Gefühle schlagen Fakten

Studie: Emotionale Schlagzeilen wirken unabhängig von der Glaubwürdigkeit der Quelle

Nicht erst seit Corona werden wir im Netz mit Gerüchten, Halbwahrheiten und Falschinformationen konfrontiert. Und trotz ihres fragwürdigen Wahrheitsgehalts werden sie oft tausende Male geteilt und können dadurch einen erheblichen Einfluss auf unsere Meinung und die gesamte öffentliche Debatte ausüben. Was lösen diese Fake News in unserem Gehirn aus und wie beeinflussen sie unser Urteilsvermögen? Dieser Frage gingen nun Psycholog_innen der Humboldt-Universität zu Berlin nach und fanden heraus, dass Gefühle mehr Macht haben als Fakten.

Fiktive Schlagzeilen
Normalerweise bewerten wir die Glaubwürdigkeit einer Nachricht oft danach, aus welcher Quelle sie kommt und entscheiden dann, ob wir eine Information für wahr oder falsch halten. Doch was passiert, wenn Schlagzeilen bewusst emotional formuliert sind? Ist uns dann die Quelle noch wichtig, oder lassen wir uns verleiten, das Gelesene ohne Überprüfung zu glauben und weiterzuverbreiten? Um dies zu untersuchen, wurden in der Studie der Berlin School of Mind and Brain und des Psychologischen Instituts der HU Proband_innen mit fiktiven Schlagzeilen im jeweiligen Online-Layout bekannter deutscher Medienquellen konfrontiert. Dort lasen sie Schlagzeilen mit sozial-emotionalen oder vergleichsweise neutralen Informationen über fiktive Personen. Beispielsweise wurde über eine Person berichtet, dass sie Steuergelder veruntreut habe und über eine andere, dass sie besondere Zivilcourage bewiesen habe. Nach einer kurzen Pause wurde die Gehirnaktivität der Proband_innen gemessen, während sie die Personen anhand des Gesichts beurteilten.

Extreme Urteile
Das Ergebnis: Obwohl die Studienteilnehmer_innen die Medienquellen als unterschiedlich glaubwürdig einschätzten, spielte dies für ihre Meinungsbildung keine Rolle, wohl aber die emotionalen Inhalte der Schlagzeilen: Auch wenn die Proband_innen der Nachrichtenquelle nicht besonders vertrauten, fällten sie extreme Urteile über Personen, über deren negatives oder positives Verhalten in den Schlagzeilen berichtet wurde. Personen, deren Verhalten als negativ beschrieben wurde, bewerteten sie als unsympathisch und negativ, während sie diejenigen, die mit guten Taten Schlagzeilen machten, als sehr sympathisch und positiv einschätzten.

Gehirnaktivität zeigt die Auswirkung emotionaler Schlagzeilen
Während die Versuchspersonen die Personen beurteilten, wurde ihre Gehirnaktivität mittels eines Elektroenzephalogramms (EEG) erfasst. Dabei können schnelle, unwillkürliche Antworten des Gehirns von langsameren, kontrollierteren Reaktionen unterschieden werden. Die Forscher_innen hatten erwartet, dass die kontrollierteren Reaktionen neben der Emotion dazu beitragen würden, die Glaubwürdigkeit der Quelle in das Urteil miteinfließen zu lassen. Allerdings zeigten sich sowohl in späten, als auch in frühen Reaktionen des Gehirns, dass die Emotionalität der Schlagzeilen viel dominanter auf das Gehirn einwirkte.

Gefährliche Schlagzeilen
Die Studie zeigt also: Nachrichteninhalte, die Gefühle wie Begeisterung oder Empörung auslösen, prallen auch dann nicht einfach an uns ab, wenn wir die Quelle als wenig vertrauenswürdig einschätzen. Es scheint wohl leider so zu sein, dass emotionale Inhalte unser Urteilsvermögen dominieren und wir nicht mehr auf die Verlässlichkeit einer Quelle achten. Diese Konsequenzen emotional geladener Nachrichten zu erkennen und weiter zu erforschen ist ein wichtiger erster Schritt, um sich gegen die möglicherweise schädlichen Folgen von Gerüchten, Halbwahrheiten und Falschinformation zu schützen.
Wir sollten alle daran denken, bevor wir das nächste Mal eine Aufreger-News teilen!

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung