Autsch, Handydaumen!

Gegen Überlastungsschmerzen empfehlen Orthopäd_innen und Unfallchirurg_innen: Beide Daumen benutzen, langsamer tippen und ab und zu mal Pause machen.

Häufiges Tippen auf dem Smartphone kann zu einem schmerzhaften Handydaumen führen. Um das zu vermeiden, empfehlen Orthopäd_innen und Unfallchirurg_innen beide Daumen beim Tippen zu verwenden. „Für die meisten ist das Handy nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Immer wieder führt das viele Schreiben von Nachrichten zu schmerzhaften Entzündungen der Sehnen am Daumen. Die Beachtung einiger Regeln beugt chronischem Schmerz vor“, sagte Prof. Dr. Andreas Halder, stellvertretender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) sowie Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für Operative Orthopädie der Sana Kliniken Sommerfeld anlässlich des Tags der Hand am 1. März.

Daumen ist nicht für Abspreizbewegung gemacht
Knapp vier Stunden beträgt die durchschnittliche tägliche Handyzeit aller Nutzer_innen in Deutschland. Der Daumen fliegt dabei pausenlos auf dem Display hin und her. Dass die Hand das mitmacht, erscheint uns selbstverständlich. Der Daumen ist jedoch von der Natur dafür gemacht, das Zugreifen der Hand zu unterstützen und das Umschließen zu ermöglichen. „Eine kräftige Beugung des Daumens ist dabei natürlich, eine Streck- oder Abspreizbewegung wie bei der Handy-Nutzung auf Dauer jedoch nicht“, sagt Halder. Der Zusammenhang zwischen dem Vieltexten auf dem Mobiltelefon und Entzündungen der Sehnenscheiden des langen Daumenstreckers und -spreizers ist wissenschaftlich belegt. So ist das Entzündungsrisiko bei intensiver Nutzung fast siebenfach erhöht. Wird der Daumen dann nicht geschont, wird der Schmerz chronisch und dehnt sich auf Greifbewegungen mit der ganzen Hand aus. Selbst das Auf- und Zuknöpfen von Kleidung kann dann Probleme bereiten.

5 Tipps zur Vermeidung eines Handydaumens:

1)    besser beide Daumen als nur einen verwenden, um die Belastung zu mindern
2)    bei langer Smartphone-Nutzung Pausen und Dehnübungen einbauen
3)    ab und an im Stehen tippen, denn das ist für den Daumen weniger anstrengend als im Sitzen
4)    zur Abwechslung Sprachnachrichten schicken, statt zu schreiben
5)    beim Schreiben im Sitzen möglichst den Unterarm auflegen

Was passiert aus orthopädischer Sicht genau, wenn es zu einem Handydaumen kommt? Generell gilt: Je schneller wir tippen, desto eher überlasten wir die Gelenke und Sehnen. Benutzen wir nur eine Hand, muss sich der Daumen oft quer über das ganze Display strecken, um Buchstaben und Zahlen zu erreichen. Je größer das Display, desto anstrengender wird es für den Daumen. Deshalb haben es Menschen mit kleinen Händen schwerer. Sie müssen das Handy häufiger kippen und zeigen beim Tippen mehr Muskelaktivität im Daumenstrecker. Sind die Tasten auf dem Display zudem klein, muss der Daumen steiler gehalten werden. Das heißt, er muss mehr gebeugt werden, um genau zu treffen, was wiederum die Daumenbeuger stärker beansprucht. Interessanterweise ist das Tippen im Stehen für den Daumen weniger anstrengend als im Sitzen, wahrscheinlich weil das Handgelenk mehr Bewegungsfreiheit hat. Im Sitzen wird das Tippen für den Daumen erst leichter, wenn der Unterarm aufliegen kann. Jugendliche halten das Handy lockerer in der Hand als Ältere und erlauben so mehr Bewegungsspiel in den Daumengelenken.

Doch wie macht sich ein Handydaumen bemerkbar?
„Eine Überbelastung durch zu häufiges Strecken und Abspreizen des Daumens verursacht Schmerzen auf der Daumenseite des Handgelenks. Diese entstehen durch eine Sehnenscheidenentzündung und sind vor allem bei der Tippbewegung des Daumens spürbar“, sagt Dr. Thomas Brockamp aus der Sektion Prävention der DGOU, er ist Handchirurg in Münster. Ein einfacher Selbsttest, der sogenannte Finkelstein-Test, gibt einen Hinweis: Typischerweise wird der Schmerz verstärkt, wenn man den Daumen in die Handfläche legt und die Hand in Richtung Kleinfinger beugt.

Was tun, wenn es weh tut?
Doch was tun, wenn es zu Schmerzen im Daumen kommt? „Die gute Nachricht ist, dass in den allermeisten Fällen keine Operation nötig ist. Der Arzt kann Physiotherapie verordnen, ein Schmerzmittel oder eine Kortisoninjektion geben“, sagt Brockamp. Oftmals reicht es aber schon aus, das eigene Verhalten am Handy zu ändern, was aber gerade für intensive Handynutzer_innen nicht leicht ist. Die wichtigste Maßnahme ist die Schonung des Daumens und der Hand, indem die Handynutzung reduziert wird. Pausen zwischendurch sind daher ebenso wichtig wie bewusst die Tippgeschwindigkeit zu verringern. Dabei sollten besser beide Daumen als nur einer verwendet werden, um die Belastung des einzelnen zu mindern. Schließlich kann es helfen, den Daumen und das Handgelenk zu dehnen, um die Sehnen zu lockern.

Hintergrund
Mehr als 62 Millionen Handys gibt es in Deutschland und fast 98 Prozent der Haushalte besitzen eins. Und die Nutzung fängt früh an: 94,2 Prozent der 14- bis 19-jährigen Jugendlichen haben bereits ein Smartphone, bei Erwachsenen sind es sogar mehr. Schon vor der Corona-Pandemie nutzten deutsche Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren das Handy im Schnitt knapp 36 Stunden pro Woche. Die durchschnittliche tägliche Handyzeit aller Nutzer liegt bei 229 Minuten, also knapp vier Stunden.

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Autorin / Autor: Pressemitteilung - Stand: 1. April 2022