirt-Motive sind, sondern sich darin ein weiteres Bild verbirgt. Es ist eines der wenigen Cover, bei denen mir die deutsche Version besser gefällt als das US-amerikanische Original.

Insgesamt war der Roman für mich ein Jahreshighlight und ein Pageturner, und am liebsten würde ich jeder und jedem diesen Schatz präsentieren wie mein Hund damals seinen Tennisball. Wer eine Roadnovel mit starken weiblichen Hauptfiguren und ohne starke Männer (TM) lesen möchte, der sollte jetzt die nächste Buchhandlung stürmen. Vielleicht aber ohne Skimaske oder Spielzeugwaffen. Winona und Lucille sind nicht zur Nachahmung empfohlen.

Erschienen bei dragonfly

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Autorin / Autor: Leonie - Stand: 27. Oktober 2026