Geliebte Anstrengung

Warum uns komplexe Denk-Aufgaben mehr Spaß machen als wir glauben, untersuchte ein Team von Wissenschaftler_innen

Viele Fähigkeiten wie Lesen, ein Musikinstrument spielen oder das Programmieren komplexer Software verlangen uns oft tausende Stunden des Übens ab. Warum nehmen Menschen diese Anstrengung in Kauf? Oder macht es nicht doch sogar Spaß, das Gehirn so auf Trab zu halten? Vorherrschende wissenschaftliche Theorien vertreten die Meinung, dass wir kognitive Anstrengung als unangenehm erleben und Menschen versuchen, wann immer möglich diese zu vermeiden. Allerdings gibt es im Alltag viele Situationen, in denen sich Menschen scheinbar freiwillig anstrengen, selbst wenn es keine offensichtliche äußere Belohnung dafür gibt. So macht es vielen Spaß, Sudokus zu lösen, Studierende werden oft durch anspruchsvolle intellektuelle Aufgaben motiviert und Amateurpianist_innen können sich stundenlang um Perfektion bemühen, ohne dass sie, von außen betrachtet, dafür belohnt werden. Das brachte einige Wissenschafter_innen in jüngster Zeit dazu, kritisch zu hinterfragen, ob kognitive Anstrengung wirklich immer etwas Negatives ist. Sie argumentieren stattdessen, dass herausfordernde Denkleistungen unter bestimmten Umständen als lohnend und wertvoll erlebt werden. Allerdings fehlten dazu bislang Studien.

Forschende der Universität Wien und der Technischen Universität Dresden untersuchten jetzt erstmals unter kontrollierten Bedingungen, ob Menschen, die erfahren hatten, dass sich Anstrengung lohnt (d.h. die in einer kognitiven Aufgabe für ihre Anstrengungsbereitschaft belohnt wurden), auch bei anderen neuen Aufgaben bereit sind, sich stärker anzustrengen und von sich aus schwierigere Aufgaben wählen als Personen einer Vergleichsgruppe – selbst wenn sie wussten, dass sie dabei keine weitere Belohnung erhalten werden.

Schon nach einmaliger Belohnung steigt die Bereitschaft zur Anstrengung

Im einem ersten Experiment mit 121 Testpersonen erhoben die beiden Erstautor_innen Georgia Clay und Christopher Mlynski mit Hilfe von Messungen der Aktivität des Herzens, wie sehr sich jemand bei verschiedenen Denk-Aufgaben in einer Trainingsphase anstrengt. Die Belohnung wurde dabei direkt durch die Anstrengung bestimmt: Wenn sich eine Person bei schwierigen Aufgaben mehr angestrengt hatte, erhielt sie eine höhere Belohnung als bei einfachen, weniger anstrengenden  Aufgaben. In der Vergleichsgruppe wurde die Belohnung zufällig zugeteilt und war unabhängig davon, wie sehr sich jemand angestrengt hatte. Beide Gruppen erhielten gleich viel Belohnung, aber nur die eine wurde gezielt für die Anstrengung belohnt, die anderen nicht. Danach bearbeiteten alle Testpersonen Mathematikaufgaben, bei denen sie selbst auswählen konnten, wie schwierig die zu lösenden Aufgaben waren. Das Ergebnis: Diejenigen, die zuvor für ihre Anstrengung belohnt worden waren, wählten im Anschuss schwierigere Aufgaben als Personen der Vergleichsgruppe, obwohl sie wussten, dass sie keine externe Belohnung mehr erhalten würden, erklärt Veronika Job von der Fakultät für Psychologie der Universität Wien.

Die selbstbelohnende Leistung

Um zu untersuchen, ob sich diese Effekte verallgemeinern lassen, wurden fünf weitere Experimente mit insgesamt 1.457 Testpersonen online durchgeführt. Die Experimentalgruppe bekam für schwierige Aufgaben eine höhere Belohnung als für leichte Aufgaben, unabhängig davon, wie gut sie die Aufgaben gelöst hatten. Die Belohnung hing also wieder von der notwendigen kognitiven Anstrengung und nicht von der Leistung der Teilnehmenden ab. Und auch hierbei zeigte sich, dass eine Belohnung allein für die Anstregung dazu führte, dass die Personen in einer nachfolgenden Testphase wieder die schwierigeren Aufgaben bevorzugten.

Laut den Forscher_innen stellen die Ergebnisse die weit verbreitete Auffassung in aktuellen Theorien der Kognitiven Psychologie und der Neurowissenschaften in Frage, dass Anstrengung stets als unangenehm und kostspielig erlebt wird. "Dass Menschen den Weg des geringsten Widerstands gehen möchten, ist also möglicherweise keine universelle Eigenschaft menschlicher Motivation", so Thomas Goschke, Professor für Allgemeine Psychologie an der TU Dresden. Die Neigung, anspruchsvolle Aufgaben zu vermeiden, könnte vielmehr das Ergebnis individueller Lerngeschichten sein, die sich je nach Belohnungsmuster unterscheiden: wurde vor allem die Leistung oder aber die Anstrengung belohnt, so der Forscher.

Die Studie ist aktuell in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Science (PNAS) erschienen.

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilungen - Stand: 4. Februar 2022