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Gegen die Wegwerf-Mentalität

Hanna Charlotte Erhorn und Constanze Klotz sind Gründerinnen des Designlabels Bridge&Tunnel, bei dem Design, Nachhaltigkeit und soziales Engagement Hand in Hand gehen. Heraus kommen lokal und fair produzierte Unikate aus ausgemusterten Jeans.

Hanna Charlotte Erhorn und Constanze Klotz (Foto: Bridge&Tunnel)

Frau Klotz, Sie sind ja von Beruf her Kulturwissenschaftlerin, jetzt haben Sie ein Modelabel. Wie ist es denn dazu gekommen?

Vor Bridge&Tunnel habe ich (Constanze) lange in der Hamburger Stadtplanung gearbeitet. In meinem alten Job bei der IBA Hamburg (Internationale Bauaustellung Hamburg) war ich als Kulturwissenschaftlerin insbesondere für die Kunst- und Kulturprojekte zuständig, u.a. stammt das Stoffdeck, das ist unsere Gemeinschaftswerkstatt für Mode- und Textildesigner, in dem auch unser Label Bridge&Tunnel produziert, mit aus meiner Feder. 

Mit dem Stoffdeck wollten wir einen Ort in Wilhelmsburg schaffen, der sowohl für Hobby-Kreative als auch für professionelle Designer interessant ist, etwa über spannende Workshopangebote oder die Möglichkeit, sich stunden-, tage- oder wochenweise an professionellen Industrienähmaschinen oder einer Siebdruckanlage unkompliziert einzumieten. Die IBA hat diese Idee damals mit einer Anschubfinanzierung unterstützt und Passage, das ist der Träger, den wir damals für das Vorhaben gefunden haben, hat einen Fuhrpark an Nähmaschinen aus einem Projekt, das kurz zuvor schließen musste, mitgebracht. Und auf einmal ging alles ganz schnell: Die Idee für das Stoffdeck hatten wir Anfang 2013, Pre-Opening haben wir dann schon 2 Monate später gefeiert.

Gleichzeitig war auch schnell klar, dass ich als Kulturwissenschaftlerin – und dazu noch eine, die noch nicht mal nähen kann – unmöglich eine Werkstatt für Mode und Textil allein leiten kann. Wir haben also jemand gesucht, der sich um den operativen Betrieb kümmert. Lotte, die ja Textildesignerin ist, und ich kannten uns noch aus einem früheren Leben, also eher von Party&Co… Ich habe unser Stellengesuch dann auf Facebook geteilt und es kam original drei Minuten später eine Nachricht von Lotte „Liebe Conny, du suchst mich!“ Und so kam Lotte mit an Board.

2015 kam dann die Idee zu Bridge&Tunnel dazu bzw. direkt zu uns. Als wir irgendwann mitbekamen, dass sich ein deutsch-türkischer Nähclub mit ihren Haushaltsnähmaschinen in einer Wilhelmsburger Moschee zum Nähen trifft, haben wir sie eingeladen, ihren Nähtreff bei uns im Stoffdeck zu machen. Und standen dann fassungslos daneben… Denn wir konnten live mit ansehen, was für Zauberhände viele der Frauen haben, obwohl fast alle noch nie in einem richtigen Job waren. Das war wie ein Urknall. Uns war schlagartig klar: wir müssen diese beiden Welten vernähen. Und seitdem bringen wir professionelles Design und Menschen aus dem Stadtteil mit flinken Händen zusammen.

In unserem Kernproduktionsteam arbeiten aktuell 4 (zuvor langzeitarbeitlose) Näherinnen und Näher, die gebürtig aus Indien, der Türkei und Afghanistan kommen. Angeleitet werden sie von 2 Frauen, die ausgebildete Schneiderinnen oder Bekleidungstechnikerinnen sind. Dazu werden sie von wechselnden Praktikanten mit Fluchtgeschichte unterstützt, die erst vor kurzer Zeit nach Deutschland gekommen sind.

We design society ist das Credo Ihres Unternehmens? Können Sie das erklären?

„We design society“ ist der politische Auftrag, der uns antreibt und unsere Arbeit leitet. Wir möchten mithilfe von Design Gesellschaft verändern. In unserem Fall wunderschöne Produkte aus den Bereichen Accessoires, Interior und Fashion, die ästhetisch neben konventionellen Designprodukten voll und ganz bestehen können, zugleich aber mehr sind als nur ein weiterer Pulli, eine weitere Handtasche etc. Mit Bridge&Tunnel erwirbt man vielmehr „Design Plus“.

Denn schließlich wollen wir - so der Name unseres Labels - im wahrsten Sinn des Wortes Brücken bauen. Dazu gehört für uns v.a. die Frage, wie Unternehmen Qualifikation anders denken können? Bei Bridge&Tunnel bekommen unentdeckte Talente, die viele Jahre arbeitslos waren und keine Ausbildung vorweisen können, die Chance, sich über Erwerbstätigkeit zu integrieren. Dabei zählt für uns nur die Leistung – und nicht die abgeschlossene Ausbildung, die kaum eine unserer Näher und Näherinnen aus einem anderen Kulturkreis vorweisen kann.
 
Um ein Zeichen gegen die an vielen Orten vorherrschenden menschenunwürdigen Produktionsbedingungen der Fashionindustrie zu schaffen, haben wir unsere eigene Produktion vor Ort aufgebaut. Wir zahlen unserem Team tarifliche Löhne, da wir finden, dass textile Arbeit einfach mehr gewertschätzt werden sollte.

Dabei merken wir jeden Tag aufs Neue, was es für die Frauen und Männer in unserem Team bedeutet, endlich einen eigenen Job zu haben und etwas zum Lebensunterhalt ihrer Familien beizusteuern. Denn wer arbeitet, lernt Menschen kennen. Und wer arbeitet, fühlt sich gebraucht. Die Wertschätzung, die unsere Mitarbeiter durch ihre Arbeit bekommen, erfahren vielen von ihnen das erste Mal in ihrem Leben. Das bewegt uns immer wieder sehr.

Wenn man sich als grünes, soziales, nachhaltiges Unternehmen oder Upcycling-Unternehmen präsentiert, muss man sich ganz besonders kritisch auf die Finger schauen lassen und immer wieder Fragen beantworten und sich rechtfertigen, ob das denn auch wirklich sooo „nachhaltig, fair, sozial und umweltverträglich“ ist. Ärgert Sie das manchmal?

Dafür haben wir zum Glück viel zu viel um die Ohren. Unsere Energie fließt hauptsächlich in unsere Arbeit, hinter der wir voll und ganz stehen. Kritiker gibt es in allen Phasen des Lebens, wir haben bislang aber in der Überzahl Menschen kennengelernt, die unser Engagement sehr zu schätzen wissen. Zumal es ja sowieso nicht darum gehen sollte, DAS nachhaltige, faire und soziale Unternehmen in Perfektion zu schaffen, sondern dass wir alles in unserer Macht stehende dafür tun, uns dem anzunähern. Und dabei unterstützten uns vor allem die Menschen, die das Gute in unserem Projekt sehen. Das hat bereits Erich Kästner erkannt: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

Gibt es denn Zertifizierungen oder Labels, die den Kund_innen verlässlich anzeigen, dass ein Unternehmen wirklich lokal, fair und ökologisch verträglich arbeitet? Wäre zum Beispiel so was wie ein „Upcycling-Zertifikat“ sinnvoll?

Der Zertifikats-Dschungel wird nicht umsonst als solcher beschrieben. Mittlerweile gibt es so viele Zertifikate, dass der Endverbraucher doch kaum noch durchsteigt. Insofern halten wir auch ein Upcycling-Zertifikat nicht für zielführend. Denn das Problem mit den meisten Zertifikaten ist, dass man hauptsächlich das ursprüngliche Ausgangsmaterial bewertet und wir aufgrund der zahlreichen Quellen unserer Reststoffe kein umfangreiches Wissen darüber vorweisen können.

Was bei einem „Upcycling-Zertifikat“ als Bewertungskriterium höchstens betrachtet werden könnte, ist das, was mit dem Material noch geschieht, d.h. welche zusätzlichen Materialien verarbeitet werden, wie ökologisch korrekt und nachhaltig sie sind usw.  Die Bewertung und Vereinheitlichungen dieser Richtlinien sind jedoch unserer Meinung nach schwer umsetzbar.

Ihr Unternehmen verspricht nachhaltiges Design, in dem nicht nur ökologische, sondern auch soziale Prinzipien wie Integration und faire Bezahlung verwirklicht werden. Sind Sie überzeugt, dass Unternehmen auf lange Sicht ohne Spenden und Unterstützung nach diesen Kriterien arbeiten können und trotzdem ausreichend Geld verdienen?

Das Thema der nachhaltigen Mode und die Nachfrage nach ethisch korrekt produzierten Produkten wächst immer mehr. Und Kunden sind vermehrt interessiert an der Geschichte und Herkunft von Produkten, für die sie gerne mehr bezahlen. Deshalb sind wir überzeugt davon, dass definitiv ein Markt für Labels vorhanden ist, die sozial und unternehmerisch zugleich handeln möchten.

Gleichwohl darf man nicht übersehen, dass Sozialunternehmen im Durchschnitt 7 Jahre bis zum Break Even benötigen. Das bedeutet also etliche Jahre, in denen die Absatzzahlen allein nicht ausreichen, um die Kosten zu decken – die in der Regel eben der sozialen Komponente des Unternehmens „geschuldet“ sind. Dafür bedarf es dann einer klugen Fundraisingstrategie und starken Partnerschaften, die weniger an der wirtschaftlichen denn an einer Art sozialen Rendite – zumindest in den ersten Jahren - interessiert sind.

Gleichwohl glauben wir aber fest daran, dass sich unser Geschäftsmodell einmal selbst tragen wird, sonst hätten wir Bridge&Tunnel nicht als gGmbH, sondern als Verein aufgestellt.

Das Unternehmensporträt auf LizzyNet

Der Sweater DERYA kostet bei Ihnen 139,- Euro. Das finden viele zu teuer für ein recht schlichtes Kleidungsstück, noch dazu aus gebrauchten oder aus Produktionsabfällen angefallenen Stoffen. Bei den „großen Marken“ beschwert sich aber komischerweise niemand, wenn ein Pullover so viel kostet. Was glauben Sie – als Kommunikationsexpertin für Ihr Unternehmen – was sich ändern muss? In der Kommunikation? Der Gesellschaft? Bei den „großen Marken“? Aber auch bei den kleinen nachhaltigen Unternehmen?

Um ein Verständnis für die Wertigkeit von Kleidungsstücken herzustellen, muss sich auf vielen Ebenen ganz schön viel ändern.

Zunächst einmal braucht es aus unserer Sicht dafür ein Bewusstsein, dass fairfashion-Produkte nicht zu teuer, sondern herkömmliche Produkte schlichtweg zu günstig sind. Viele Konsumenten sind daran gewöhnt, dass z.B. bei großen Discountern wie H&M wöchentlich eine neue Kollektion in die Läden kommt, mit denen ein künstliches Interesse nach neuen ´must-haves´ kreiert wird. Diese Schnelllebigkeit von Design merkt man auch der Fülle an Kleiderspenden an, bei denen allein in Deutschland jedes Jahr riesige Mengen aufkommen. Indem wir vermeintliche zerschlissene Jeans wiederverwenden, möchten wir zeigen, dass kaputt nicht gleich kaputt bedeutet, sondern dass man die Billigproduktion in Fernost – die ja auch von „echten“ Menschen gemacht wird – auch wertschätzen sollte. Mit unseren Produkten erhalten die Jeans ein neues Leben und sind damit auch ein Statement gegen die Wegwerf-Mentalität.

Während einerseits der Konsument also mit jedem Kauf, den er tätigt, Macht hat, Dinge zu ändern, reicht das allein nicht aus. Es braucht dazu – man kann das sehr gut mit der staatlichen Subventionierung von erneuerbaren Energien und dem Effekt, den das ausgelöst hat, sehen – auch staatliche Regulierungen und Anreize.

In unserer Wunschvorstellung sollten herkömmlich gefertigte Produkte irgendwann mehr kosten als faire Produkte, wäre das nicht toll?

Sie sagen, soziale Unternehmen bräuchten etwas 7 Jahre, bis Sie auf eigenen Füßen stehen können. Wie übersteht man denn die Jahre bis dahin?

Unser Geschäftsmodell steht auf verschiedenen Füßen: Zuallererst verkaufen wir natürlich unsere Designprodukte. Dann setzen wir auf Unternehmenskooperationen. So haben wir mit dem Hamburger Wirtschaftsunternehmen Aurubis, die ebenfalls einen Fokus auf Recycling haben und mit dem wir eng zu dem Thema zusammen arbeiten, ein dreijähriges Sponsoring abgeschlossen. Da viele unserer Näherinnen aus der Langzeitarbeitslosigkeit kommen, profitieren wir außerdem noch von anteilig geförderten Arbeitsverhältnissen durch das Jobcenter. Das ist gerade für den Anfang, wo wir ja viel Zeit damit verbringen, unser Team zu professionalisieren, eine wahnsinnig tolle Unterstützung.

Zuletzt – und das ist wirklich sensationell – haben wir einen Privatinvestor gefunden (der nicht namentlich genannt werden möchte, sowas gibt es tatsächlich!), dessen Hilfe essentiell ist.


Wenn eine richtig große Handelskette einen Deal mit Ihnen abschließen wollen würde, was würden Sie sagen? Welche Grundsätze müssten für Sie unbedingt eingehalten werden?

Definitiv faire Arbeitsbedingungen und Löhne: Wir zahlen unserem Team tarifliche Löhne, schließlich sind sie es, die die Produkte fertigen und ohne deren Hilfe die Produkte nicht entstehen könnten. Da wir ein noch sehr junges Unternehmen mit kleinen Stückzahlen sind, bietet sich eine Produktion vor Ort mehr als an. Durch unsere eigene Produktion schaffen wir nicht nur kurze Wege, sondern auch Transparenz und eine face-to-face Kommunikation mit unserem Team. Auch Fehl- oder Überproduktionen können wir so perfekt vermeiden.

Entsprechend müsste es – im Falle einer Kooperation - auch für Großunternehmen bei ihren Produktionsstätten ein Anliegen sein, mit ihren Großaufträgen die Produktionsbedingungen in Fernost zu verbessern, nicht zu verschlechtern. Schließlich haben die westlichen Großkonzerne viel Macht.

Relevant sind für uns aber nicht nur die sozialen Rahmenbedingungen, sondern auch die ökologischen. Wir legen sehr viel Wert darauf, dass so wenig überschüssiges Material wie möglich bei der Produktion entsteht und alles verwertet wird. Auch das wäre ein wichtiges Kriterium für eine Kooperation.

Warum arbeiten Sie eigentlich so viel mit Jeans? Gibt es noch andere Materialien, mit denen Sie liebäugeln?

Für uns ist ein sorgsamer Umgang mit vorhandenen Ressourcen sehr entscheidend. Daher haben wir uns entschlossen, v.a. mit post-consumer waste, also Material, das schon einmal ein Leben hatte, und pre-consumer waste, das sind Verschnittreste und Überschüsse bei der Produktion, zu arbeiten.

Unser 1. Material ist Denim – und auch nach einem Jahr lieben wir es noch immer sehr! Nicht nur, weil die Ressourcen schier endlos sind. Wir sind immer wieder aufs Neue von der Vielfalt der zahlreichen Blautöne – 50 shades of blue - begeistert, die sich immer so toll und gleichzeitig immer anders miteinander kombinieren lassen. Während Denim (eine Baumwolle) in der Herstellung sehr schädlich ist, ist das Material gleichzeitig sehr robust und langlebig – da lohnt es sich total, der Herstellung eine weiterführende Verwendung/ Weiternutzung gegenüber zu stellen.

Momentan sind wir noch überwältigt von den zahllosen Möglichkeiten, die Denim als Material bietet. Da sind wir noch lange nicht am Ende unserer Inspiration – und bleiben deshalb noch ein wenig dabei! Seit kurzem bieten wir zum Beispiel die Option an, eigene alte Jeans einzuschicken, aus denen wir dann einen individualisierten Rucksack oder Weekender fertigen.

Zusätzlich erscheint aktuell unsere 2. Kollektion, welche aus wunderschönen alten Vorhangstoffen entsteht, die über 40 Jahre lang in einer Hamburger Schulaula von der Sonne gebleicht wurden. Erste Rucksackmodelle dazu sind bereits in unserem Onlineshop zu haben.

Freuen Sie sich über Jeansspenden? Oder haben Sie langsam die Lager voll?

Wir freuen uns immer über Spenden und sind dabei immer wieder aufs Neue überrascht, wie viel gut erhaltene Hosen in Kleiderschränken existieren. Die meisten werden nur entsorgt, da der Kleiderschrank überquillt und Platz für neue Kleidungsstücke benötigt wird. Da sind viele tolle Schätze dabei. Und Jeans ist nicht gleich Jeans. Gerade die Unebenheiten, Verfärbungen und Materialfehler können unsere Produkte mit dem gewissen Etwas schmücken.

Vor kurzem haben wir eine kleine Limited Black Edition (Produkte aus schwarzen bzw. grauen Jeans) herausgebracht und die Nachfrage war unerwartet groß. Deshalb können wir momentan nicht genügend schwarze und graue Jeans haben. Also immer her damit!

Vielen Dank für das Interview!

Autorin / Autor: LizzyNet / Constanze Klotz - Stand: 28. Juni 2017
 
 
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